Warum Une femme est une femme (Jean-Luc Godard, 1961) ein großartiger Film ist

12. Mai 2009

  • Wegen Anna Karina.   
  • Wegen der Jukebox-Szene, die, je nach Lesart, inmitten einer turbulenten Liebesbeziehung fast einer Beleidigung des Regisseurs für die Karina – seinen Star und seine spätere Ehefrau – gleichkommt. Sie sitzt mit Belmondo in einem Café, er wirft auf ihren Wunsch eine Münze in die Jukebox und spielt Charles Aznavour: Tu t’laisses aller (davon gab es auch eine deutsche Version unter dem Titel „Du lässt Dich gehen“). Darin beschimpft Aznavour seine Frau als biestig, dick, unattraktiv, desinteressiert und langweilig. Godard lässt das ganze Lied ausspielen (drei Minuten und vierzig Sekunden) und schneidet dazu immer wieder auf Karina, die ein Foto ansieht, auf dem ihr Mann mit einer anderen Frau zu sehen ist. Selten war eine Musikuntermalung ein so direkter Ausdruck des Seelenlebens. (Das Lied selbst ist übrigens auch toll.):

  • Weil es ein absurdes Striptease-Lokal wie das, in dem Angela arbeitet, leider nicht mehr gibt: Eine knappe Handvoll gelangweilter Männer in einer länglichen Halle an Tischen mit karierten Decken, und dazwischen laufen die Mädchen auf und ab und singen ein Lied, während sie sich ausziehen. Und Angela nimmt diesen Job so ernst wie eine Künstlerin ihre Werke.
  • Überhaupt diese Dekonstruktion des Striptease!
  • Weil Godard die Regeln und Konventionen der geliebten Hollywood-Musicals durch den Schredder gedreht hat – zum Beispiel, indem er zwischendurch immer wieder die Musik einfach abdreht –, dennoch ständig auf sie anspielt und gleich mit dem nächsten Schnitt unverrichteter Dinge weiterzieht:

      Karina.jpg

  • Weil es hier noch richtig Spaß macht, einen Godard-Film zu gucken und man ihn auch problemlos Leuten vorführen kann, die sonst schnell „Hilfe, Filmkunst!“ schreien und fortrennen.
  • Weil – bei aller gewollten Künstlichkeit – die Geschichte des Paares doch berührt.
  • Die Szene, in der Anna Karina und Jean-Claude Brialy wegen eines Streits nicht mehr miteinander reden und sich mithilfe von Buchtiteln aus dem Regal Beleidigungen an den Kopf werfen.
  • Die Art, wie Brialy auf dem Weg zum Bücherregal die Stehlampe schultert (und wie er im Wohnzimmer Fahrrad fährt).  
  • Wegen des Wortspiels am Schluss, das in der deutschen Synchronisation verloren geht: „Angela, tu es infâme!“ – „Non, je ne suis pas infâme, je suis une femme!“ („Angela, du bist infam!“ – „Nein, ich bin eine Frau!“)

2 Antworten to “Warum Une femme est une femme (Jean-Luc Godard, 1961) ein großartiger Film ist”

  1. […] Folgen: Une femme est une femme Sunset Boulevard Rio Bravo Verfasst von tfunke Eingeordnet unter 10 Gründe für 1 Film […]

  2. […] und manierierte Inszenierung der Darsteller.“ Aber warum der Film nun eigentlich so gut ist? Kleinblutrot zählt […]

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