Der Fernseher als Aquarium: James Bennings Ruhr auf 3Sat

4. November 2009

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Bevor das erste Auto durch den Tunnel fährt, war ich schon einmal auf dem Klo und einmal am Kühlschrank. Als ich dann aber mit einem Glas Wein aus der Küche zurückkam, blieb ich doch bis zum Ende der 120 Minuten von James Bennings „Ruhr“ auf dem Sofa sitzen (gestern um 23 Uhr auf 3sat, am Tag davor Eröffnungsfilm der Duisburger Filmwoche, vor ein paar Wochen wies ich bereits darauf hin). Zwar war meine Aufmerksamkeit nicht ungeteilt; es gab hier genug Zeit, etwas im Internet nachzuschlagen und dort genug Gelegenheit, die ein oder andere Seite in einem Roman zu lesen. Aber ich blieb, zumindest zeitweise gebannt von einem Ruhrgebiet, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Und ich komme von dort.
Die Frage war ja vor allem, ob der Benningsche Stoizismus – auf Filmfestivals stets ein gern gesehener Gast mit kleiner Fangemeinde, nicht zuletzt bei der Berlinale – auch im Fernsehen funktionieren würde. Die Antwort ist wenig überraschend: Nein, nicht so richtig, dafür gibt es einfach zu viele Ablenkungen. Der Film wird zum Nebenbei-Medium, wie eine Sendung im Radio, der man zuhört oder auch nicht, der Fernseher wird zum Aquarium. Bennings Werke brauchen die Konzentration, die man nur im Kino bereit ist aufzubringen (und auch dort gehen natürlich aus jeder Vorstellung Zuschauer hinaus). Filme wie El Valley Centro, Ten Skies und RR kommen recht nah an das heran, was Gene Hackmans Detektiv Harry Moseby in Night Moves (1975) den Filmen von Eric Rohmer vorwirft: Sie zu sehen sei so, als schaue man Farbe beim Trocknen zu.
Zurück zum Anfang von „Ruhr“, dem Autotunnel in Duisburg. Die letzte Minute dieser ersten Einstellung verbringt man damit, einem Laubblatt zuzusehen, wie es auf der Fahrbahn hin- und hergeweht wird, und man fragt sich: Wo kommt in dieser Betonumgebung Laub her? Oder ist es nur ein Papierschnitzel? Etwas, das jemand aus dem Auto geworfen hat? Schließlich, nach vielen Umwegen im Zickzackkurs, wird das Blatt an den vorderen Bildrand geweht und verschwindet. In diesem Moment folgt der Schnitt, und als nächstes sieht man den technischen Fertigungsprozess in einem Walzwerk, mit glühendem Eisen und ruckelnden Bändern. Man nehme einen Erklärfilm aus der Sendung mit der Maus und stelle sich dann das genaue Gegenteil innerhalb derselben Parameter vor – das gibt eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was das für Bilder sind. Wie die erste, dauert auch die zweite Einstellung exakt zehn Minuten. Es folgen weitere, unter anderem in einer Moschee und in einem Wald, über den hin und wieder ein Flugzeug fliegt (eine genaue Auflistung und Beschreibung der einzelnen Einstellungen gibt es in Sennhausers Filmblog).
Dann ist eine Stunde vorbei, in einer Schwarzblende wird „Teil II“ angekündigt, und es folgt ein Kühlturm aus einer Kokerei, aufgenommen aus leichter Untersicht. Für die verbleibenden 60 Minuten ist dies die einzige Einstellung, die wir zu sehen bekommen (das ist übrigens etwas neues bei Benning: zum ersten Mal dreht er digital, was solche besonders langen Einstellungen überhaupt ermöglicht. Seine früheren Filme entstanden stets auf 16mm) Aus dem Turm treten leichte Dämpfe aus, lange passiert nichts, bis plötzlich aus der Öffnung oben und auch aus den Ritzen an der Seite eine rieseige Menge Dampf austritt, der verschiedene Formen annimmt und bald fast den gesamten Bildschirm ausfüllt. Langsam verflüchtigt er sich wieder, bis wir wieder in de Ausgangssituation angelangt sind und das Schauspiel sich noch mehrere Male bis zum Schluss wiederholt. Mit jedem Mal nimmt der Dampf wegen der einsetzenden Dämmerung eine andere Farbe an. Ist er am Anfang noch leicht golden, später rötlich, geht er am Schluss in grauschwarz über. Selbst mit Kühlschrank, Klo, Roman und Internet in Reichweite bleibt da genug Gelegenheit, die Assoziationen schweifen zu lassen (Ein rauchendes Hochhaus? Ja, der 11. September 2001!) oder sich einfach an der Schönheit von Bildern zu erfreuen, die Zeit brauchen, um sich zu entfalten.

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Eine Antwort to “Der Fernseher als Aquarium: James Bennings Ruhr auf 3Sat”

  1. […] die zudem mit Kaplanoğlu das Schicksal der Unausprechlichkeit für westliche Zungen teilen. Der kürzlich an dieser Stelle besprochene James Benning gehört auch dazu, betreibt dieses Geschäft aber schon wesentlich länger, und […]

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