Am Baum hängen vs. Baum umarmen vs. Bäume ausreißen

12. Januar 2010

Über Süt, Avatar, Soul Kitchen und Wo die wilden Kerle wohnen

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Am Donnerstag läuft „Süt“ an, der neue Film von Semih Kaplanoğlu. Kaplan wer? Die Frage ist verständlich, von den vier abendfüllenden Filmen Kaplanoğlus ist „Süt“ nämlich erst der zweite, der in Deutschland ins Kino kommt. Er sei hiermit nachdrücklich empfohlen. Ausführliches dazu habe ich für critic.de geschrieben, außerdem ein Interview mit dem Regisseur geführt. Ein Auszug:

Kaplanoğlu: In der Region, in der der Film spielt, gibt es Seen, in denen kleine Schlangen leben. Wenn die Landarbeiter sich im Sommer über Nacht auf die Felder legen, passiert es tatsächlich, dass die Schlangen den Menschen in den Rachen kriechen. Um sie aus dem Körper herauszulocken, wird Milch gekocht, denn Schlangen mögen Milch.

critic.de: Man wacht nicht davon auf, wenn einem eine Schlange in den Mund kriecht?
Kaplanoğlu: Es sind kleine Schlangen, und sie sind sehr schnell und haben eine sehr feuchte Haut.

Wenn Ihre Phantasie von diesen Beschreibungen angeregt wurde, sollten Sie sich den Film wirklich ansehen. Die Szene mit einer kopfüber vom Baum hängenden Frau über einem dampfenden Topf Milch kommt gleich am Anfang.
Und warum noch?
Kaplanoğlu gehört zur jungen Generation türkischer Filmemacher, zu der auch der bekanntere Nuri Bilge Ceylan gehört. Mit diesem gemein hat er auch eine Vorliebe für sehr lange, statische Einstellungen bei weit reichender Vermeidung von Dialog. Kaplanoğlu ist ein Vertreter des slow cinema, das international in den letzten Jahren zu einiger Bedeutung gelangt ist: Jia Zhangke und Apichatpong Weerasethakul sind, um Vertreter aus verschiedenen Ländern zu nennen, nur zwei der bekanntesten Namen, die zudem mit Kaplanoğlu das Schicksal der Unausprechlichkeit für westliche Zungen teilen. Der kürzlich an dieser Stelle besprochene James Benning gehört auch dazu, betreibt dieses Geschäft aber schon wesentlich länger, und natürlich Béla Tarr.

Es sind Autoren und Filme, die dem Kino des 21. Jahrhunderts eine gewisse Spiritualität verleihen, die nicht zwangsläufig religiös daherkommt und gewiss nicht esoterisch, sondern, ganz praktisch, die Erfahrung des Sehens betont und der in vielen modernen Filmen bis zur Unkenntlichkeit zersplitterten, zerhackten und komprimierten Zeit – selbige ist der wichtigste Baustein in den Poetiken dieser Künstler – ihre Form zurückgibt.
Kaplanoğlu, der sich in dieser Hinsicht auf den Buddhismus und den islamischen Sufismus bezieht, verlangt seinen Zuschauern manchmal durchaus Geduld ab; man wird aber, wenn man die Augen aufmacht, entschädigt durch Momente leiser Komik und durch das ein oder andere grandios komponierte Bild (die letzte Einstellung von Süt ist ein solches, trotz seiner Statik vergehen die viereinhalb Minuten, die es dauert, wie im Flug.).

Avatar: Ein Kontrastprogramm zu Süt, ganz klar. Viele scheinen tatsächlich emotional ergriffen zu sein von James Camerons neuem Erfolgreichster-Film-aller-Zeiten-Film. Kommentare wie dieser einer Kinogängerin, die sich „Wikimädel“ nennt, sind derzeit häufig im Internet zu finden: „Ich war gestern in dem Film und ich bin die Bilder immer noch nicht losgeworden und auch nicht die Gefühle, die in mir hochkamen. Und das Gleiche hätte ich wohl auch in 2D empfunden!“ Wegen der angeblich so umwerfenden Schönheit des Planeten Pandora werden viele Zuschauer sogar von Depressionen geplagt, weil ihnen ein Leben dort wegen akuter Nicht-Realität verwehrt bleibt. Ist kein Witz, steht so bei CNN.

Dazu kommt, dass in meinem Umfeld ungewöhnlich viele Frauen, die sonst gewiss nicht für Action- und Science-Fiction-Kracher zu begeistern sind, sich sehr positiv geäußert haben. Das macht Avatar nicht zu einem Frauenfilm, denn die meisten Männer mögen ihn ja auch. Aber er scheint eine Art Nerv zu treffen, wie vielleicht kein Film dieser Art seit Star Wars mehr, dessen Dualismus von dunkler und heller Seite der „Macht“ dem, mit Verlaub, reichlich plakativ ausgespielten Gegensatz Natur-Technik in Avatar recht nahe steht.

Dass all das für viele Zuschauer die Faszination mit der 3D-Technik zu überbieten scheint, ist recht eigentlich erstaunlich. Denn die war wirklich sensationell, wenn auch nicht nachhaltig. Im Verlauf der mehr als zwei Stunden des Films kommt man dahinter, dass Cameron immer wieder sehr ähnliche Einstellungen verwendet, um den räumlichen Effekt zwar nicht dem Zuschauer um die Ohren zu hauen, aber doch ihn immer wieder mit der Nase darauf zu stoßen: Zahlreiche Szenen spielen in einem länglichen Raum, der die Leinwand nach hinten öffnet, fast wie in einer Zeichenübung für Perspektivführung. Trotzdem toll zu sehen, aber der Wille, gleich noch mal ins Kino zu rennen, will sich bei mir nicht einstellen. Ich bin auch kein Freund der Konvergenz zwischen Film und Videospiel, weswegen ich mit der Avatar-Metapher nicht allzuviel anfangen konnte und auch nicht mit den zahlreichen morphologisch chaotischen Monstern, die sich jeweils darin überbieten, wie ein Endgegner im obersten Spiellevel auszusehen.

Soul Kitchen: Mein letzter Film 2009. So wie die Orgienszene viel zu brav ist, so ist der ganze Film etwas enttäuschend, wenn auch sympathisch und unterhaltsam. Ich hätte mir eher eine Methode wie die des Knochen knackend geraderückenden türkischen Wunderdoktors gewünscht als die Wellness-Therapie, die Fatih Akin hier anbietet. Kurz: mehr ziellose Energie bitte, weniger dramaturgische Abkürzungen.

Wo die wilden Kerle wohnen hat Spaß gemacht. „Ein Jungsfilm“, meinte meine etwas gelangweilte weibliche Begleiterin durch Kino und Leben. Mag sein. Ich fühlte mich zwischen den raufenden und stampfenden Zottelmonstern (die mir ästhetisch wesentlich mehr zusagten als die aus Avatar) jedenfalls sehr wohl und ziehe das leidenschaftliche Bäumeausreißen der Wilden Kerle ganz klar dem gefühlvollen Baumumarmen der Na’vi vor.

2 Antworten to “Am Baum hängen vs. Baum umarmen vs. Bäume ausreißen”

  1. kinderkaffee said

    Avatar – dümmlicher „Pocahontas“ für 3-D Fetischisten

    http://freidemzen.wordpress.com/2010/01/15/avatar-%E2%80%93-seichter-%E2%80%9Epocahontas%E2%80%9C-fur-3-d-fetischisten/

    Avatar ist ein pervertierter Superlativ. „Das Teuerste“, „das Größte“, „das Neuste“ Schmierentheater! Denn wo offenbar mit der visuellen Ästhetik geprotzt wurde, hat man am Drehbuch/Inhalt mächtig gespart. Seicht-dröge Action- Liebesgeschichte im Alien-Gewand, zwischen Pocahontas und banal.

    Da fragt man sich nur, warum müssen moderne Blockbuster eigentlich immer so unsäglich dümmlich sein. In Zukunft – schlage ich vor – die Dialoge zu behalten und beim nächsten Filmvorhaben, marginal verändert, wieder zu verwenden. Wahlweise in ein amerikanisches Romeo-und-Julia-Ghetto gepackt oder in ein Historienepos versetzt. Da spart man sich das lästige „Rumgeschreibe“ und kann gleich mit dem Animieren beginnen. Da kann groß „VOM MACHER VON TITANIC“ und „MIT DER GESCHICHTE UND DEN DIALOGEN AUS AVATAR“ geworben werden.

  2. Sano said

    Habe Kaplanoglu auch zuletzt für mich entdeckt, mit dem wunderbar leichtfüßigen „Yumurta“. Der Versuch mir „Süt“ im Kino anzuschauen, ist dann aber an der unsäglichen digitalen Projektion im Kino gescheitert. Bin nach einer Stunde einfach aus dem Film raus, und werde ihn mir jetzt zu Hause auf meinem PC zu Gemüte führen, um dann auf der Berlinale „Bal“ (hoffentlich in 35mm) genießen zu können. Danke für das aufschlussreiche Interview!

    Avatar werde ich mir jetzt wohl doch noch im Kino in 3D angucken. Nach diesen ganzen Liebesbekundungen und dem Medienrummel, und da ich immer noch keinen von den neuen digitalen 3D-Filmen gesehen habe, wird es wohl Zeit mich dem Spektakel auszusetzen. Erwarte aber eher ein faschistoides Machwerk mit hässlicher Optik… Insofern kann mich der Film ja fast nur noch positiv überraschen.

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