Beautiful Creatures

8. April 2013

Einen solch büchernarrischen Film muss man einfach mögen. Ein Film, der aus einer Jugendliteratur-Reihe entstand (wie zur Zeit gefühlt fast alle Filme für Jugendliche), und sein eigenes Seitenrascheln nicht zu verbergen sucht, sondern weiterführt, aus dem Young-Adult-Segment hinaus in die weite Welt der großen Literatur.

Eins der ersten Bilder von Beautiful Creatures (IMDB-Link) zeigt den Ich-Erzähler Ethan mit der Nase in Kurt Vonneguts Slaughterhouse-5. In Ethans Zimmer sieht man später noch weitere Bücher, nicht irgendwelche, sondern eine Art Best-Of einst (meist wegen des Vorwurfs vulgärer Spracher oder der Obszönität) verbotener Werke: Henry Millers Tropic of Cancer, J.D. Salingers Catcher in the Rye, Naked Lunch von William S. Burroughs. Dann ist noch von Harper Lees To Kill a Mockingbird die Rede und viel von Charles Bukowski, genauer gesagt von dessen Gedichtsammlung You Get So Alone Sometimes That It Just Makes Sense. Es ist, als holte Ethan sich seine Buch-Tipps aus Gerichtsakten statt aus dem Feuilleton. Und Lena, die geheimnisvolle Neue an der Schule, sammelt Gedichte, die sie in einer Szene an den Wänden ihres Mädchenzimmers aus dem Nichts auftauchen lässt (denn Lena ist eine Hexe, auch wenn sie dieses Wort nicht so gerne hört, sie bevorzugt die Bezeichnung Caster.).

Szenenbild 03 700x470

Dass dies der Kanon eines in der amerikanischen Provinz heranwachsenden Jungen sein soll, ist natürlich extrem unglaubwürdig (immerhin: er kommt aus einer family of letters), aber dennoch eine schöne Vorstellung. Noch unwahrscheinlicher: Ein Provinzkino, das zwar, wie wir am Anfang erfahren, immer alle Filmtitel falsch schreibt, aber dennoch Gilda (1946) zeigt, den Film, in dem Rita Hayworth nur ihre Handschuhe auszieht, man aber glaubt, einem waschechten Striptease zugeschaut zu haben, die angebliche Existenz eines solchen Kinos in der heutigen Zeit ist freilich ebenso unglaubwürdig. Aber darum geht es nicht. Die Gilda-Referenz wird vielmehr kühn für eine Verführungsszene verwendet, die sogar kurzzeitig schwarzweiß daherkommt, in einer Seitengasse neben dem Kinogebäude, dort macht eine Hexe mit Femme-Fatale-Zügen sich einen schwachen Mann gefügig. Ach so, Jane Austen wird auch einmal erwähnt, in einem ziemlich pfiffigen One-Liner Lenas.

Man kann nun einen Film, der intellektuell tut und intellektuell posierende Teenager bei der ersten Liebe zeigt, durchaus für doof halten, für angeberisch. Aber warum sollte man? Ethans nonkonformistische Literaturauswahl ist Spiegelbild seines unbedingten Willens, das bornierte Südstaaten-Provinznest zu verlassen, in dem er aufwächst. Ob die Zielgruppe allerdings die Aufforderung zum Ungehorsam, die in den literarischen Verweisen verborgen liegt, entziffern kann, weiß ich nicht. Ein Anstoß für das ein oder andere Leseabenteuer sollte aber schon drin sein. 

Die Vorliebe für Literatur (die, wie ich höre, auch schon in den Romanvorlagen von Kami Garcia und Margaret Stohl vorhanden ist) ist eins der Dinge, die diese Jugendfilmserie vom Vorbild der Twilight-Filme abhebt, weshalb Beautiful Creatures verdient hat, nicht bloß als der Film in Erinnerung zu bleiben, der besser ist als Twilight. Jeremy Irons und Emma Thompson reichern die junge Darstellerriege mit viel Spielfreude an, besonders Thompson macht die Hexerei offenbar richtig Spaß. Und der Film ist übrigens auch lustig. Ethan (Alden Ehrenreich) und Lena (Alice Englert) müssen sich nicht immer nur schmachtend ansehen, sondern liefern sich Wortgefechte unterhaltsamster Art, manchmal sogar etwas schmutzig: Als Ethan aus Angst vor Entdeckung aus Lenas Zimmer fliehen muss, lässt sie kurzerhand die Pflanzen an der Hausfassade emporklettern. Und Ethan, während er aus dem Fenster steigt, fragt beeindruckt: „Kannst du alles so wachsen lassen?“

An der Stelle bekam ich im Kino einen Lachanfall. Ethan hat seinen Henry Miller offenbar wirklich sehr aufmerksam gelesen.

(seit 4. April 2013 im Kino)

Eine Antwort to “Beautiful Creatures”

  1. […] ein Teeniefilm wie Beautiful Creatures Henry Miller, Salinger, Bukowski und Burroughs in die Vorstellungswelt seines Publikums […]

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