Papa Gold: Wie ein kleiner Film versucht, mittels Crowdfunding ins Kino zu kommen

14. Juli 2011

Einundzwanzig Euro und zwölf Cent. So viel haben die bisher 33 Unterstützer des Projekts durchschnittlich gezahlt, insgesamt rund 700 Euro. Viele von ihnen sind Freunde und Familie von Regisseur Tom Lass, aber auch einige Unbekannte. 2.180 Euro müssen es werden, um einen Teil der Kosten für die Musikrechte für den Film Papa Gold zu decken. Dafür bleiben noch dreißig Tage, als Motivation können sich potenzielle Geldgeber nur einen flott geschnittenen Trailer ansehen. „Die Hälfte der Zeit für das Crowdfunding ist schon rum“, sagt Tom Lass (27) in einem Interview per E-Mail, „es bleibt also spannend. Ich habe mir sagen lassen, dass der größte Teil des Geldes immer gegen Ende kommt.“

Es wäre dem Film zu wünschen, dass die Finanzierung noch klappt. Papa Gold erzählt von einem promiskuitiven Slacker in Berlin, gespielt von Lass selbst, der seit zehn Jahren nicht mit seiner Mutter gesprochen hat und dessen Stiefvater (der Theaterschauspieler Peter Trabner, durchaus eine Entdeckung) plötzlich vor der Tür steht, um das zu ändern. Gedreht mit nicht wackelnder Handkamera und für den sagenhaft niedrigen Betrag von 2.500 Euro, ist Papa Gold eine stimmungsvoll und mit Blick für den Berliner Szene-Lokalkolorit inszenierte Geschichte über das Erwachsenwerden – eines jener Projekte, bei denen man den Eindruck bekommt, die Beteiligten hätten einen guten Teil ihres eigenen Lebens verfilmt.

Regisseur Lass schwört auf Improvisation und, so nennt er es, auf eine „umgedrehte Herangehensweise“. Man nimmt die Drehorte, die zur Verfügung stehen, und passt das Skript entsprechend an. So kam es zu einer Szene in einer Zahnarztpraxis.

Ein Erotikfilm mit Anspruch, ein Wuppertal-Krimi mit Schwebebahn, eine Science-Fiction-Parodie mit Nazis

Nur bei der Musik ist das Sparen schwierig, da gibt es Verwertungsrechte und Verträge, die ausgehandelt werden wollen. Einzig dafür wurde die Crowdfunding-Maschine angeworfen, der Film selbst ist längst abgedreht und geschnitten. Die Musik von Bands wie The Bran Flakes, Cuckoo Chaos und Height with Friends dient hauptsächlich in mehreren Montagesequenzen als Untermalung: ein spaßiger Einkauf im Supermarkt, Melancholie nach dem Rausschmiss, auch mehrere Mädchen-wechsel-Dich-Sexszenen (mit nackter Haut ist Papa Gold durchaus großzügig, ebenso mit Jump Cuts, die es in fast jeder Szene gibt). Lass sagt, er könne sich „diesen Film nicht komplett ohne Musik vorstellen. Einzelne Tracks könnte man eventuell austauschen, aber einige Lieder sind so einzigartig und der Schnitt so auf sie abgestimmt, dass es sinnlos und falsch wäre“.

In der in Deutschland noch sehr jungen Crowdfunding-Szene (das Portal startnext.de ging erst im vergangenen Oktober online) ist Papa Gold ein Sonderfall; nicht nur wegen des verhältnismäßig kleinen Betrages von gerade etwas über zweitausend Euro, sondern auch, weil der Film schon fertig ist.
Andere wollen erst noch gedreht werden, wie der Erotikfilm (mit Anspruch!) Hotel Desire mit Anna Maria Mühe. Mit großen Namen verbinden sich auch gleich größere Summen. 170.000 Euro sollen gesammelt werden, dafür wird kein Portal wie startnext.de benutzt, sondern eine eigene Webseite, auf der man als Appetitanreger zwei Minuten lang einen nackten Frauenkörper unter der Dusche sehen kann. Und dahinter steht kein 27-Jähriger, der den Film einsam und allein in seiner Wohnung schneidet, sondern die Produktionsfirma Teamworx.

Ähnlich geht der Wuppertal-Krimi (mit Schwebebahn!) King Ping vor, allerdings ohne nackte Frau, dafür mit jeder Menge Anleihen beim Film Noir. King Ping hat ein veranschlagtes Budget von 1,2 Millionen Euro, die auch auf herkömmlichen Wegen, einschließlich Product Placement, aufgebracht werden sollen.

Als Dankeschön erhalten die Förderer in der Regel T-Shirts, ein Treffen mit der Crew oder eine namentliche Erwähnung am Ende des Films. Letzteres kostet bei Papa Gold 61 Euro, bisher hat aber noch niemand so viel auf einmal gezahlt. Bei Hotel Desire schlägt das Abspann-Mäzenatentum mit 250 Euro zu Buche, bei King Ping sogar mit 500 Euro – dafür springt dann aber auch ein kurzer Auftritt im fertigen Film heraus.

Tom Lass: „Die Masse geht ein größeres Risiko ein als ein kalkulierender Produzent.“

Die Gleichung „Filmfinanzierung gegen Komparsenrolle“ ist aber nicht so leicht, wie sie sich anhört. Und ordentliches Crowdfunding zu veranstalten ist nicht unbedingt weniger kompliziert, als einen Förderantrag auszufüllen. Die Macher der Science-Fiction-Satire Iron Sky (mit Nazis!) basteln seit Jahren an ihrem Werk und haben jüngst in einem Blogbeitrag detailliert ausgeführt, wo die Schwierigkeiten liegen. Sie hatten es nicht geschafft, über das Internet 300.000 Euro aufzutreiben. Ihr Fazit:

„Crowd Funding is not the goldmine of Internet filmmaking. It takes a huge heap of hard work, a lot of spamming, a realistic goal, and a very clear message.“

Für Tom Lass besteht die Schwierigkeit darin, das eigene Projekt bekannt zu machen: „Unser größtes Problem ist, dass wir noch keinerlei Fan-Base haben. Weder im Internet noch sonstwo. Ein Musiker, der schon Youtube Videos mit durchschnittlich 100.000 Views hat, kann über die gleichen Kanäle viel effektiver Crowdfunding betreiben als wir.“
Dennoch ist er optimistisch: „Ich gehe davon aus, dass Crowdfunding einen hohen Stellenwert bei künftigen Filmproduktionen einnehmen wird. Es könnte für ungewöhnlichere Projekte eine Chance sein, die auf herkömmlichen Wegen nie finanziert werden würden. Die Masse geht eventuell unterbewusst ein größeres Risiko ein als ein kalkulierender Produzent.“
Und weiter: „Außerdem wäre nicht mehr alles in den Händen verschiedener Fördergremien. Wichtig ist, dass Crowdfunding nicht den Charme der jungen Idealisten verliert, wenn es von etablierten Firmen als Werbestrategie missbraucht wird. Außerdem darf die Qualität der beworbenen Projekte nicht sinken, wenn irgendwann jeder darin eine schnelle Einnahmequelle sieht.“

Bleibt die ganz grundsätzliche Frage, warum man als Konsument neben den Kino-Eintrittsgeldern und DVD-Leihgebühren weiteres Geld für Filme ausgeben sollte. Startnext begründet das mit dem Anspruch, ein Instrument zur Mitgestaltung der Kulturlandschaft zu sein. Die Science-Fiction-Filmer von Iron Sky haben eine wesentlich simplere Antwort parat. „Hauptsächlich“, so erklären sie selbstbewusst in ihrer Projektbeschreibung, „weil es der coolste Film dieses Jahres werden wird.“

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