Special 26 @ Raj Mandir

28. Februar 2013

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„There is nothing like Raj Mandir anywhere in the world. It is not a cinema, it is a tourist attraction.“ Die Worte von B. R. Chopra, gemeinsam mit den Huldigungen anderer indischer Regisseure eingraviert auf einen leuchtenden Tisch, auf dem eine mit frischen Blumen gefüllte Vase steht, sind ganz offensichtlich wahr: Der Tisch selbst ist umgeben von fotografierenden Touristen, indischen wie europäischen. Das Raj Mandir in Jaipur (Rajastan), eröffnet in den 1970er Jahren, 1133 Plätze, ist in der Tat ein Erlebnis, ganz sicher das schönste Kino, das ich je gesehen habe. Es ist die dinggewordene Hybris des Bollywoodkinos: von allem zu viel, in eine schöne Form gegossen.

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Die asymmetrische Fassade wirkt auf den ersten Blick wie ein Betonungetüm, steckt auf den zweiten mit seinen manchmal harten, manchmal geschwungenen Linien aber voller bemerkenswerter Details. Im Foyer steht eine Nachbildung des Gebäudes, zur Schau gestellt in einer Vitrine, geschmückt mit einer Miniaturversion des Filmplakats des Eröffnungstages: Charas (1976). Wenn man durch den eher unscheinbaren Eingang in das Foyer gelangt, wird man überrascht von der Weite, die sich plötzlich auftut. An der Decke hängen Kronleuchter, rechts geht eine geschwungene Treppe zu einer Empore hinauf, die auf ihrer hinteren Seite über eine Rampe zurückgeführt wird. In der Mitte des Raumes steht der blumengeschmückte Leuchttisch mit den Zitaten indischer Regisseure, an den geschwungenen Wänden sind lounge-artige Sitzgelegenheiten angeordnet, überall verteilt Verzierungen im Art-Deco-Stil, aber mit Wucht.

Ich bin in einer 18.30-Uhr-Vorstellung. Das Foyer füllt sich schnell, etwa ein Viertel der Gäste sind westliche Touristen, aber auch die Inder fotografieren sich fleißig gegenseitig. Im Saal setze ich mich möglichst weit nach vorne, in der Hoffnung, dort mehr reguläre Kinobesucher anzutreffen (Tickets kosten 70, 100 oder 200 Rupien – ein Euro, ein Euro vierzig oder zwei Euro achtzig). Das Kino ist zur Hälfte leer, das Publikum sitzt dennoch brav durchnummeriert auf zugewiesenen Plätzen. Als ich mich in eine sonst leere Reihe setze, will der Platzanweiser mein Ticket sehen, lässt mich dann aber gewähren.

Es läuft Special 26 (Special Chabbis, 2013) von Neeraj Pandey, ein Film, der in der IMDB immerhin acht Sterne erhalten hat. Auf Hindi, ohne Untertitel. Es geht um eine Gruppe schnauzbarttragender Männer, die sich als Steuerfahnder ausgeben und bei aufwändig gedrehten, vorgetäuschten Razzien Geschäftsleute ausnehmen. Ein ebenfalls schnauzbart tragender Polizist kommt ihnen auf die Schliche, stellt ihnen eine Falle, zieht am Schluss aber den Kürzeren. Das Ganze ist auf eine Art inszeniert, die man wohl „flott“ nennen muss, mit Splitscreens, schnellen Ortswechseln und vorwärtstreibender, perkussionslastiger, aber auch sehr redundanter Musik. Am meisten im Gedächtnis bleibt mir ein immer wiederkehrendes Motiv: entschlossen dreinblickende Männer, die schnellen Schritts auf die sich rückwärts bewegende Kamera zugehen.

Wie in einem indischen Kino nicht anders zu erwarten, geht das Publikum mit. Die jungen Männer in der Reihe vor mir lachen viel und pfeifen auf zwei Fingern; man unterhält sich während des Films, und die Aufforderung, das Mobiltelefon nicht zu benutzen, wird kollektiv ignoriert. Einer steht immerhin auf und verlässt den Saal, als er angerufen wird. Kleine Kinder schreien und werden von ihren Müttern hinausgebracht. Die einzige Song-and-Dance-Szene des Films nimmt jemand vor mir mit einer Kleinbildkamera auf, noch eine Reihe davor tut ein Blackberry dasselbe.

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In der Pause wird die Beleuchtung des Saals grün.

Eine deutsche Touristin, mit der ich mich in der Pause unterhalte, erzählt von ihrem ersten Indienaufenthalt vor zwanzig Jahren. Damals sei in den Kinos mehr los gewesen, dies hier, heute im Raj Mandir, sei harmlos. Ich nicke beeindruckt.

An den wenigen Bollywoodfilmen, die ich gesehen habe, störte mich meist ihre schiere Länge und schmalzige Handlung. Jetzt stört mich daran vor allem, wie sehr diese Filme die Realität des Landes ausblenden, in dem sie entstehen. Die Handlung mag noch so ambitioniert sein und den Konflikt mit Pakistan oder die Verkommenheit der Bürokratie zum Thema haben, oder sich einer menschenfreundlichen Wir-sind-alle-Brüder-Philosophie bemächtigen (Swades, 2004): Nirgendwo sieht man das, was man auf indischen Straßen jederzeit sieht: extreme Armut und extreme Verschmutzung. Auf dem Weg zum Kino sah ich einen Mann am Straßenrand liegen, regungslos, Lumpen am Körper, eine Wolke aus Uringeruch, eine zweite aus Fliegen. Kühe stehen oft auf einem Abfallhaufen und suchen nach Essbarem, wenn ihnen gerade niemand eine Tüte Gras (keinerlei Wortspiel beabsichtigt) spendiert. Ich bin natürlich nach dem bisschen Herumreiserei hier kein Indienexperte, sondern genau so ein ignoranter Tourist wie alle anderen auch, und es liegt mir fern, Elendsschwärmerei zu betreiben. Aber diese Dinge sind über-offensichtlich. Gibt es eigentlich keinen indischen (Neo)Realismus? Und wenn nein: warum nicht? Oder kenne ich diese Filme bloß nicht? Und wenn das so ist: warum? Über Hinweise von kundiger Seite wäre ich sehr dankbar.

Bei Special 26 fällt mir das nun wegen der zweitweiligen räumlichen Nähe besonders auf. Die Straßen in Delhi, auf denen die schnauzbarttragenden Con-Männer unterwegs sind, sind dieselben, die ich vor wenigen Tagen gesehen habe. An ihren Rändern leben ganze Familien in Zelten aus Plastikfolie und Pappe. Der Film spielt 1987, aber ich glaube nicht, dass dies der Grund für die systematische Ausblendung der hiesigen Realität ist. Eine kurze Szene spielt in Delhis Altstadt, vor der Jamma Moschee. Sie muss in aller Herrgottsfrühe gedreht worden sein, und selbst dann wirkt die Straße unnatürlich leer und leise. Bollywood ist ein potemkinsches Dorf. Am Connaught Place das gleiche, geisterhafte Bild. Die Verfolgungsszene dort, das muss auch gesagt werden, ist allerdings ziemlich spektakulär. Der reale Verkehr von Delhi eignet sich wohl nicht für Verfolgungsjagden. Die wären schon nach wenigen Metern zu Ende.

Special 26 endet dann mit dem blamierten Polizisten, eine Szene, die lange ausgekostet wird und für viel Hallo im Publikum sorgt. Viele der westlichen Touristen sind bis dahin schon gegangen. Die meisten aber sind die ganzen zweieinhalb Stunden geblieben – was ja dann irgendwie doch für Bollywood spricht.

(mehr Fotos und ein Video nach dem Klick)

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Eine Antwort to “Special 26 @ Raj Mandir”

  1. […] zu der Erkenntnis verholfen, dass Indien nicht stets Bollywood ist. Erst kürzlich hatte ich ja nach einigen Kinobesuchen in Indien davon berichtet, wie merkwürdig die Bollywood-Phantasiewelt ist, wenn man in Jaipur auf der Straße steht. Von […]

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