Oben

27. September 2009

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Ein paar Gründe, warum Pixar-Filme wie Wall-E oder der derzeit im Kino laufende Oben so großartig sind: ihre Vielschichtigkeit, ihre Bewusstheit der eigenen Tradition und ihre Weigerung, Botschaften aufdringlich auszusprechen. Wenn Carl Fredricksen mühsam sein Haus hinter sich herschleppt, dann ist das natürlich ein Symbol dafür, wie sehr er an seinem alten Leben hängt, das er nicht loslassen kann und dessen geistige Gegenwart ihn daran hindert, sich neuen Herausforderungen zu stellen (wie zum Beispiel diesen exotischen Vogel zu retten, den der Widersacher Charles Muntz erbarmungslos jagt). Erst als er das Haus leer räumt, den Ballast seines alten Lebens hinauswirft, einschließlich der beiden Sessel, in denen er und seine verstorbene Frau immer saßen, geht es wieder aufwärts. Fredricksens Kampf mit seiner Vergangenheit ist auch ein Kampf gegen die Elemente, die Natur, das eigene Unterbewusstsein, was auch immer. Das Bild deutet auf direktem Weg zurück zum psychologischen Kino Ingmar Bergmans. Das glauben Sie nicht? Bitte:

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Das erste – zugegeben, wegen der schlechten Qualität kaum zu erkennende – Bild stammt aus Oben, das zweite aus Bergmans Jungfrauenquelle (1960). (Im ersten Bild ist der leicht nach rechts gebogene dunkle Strich am unteren Rand Fredricksen, die große Silhouhette ist sein Haus. Im Kino sieht das wirklich toll aus.)
Solche Verweise, die nicht bloße Referenzen oder Anspielungen oder Hommagen sind, sondern sich alte Darstellungen aneignen und nutzbar machen, unterscheiden Oben von den Kinderfilmen eines Robert Rodriguez. Dessen Geheimnis des Regenbogensteins, Start am 1. Oktober, ist ebenfalls sehr nett anzuschauen und unterhaltsam. Aber trotz des deutschen Verleihtitels eben kein bisschen geheimnisvoll, sondern seine Botschaft („Es ist nicht gut, wenn einem jeder Wunsch erfüllt wird.“) stets auch verbal vor sich hertragend.
Ich habe Oben in dieser Woche bei einem Besuch in Paris gesehen, in der französischen Synchronfassung, also in einer Sprache, von der ich so gut wie nichts verstehe. Möglicherweise habe ich deshalb den ein oder anderen Wortwitz nicht mitbekommen, aber ich konnte der Handlung vollständig folgen und habe fast die gesamten 96 Minuten gar nicht daran gedacht, dass auf der Leinwand französisch gesprochen wird (mit Charles Aznavour als Fredricksen übrigens). Das funktioniert, weil der Film sehr geschickt visuell erzählt („Show, don’t tell“, heißt eine alte amerikanische Drehbuchregel) und sogar ziemlich komplizierte Gefühle in Bilder übersetzt. Und dabei habe ich die Montagesequenz am Anfang, in der die Jahrzehnte dauernde Ehe Fredricksens vollkommen ohne Dialog geschildert wird und die eine lange Träne auf ihre Reise meine linke Wange hinab schickte, noch gar nicht erwähnt.

2 Antworten to “Oben”

  1. rrho said

    Wir hatten uns ja in Paris bereits kurz über den Film unterhalten; die Montagesequenz am Anfang ist in der Tat das vielleicht großartigste am ganzen Film, weil sie praktisch ohne Worte ein, nein: zwei Leben kondensiert, mit aller Emotion, Verzweiflung und Liebe darin steckt. Zum Heulen schön. (Und später natürlich, mit dem Fotoalbum, grandios wieder aufgenommen.)

  2. tfunke said

    Ähnlich brillant wie der Ohne-Worte-Anfang von Wall-E. Die Sequenz in Oben scheint mir sozusagen Teil 2 einer Stummfilm-Experimentierreihe zu sein – bin gespannt auf Teil 3.

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