The Attacks of 26/11 @ Regal Cinema

5. März 2013

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Der zweite Kinobesuch in Indien, dieses Mal in Mumbai. Das Regal Theatre (1178 Plätze, Karten für 100, 150 oder 200 Rupien) ist ein wenig heruntergekommen, mit seinem Dreißiger-Jahre-Art-Deco aber immer noch eine Perle unter den Lichtspielhäusern. Der Aufgang zum Balkon ist holzvertäfelt, der Saal sieht aus als wäre er seit der Eröffnung kaum verändert worden. Wir sehen The Attacks of 26/11 von Ram Gopal Varma, ein Film über die Terroranschläge von 2008, als zehn Terroristen mit einem Schlauchboot in Mumbai an Land gingen und an verschiedenen Orten der Stadt über 60 Stunden lang mehr als 160 Menschen töteten und über 300 verletzten.

Der Film kam am Tag unserer Ankunft in Mumbai ins Kino. Zu den damaligen Anschlagsorten gehörte auch unser Hotel, das Taj Mahal Palace. Ebenso ein Bahnhof, ein Krankenhaus und das Café Leopold, wo wir gleich zu Beginn unseres Aufenthaltes einkehrten (okayer Masala Sandwich, der Kellner vergaß die mit dringlicher Bitte bestellte Literflasche Wasser). In der örtlichen Presse kommt der Film nicht gut weg. Ich konnte drei Zeitungen mit aktuellen Filmkritiken ausfindig machen, alle drei veröffentlichten Verrisse, jeweils ausdrücklich bedauernd, dass Regisseur RG Varma schon wieder nicht zu alter Form zurückgefunden hat.

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The Attacks of 26/11 ist in der Tat ein schrecklicher Film. Gleichwohl hatte ich den Eindruck, das er das Publikum ergriff. Wir gingen am dritten Tag hinein, als die Mundpropaganda schon Wirkung zeigen konnte, und die 15.30-Vorstellung an einem Sonntag war sehr ordentlich gefüllt. Ich sprach mit einem jungen Inder, der mit seiner Freundin dort war. Ihm hatte ein Freund empfohlen, in den Film zu gehen, jeder Einwohner Mumbais müsse ihn sehen, auch wenn es weh tue. Ich fragte ihn, vor allem aber wohl mich selbst, ob man die Nachstellung dieser schrecklichen Ereignisse wirklich noch einmal erleben will. „We can never forget“, sagte er nur.

Aber wie kann ein Film wie dieser bei der Bewältigung des Traumas helfen? Er ist ultra-brutal und folgerichtig ab 18 freigegeben (was die Drei-Generationen-Familie, die in unserer Reihe saß, nicht davon abhielt ein Kind mitzubringen, das zum Zeitpunkt der Terroranschläge bestenfalls gerade geboren war – und das auch bei durchschnittenen Kehlen und aufplatzenden Köpfen keinen Mucks von sich gab). An mehreren Anschlagsorten wird auf die immer gleiche Weise erzählt: Unschuldige künftige Opfer werden visuell etabliert, dann beginnt die Schießerei, oft in Zeitlupe, die hassverzerrten Gesichter der Terroristen, einzelne, vergebliche Versuche polizeilicher Heldentaten. Die Szene in der Lobby des Taj Mahal Hotels ist mit seinen lachenden und freundlichen Menschen, seinen stets hilfsbereiten Sari-Damen an der Rezeption gedreht wie ein Werbevideo des Hotels, nicht wie ein Film über das schreckliche Massaker, das sich Sekunden später dort ereignete.

Als die Lobby dann voller Leichen liegt, hört man das Schreien eines kleinen Kindes. Eine Hotelangestellte, die es retten will, wird erschossen. Das Schreien erstirbt dann wenig später, als off-camera ein letzter Schuss abgefeuert wird. Das Kind muss Lucy gewesen sein, der letzte Name, und der einzige ohne Familienname, auf dem Gedenkstein für die 32 Todesopfer im Hotel, heute eingraviert in einem Innenhof neben dem Frühstückssaal.

Wenn Bollywoodgetöse in einem Film einmal wirklich unpassend ist, dann in diesem. Alle Register des Actionkinos werden gezogen, der realistische Anspruch, der behauptet wird, ist andauernd durch die Anrufung bekannter visueller Muster unterbrochen. Der aufdringliche Einsatz der Musik dient nur dazu, das durch die Bilder ausgelöste Gefühl zu verstärken, als sehe man der Verfilmung eines x-beliebigen Drehbuchs zu. Und obwohl der Vorspann behauptet, man stelle keine Religion über die andere, sind doch an mehreren Stellen Abbildungen von Hindu-Gottheiten im Vordergrund ins Bild gerückt, während im Hintergrund die (von Muslimen begangenen) Verbrechen stattfinden. Der Gedanke an unterschwellige Propaganda muss nicht zutreffend sein, aber er liegt nicht sehr fern, wenn man diese Einstellungen sieht.

Ganz ähnlich wie im Hotel laufen auch die Szenen im Bahnhof, im Krankenhaus und ganz zu Beginn im Café Leopold ab. Im zweiten Teil steht der Polizeichef im Vordergrund. Seine Aussage vor einem Untersuchungsausschuss (in einem Raum mit einem riesigen Gandhi-Bild an der Wand) bildete bereits von Anfang an die Struktur des in Rückblenden erzählten Films. Nun wird der einzige überlebende Attentäter mit den Leichen seiner neun Mittäter konfrontiert, worauf er theatralisch zusammenbricht. Der Polizeichef, die einzige wirklich entwickelte Figur des ganzen Films, tritt dem auf dem Boden kauernden Mann in den Hintern. Dann hält er einen längeren Monolog über die wahren, friedlichen Ziele des Islam (der Film lief auf Hindi ohne Untertitel, deshalb weiß ich das nur über Dritte).

Hier verändert sich das Verhalten des Publikums. Bisher war es, für eine indische Kinovorstellung, sehr ruhig im Saal gewesen, und ich bin mir ziemlich sicher, in den Gesichtern der Zuschauer um uns herum Schock und Ergriffenheit gesehen zu haben. Hin und wieder gab es aus einigen Ecken Gelächter, wenn die Polizei ins Bild kam, vermutlich ist das als Kritik an deren offensichtlicher Überforderung zu verstehen. Jetzt aber, mit dem überlebenden Terroristen am Boden, läuft eine Woge der Genugtuung, gemischt mit Erleichterung, durch den Saal. Es wird geklatscht, vereinzelt gibt es auch Zwischenrufe, wenn das zu einer Fratze verzerrte Gesicht des Mannes ins Bild kommt. Vielleicht is es das, was für die Zuschauer in Mumbai funktioniert: zuerst die Wiederholung, quasi wörtlich, mit den gewohnten, bekannten Mustern des Unterhaltungskinos erzählt, aber dieses Mal nicht zum Vergnügen, sondern zur Qual. Und dann Genugtuung, vielleicht auch Rache, mit der täuschenden Augenzeugenschaft des modernen Zeitalters, dem Kino. Ajmal Qasab, so heißt der Terrorist, wurde erst Ende vergangenen Jahres hingerichtet, rechtzeitig genug also, um diese Szene noch in den Film aufzunehmen. Als der Henker ihm die Schlinge um den Hals legt, ist es im Kino vollkommen still.

Nach dem Film gingen wir noch einmal ins Leopold’s, auf ein paar Bier und um uns zu fragen, was dieser Film wohl bezwecken wollte. Zwischen den Tischen lief ein Kind mit einer Spielzeugpistole herum. An diesem Ort, in diesem Moment, war das ein sehr verstörender Anblick.

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