Projekt Bildungslücke (3): Madame de … (Max Ophüls, 1953)

2. Dezember 2009

Gesehen im November 2009, Criterion DVD

Es ist ein etwas billiger, aber auch erhellender Spaß, die zeitgenössischen Kritiken zu alten Filmen zu lesen, die heute unwidersprochen als Meisterwerke gelten. Nehmen wir Max Ophüls‘ “Madame de …”, entstanden zu einer Zeit (1953), in der Ophüls bereits ein berühmter Mann war. Was schrieb damals die New York Times? Einen Verriss, nämlich diesen hier:

“Like its turn-of-the-century décor and costuming, it is elegant and filled with decorative but basically unnecessary little items, which give it gentility and a nostalgic mood, but nothing much more substantial. The principals of the Parisian haut monde involved in this affair of the heart — a lady, her general-husband and her lover, naturally — are well behaved, but unfortunately their problem seems more important to the producers than to a viewer.”

“Jahrhundertwende-Dekor”, “elegant”, “dekorativ”, “nostalgisch”: Stimmt ja alles, aber dem Kritiker fiel das Wichtigste gar nicht auf: die Kamerabewegungen. Die sind ebenfalls, und hier trifft das Wort nun wirklich, elegant.
Wer, wie ich, zum ersten Mal einen Max-Ophüls-Film sieht (und ich gebe gerne zu, dass diese Bildungslücke riesig und durch nichts zu entschuldigen war), ist zunächst skeptisch, weil ihm der pejorative Begriff “Kostümfilm” ins Hirn drängt, und zwar schon beim Betrachten des Filmplakats. Ich hatte sogar Sissy-Assoziationen, aber das ist wohl mein persönliches Problem. Wie weit entfernt ist “Madame de …” von all der befürchteten Steifheit! Statt dessen herrscht vom ersten Bild an Bewegung und Dynamik, undramatisch erzählte Dramatik, beiläufiger Witz und so geschickt gestaltete Tableaus, dass man beim ersten Betrachten gleich spürt, wie viel mehr man beim zweiten Ansehen erkennen wird.

Madame_de.jpg

Man merkt es nur, wenn man darauf achtet, weil alles so natürlich wirkt, aber es ist dennoch äußerst bemerkenswert, vor allem für einen Film aus dieser Zeit: In “Madame de …” steht die Kamera so gut wie nie still, es gibt kein statisches Bild, immerfort nimmt sie die Bewegung der Figuren auf, führt sie weiter oder lenkt den Blick.
In der berühmten ersten Szene blickt die Kamera der Titelheldin Danielle Darrieux über die Schulter, die sich entlang ihrer Garderobenschränke bewegt, hier eine Tür öffnet, dort eine schließt, hier ein Schmuckstück herausnimmt, dort eins zurücklegt, auf der Suche nach etwas, das sie versetzen kann (ja, das ist, um auf die Kritik der New York Times zurückzukommen, eine in adretten blinkenden Details schwelgerische Art der Erzählung, die man nostalgisch nennen kann. Aber es ist nicht der nostalgische Blick des Zuschauers, der hier auf dem Anschauungsmaterial liegt, sondern der von Madame.).
Madame, die kinder- und interesselos mit ihrem Ehemann (Charles Boyer), einem General, zusammenlebt, hat nämlich Schulden. Damit ist der novellenhafte Kern des Films bereits genannt (die Romanvorlage stammt von Louise de Vilmorin): Sie versetzt die Ohrringe, die ihr Mann ihr einst zur Hochzeit schenkte und denkt sich eine Lüge nach der anderen aus, um dies vor ihm zu verheimlichen. Im Verlauf des Films kehren die Ohrringe aber über viele Umwege immer wieder zu ihr zurück, es ist ein geradezu absurdes Theater, das mit ihnen gespielt wird, fast wie in einer Verwechslungskomödie; dabei geht es hier um sehr Ernsthaftes. Als ihr Liebhaber, der Diplomat Donati (Vittorio De Sica), der verblüfften Madame ihre eigenen Ohrringe zum Geschenk macht, erhalten die zuvor unbedeutenden, kalten Schmuckstücke für sie eine neue, mit Liebe aufgeladene Bedeutung. Dass hier unbelebten Dingen eine Aura angehaucht wird, ist ein weiteres Argument gegen die oben genannte Kritik des rein Dekorativen.
Die einzelnen Stationen und die Veränderung der Liebesbeziehung zwischen Madame und Donati hin zum Tragischen spiegeln sich in mehreren Ballhaus-Szenen, aufgelöst in kreisende Walzerbewegungen und lange Wege durch weite Räume, während denen Gesichter von hellster Hoffnung in tiefste Trauer fallen. Ophüls, so schreibt Anthony Lane, “did more with a single waltz, as an emblem of the pursuit of love, than most directors manage in an entire career”. Oder: Ein in Fetzen gerissener und aus dem Zugfenster geworfener Liebesbrief wird in einer Überblendung zu Schnee, auch das natürlich in einer eleganten Kamerabewegung, die neben dem Raum hier auch die Zeit verstreichen lässt.
Zu all dem kommen noch grandiose Schauspieler. Der von Charles Boyer gespielte Ehemann zum Beispiel ist kein gefühlskalter General, der seine Frau in die Einsamkeit treibt, sondern ein intelligenter, gewitzter, bis zu einem gewissen Grad toleranter und auch interessanter Mann. Die mit mir das Sofa teilende Frau findet sogar, der Ehemann sei viel interessanter als der Liebhaber (und er hat ganz sicher die besseren Teile des Dialogs).
“Madame de …” hat es aus dem Stand in die Liste meiner Lieblingsfilme geschafft.

“Madame de …” in der IMDB

Andere Projekte Bildungslücke:
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Letztes Jahr in Marienbad

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