Oscar-Kram

21. Februar 2013

Auch dieses Jahr habe ich es geschafft, alle für den Best Picture Award nominierten Oscarkandidaten noch vor der Verleihung am kommenden Sonntag zu sehen, es sind insgesamt neun. Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich keinen eindeutigen Favoriten. Ich mag alle nominierten Filme, sogar das an anderen Orten hart verrissene Les Misérables. Es gibt aber kein Team, dem ich mich anschließen wollte, anders als im letzten Jahr bei The Artist oder vor drei Jahren bei Hurt Locker. Oder 2011, im leider unterlegenen Team The Social Network.

Silver Linings Playbook Bradley Cooper Jennifer Lawrence

Zum zweiten Mal hintereinander sind alle Nominierten bereits vor der Oscar-Verleihung in Deutschland zu sehen, Le Mis folgt mit seinem heutigen Kinostart als letzter. Das ist eine unbedingt erfreuliche Entwicklung – früher musste man den Filmen immer hinterherlesen, und in der Prä-Internet-Zeit war das bekanntermaßen sehr schwierig. Schade ist allerdings, dass die Zuschauer diese Möglichkeit kaum nutzen: Außer Django Unchained und Life of Pi ist kein Kassenerfolg darunter. Offenbar ist die große Zahl der Nominierten daran schuld, „weil die Aufmerksamkeit auf zu viele Filme verteilt ist und damit unwirksam wurde„. Seit 2010 können bis zu zehn Filme nominiert werden, davor waren es fünf. Andererseits schaffen es auf diese Weise auch Produktionen in die Best-Picture-Kategorie, die früher ignoriert worden wären: Beasts of the Southern Wild gehört in diesem Jahr dazu, davor waren es der großartige Winter’s Bone oder der Animationsfilm Oben.

Amour:

Der beste Film unter den neun, mit natürlich null Chancen, zu gewinnen. Michael Hanekes Ballade über das Alter und den Tod (in einem Film, der dennoch „Liebe“ heißt!) dürfte der einzige der Nominierten sein, der auch in Jahrzehnten noch Bestand hat.

Argo:

Unterhaltungskino mit Anspruch, in der Oscar-Season mit zahlreichen Preisen überhäuft und deshalb Favorit. Es gibt über diesen Film nichts schlechtes zu sagen.

Beasts of the Southern Wild:

Über diesen Film schon eher: Ich mochte ihn sehr (wenn auch nicht ganz so sehr wie ich erwartet hatte), viele Leute hassen ihn. Die impressionistische, strikt aus der Sicht eines Kindes gefilmte (die Kamera ist meist in der Hüfthöhe der Erwachsenen) Geschichte ist aber, das müssen auch die Kritiker zugestehen, ein originelles Debütwerk.

Django Unchained:

Der neue Tarantino ist wie erwartet großartig, wenn auch nicht ganz so großartig wie der Vorgänger Inglorious Basterds. Und Christoph Waltz ist auch wieder toll, sollte aber dieselbe Masche nicht noch ein drittes Mal durchziehen.

Le Misérables:

Mir ist klar, dass man Musicals mögen muss, um sich in diesem Film wohlzufühlen. Warum ihm aber so viel an Hass grenzende Ablehnung entgegenschlägt, ist mir schleierhaft. Mir gefällt der Film sehr. Ich wollte eigentlich näher erläutern, warum, hatte aber keine Zeit für einen längeren Text. Man möge mir also bitte einfach glauben.

Life of Pi:

Beim neuen Ang Lee war ich angesichts des Trailers sehr misstrauisch, ja, in keinen der Filme dieser Aufzählung bin ich mit so viel Skepsis gegangen wie in diesen. Statt der erwarteten spirituellen Überdosis Esoterik habe ich aber einen mitreißenden Film gesehen, der aus seiner eigentlich unmöglichen Erzählsituation das Allerbeste herausholt. Und das Ende versöhnte sogar mein Agnostikerherz.

Lincoln:

West Wing in Zeitlupe. Auch hier ein Meister am Werk: eigentlich unmögliche Erzählsituation – es geht um die Durchsetzung eines Gesetzes – mit großtmöglicher Spannung und Geschicklichkeit umgesetzt. Spielberg setzt dazu auf schauspielerische Kabinettstückchen und pathetische Reden direkt aus der Gerichtsdrama-Tradidion des amerikanischen Films. Funktioniert alles wunderbar.

Silver Linings Playbook:

Nicht nur als bester Film nominiert, sondern auch in allen vier Schauspielerkategorien – etwas, das sehr selten vorkommt. Dazu gehört ein glänzend agierender Robert de Niro, der zum ersten Mal seit Jahren in einem wirklich guten Film mitspielt. Silver Linings Playbook kommt sehr nah an das, was man als Sophisticated Comedy bezeichnen und stets in einer glorreichen Hollywood-Vergangenheit verortet. Verliert auch nach der zweiten Sichtung nichts. Mein Favorit, wenngleich ich eher auf Lincoln oder Argo als Gewinner tippe.

Zero Dark Thirty

Der wichtigste Film dieses Oscar-Jahrgangs. An der Kinokasse in Deutschland erwartungsgemäß ziemlich untergegangen, in den USA mit einer Pro-Contra-Folter-Diskussion zerredet. Spannendes, politisch relevantes Actionkino. Wird natürlich nicht gewinnen.

Trailer aller neun Nominierten:

Die Oscar-Show Sonntagnacht werde ich leider nicht sehen können (bin im Urlaub), aber irgendwo in Indien wird mich die Nachricht vom Gewinner erreichen. Deshalb gebe ich dieses Jahr auch keinen Tipp ab.

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