Jemand möge bitte eine Statistik heraussuchen und untermauern, was ich jetzt schreibe: The Hurt Locker ist der kommerziell am wenigsten erfolgreiche Film, der jemals einen Academy Award in der Kategorie best motion picture gewonnen hat. In Deutschland hatte er rund 55.000 Zuschauer, in den USA lief es auch nicht viel besser. Weltweit spielte er etwas mehr als 21 Millionen Dollar ein, bei Produktionskosten von 15 Millionen. Vielleicht klingt das nicht in jedem Ohr so, aber das ist wirklich ziemlich wenig.
Selten zeigte sich die vielbeschworene Distanz zwischen Publikum und Kritikern so deutlich wie hier; für letztere war Tödliches Kommando (so der deutsche Verleihtitel, was Sie womöglich gar nicht wissen, weil der Film im vergangenen Herbst im Kino ziemlich unterging) schnell ein Liebling.
Das Publikum aber wurde nicht warm damit, und zwar, wie ich glaube, aus verschiedenen Gründen. Am vergangenen Wochenende habe ich einem Dutzend Freunde einige der nominierten Filme gezeigt, darunter auch Hurt Locker. Er war der von allen am wenigsten geliebte Teil des triple features. Ich bin sicher, dass das wenige wundern wird, und dabei habe ich noch gar nicht verraten, dass einer der drei Filme The Blind Side mit Sandra Bullock war (der dritte war Up, den natürlich jeder mag).
Wirklich interessant wird es, wenn man sich die Gründe für die Unbeliebtheit von The Hurt Locker ansieht und sie vergleicht mit der Würdigung seiner künstlerischen und technischen Verdienste. Einige meiner Gäste bemängelten, er lasse durch seine elliptische Erzählhaltung keine Beziehung zu den Protagonisten entstehen (und der Film gewann den Oscar für das beste Drehbuch), anderen war er viel zu laut (und der Film gewann beide Oscars für den besten Ton). Wieder andere mochten die ruckartige Inszenierung nicht (und der Film gewann den Oscar für den besten Schnitt).
Einige vermeinten sogar eine Art Rekrutierungsvideo für den Irak-Einsatz der USA zu erkennen, ein Gedanke, der mir selbst im Entferntesten nicht gekommen wäre. Dass Bigelow ihren Film in der Dankesrede den Frauen und Männern des US-Militärs im Irak, in Afghanistan „und in der ganzen Welt“ widmete, die „täglich ihr Leben riskieren“ und gesund nach Hause zurückkehren mögen – geschenkt. Gewiss, das klingt nicht wie Michael Moores „Shame on you, Mr. Bush“. Diesen über alle Maßen nüchternen Film aber patriotisch zu nennen, wäre sicher verfehlt.

Bewegt Hollywood sich also, wie zurzeit häufig zu lesen ist, weg vom Blockbuster–Bombast? Bedeutet dieser Ausgang – der kleine Hurt Locker gewinnt gegen den großen Avatar – dass Geld, wie die FAZ schreibt, nicht mehr alles ist? Dass eine moderne Interpretation klassischer Tugenden des Filmemachens en vogue ist? Ein Blick auf das Kinoprogramm schützt vor solchen Hoffnungen. Aber die Entscheidung „für den richtigen Film“ steht in so auffälligem Kontrast zu der vom vergangenen Jahr, dass man doch geneigt ist, darin wenigstens ein ganz kleines bisschen herumzudeuten. 2009 gewann Slumdog Millionaire, der in seiner filmischen Form fast das genaue Gegenteil von The Hurt Locker ist. Die Zuschauer in meinem Wohnzimmer waren im vergangenen Jahr schon nach zehn Minuten Fans von Danny Boyles Film. Geld war bei Slumdog auch nicht alles, es handelte sich ebenfalls um eine verhältnismäßig kleine Produktion. Aber Geld war eben auch nicht ganz egal, denn an der Kasse war er ein Über-Hit. Ebenso wie übrigens Oliver Stones Platoon, der letzte zu Oscar-Ehren gekommene Film über einen amerikanischen Krieg, damals, 1987.
Die 82. Oscar-Verleihung markiert deshalb nicht so sehr eine Abkehr von Multimillionendollar-Produktionen, die hat schon Slumdog markiert. Mit dem Preis für The Hurt Locker kommt vielmehr nun noch das Selbstbewusstsein des Handwerks gegenüber den Buchhaltern der Industrie zum Tragen.

– Den Verlauf der Oscar-Nacht kann man als kollektiven Twitter-Bericht bei Peter Noster nachlesen. Ein Fazit der Verleihung ziehen Moviezkult, Equilibrium, Duzy Blazk, Thomas Hunziker und nochmal Peter Noster.
– Die Liste aller Gewinner und Nominierten bei oscars.org.
Dankesreden der Gewinner (mit vorgeschalteter Werbung). Kathryn Bigelows Dankesrede. Sehr schön auch: Sandra Bullock als beste Hauptdarstellerin.

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