Love Exposure

9. August 2009

Am 13. August, also nächsten Donnerstag, startet in Deutschland ein japanischer Film namens Love Exposure, den jedermann ansehen sollte; nicht nur weil er toll ist, sondern auch, um den Verleih zu belohnen, der sich traut, dieses Ding in die deutschen Kinos zu bringen. Love Exposure von Regisseur Sion Sono ist nämlich 237 Minuten lang und disqualifiziert sich allein deswegen schon für eine reguläre Kinoauswertung nach herkömmlichem Muster. Und dabei ist die Länge nur einer von vielen Gründen, warum der Kinostart eines solchen Films so ungewöhnlich ist. Rapid Eye Movies hat es trotzdem gewagt, und, hier also mein Appell, dem muss man Respekt zollen (z.B. in Köln im Off Broadway, in Berlin im Babylon Mitte und im Eiszeit). Sagen Sie alle Termine ab und gehen Sie hin! Ziehen Sie etwas Bequemes an und nehmen Sie sich von mir aus Proviant mit und ausreichend zu Trinken, vielleicht auch ein Kissen, wenn Sie Rückenprobleme haben und nicht lange sitzen können. Aber gehen Sie hin!

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Ich schrieb 237 Minuten, und jedem einigermaßen des Kopfrechnens mächtigen Menschen ist klar, dass das fast vier Stunden sind. Mir nicht. Als ich am ersten Tag der diesjährigen Berlinale in diesem Film landete, war ich nach der Programmheft-Lektüre durch einen Rechenfehler auf drei Stunden gekommen, was als schöne Überbrückung zum 40. Geburtstag eines sehr guten Freundes funktionieren würde, der am selben Abend gefeiert werden sollte. Mein Plan: Eine halbe oder eine Stunde im Kino bleiben, wenn der Film nicht gut ist, und höchstens zwei, wen er gut ist. Dann müsste ich los zur U-Bahn. Also nahm ich Platz.
Es begann mit einem Tischgebet und einer sterbenden Mutter, nicht unbedingt ein Anfang, der mich zu fesseln vermag. Die streng katholische Exposition wurde aber bald angereichert mit einer wilden Mischung aus japanischem Sektenwahn, Upskirt-Erotik, Komödie, Karate, sexuellen Perversionen (oder was dafür gehalten wird), Terrorismus, Penis-Cutting, Liebesgeschichte und – damit rechnet man nun wirklich nicht – Some-Like-it-Hot-Geschlechterverwirrung. An dieser Stelle, es waren wohl eineinhalb Stunden vergangen oder etwas mehr, beschloss ich, den Film bis zum Schluss anzusehen. Die ganzen, wie ich dachte, drei Stunden.
Ich sah einen vor Ideen sprühenden Genre-Mix, ein Zitatenfeuerwerk, das nicht die geringste Angst vor sehr, sehr großen Gefühlen hat. Und dazwischen gibt es immer wieder Sequenzen oder Bilder von so klarer, schlichter Schönheit, von so treffend bebilderten Gedanken, dass man sich des Atems beraubt fühlt. Ein Beispiel? Wie wäre es damit: Ein Mädchen läuft durch die Stadt, durch die Luft fliegen in Matrix-Zeitlupe kreuz und quer Gewehrkugeln, an den Menschen vorbei zumeist, manchmal aber auch treffend. Aus dem Off erzählt das Mädchen, dass immer und überall diese Kugeln fliegen, aber nicht jeder sie sehen könne. Das Schicksal als poetisch heruntergekochte, fast bewegungslose Actionszenen-Parodie. Überhaupt Parodie. Überhaupt Reiß-Zoom wie bei Bruce Lee in den 70-ern. Überhaput Hara-Kiri, aber ganz langsam. Überhaupt Blutfontänen. Überhaupt Glaube Hoffnung Liebe, in voller Länge rezitiert (auf japanisch natürlich), oder vielmehr: herausgestoßen, in einer Einstellung ohne Schnitt.
Als das Bibel-Zitat ausklang, waren die drei Stunden rum, und ich begann, nervös auf die Uhr zu schauen. Der Geburtstag, wie gesagt ein nicht ganz unwichtiger, nämlich vierzigster, hatte in einer Kneipe in Berlin-Mitte längst begonnen. Aber es war undenkbar, die Vorstellung zu verlassen. Die letzten zehn Minuten verbrachte ich stehend am Ausgang, um möglichst schnell die nächste U-Bahn zu erwischen.
Mit mehr als zwei Stunden Verspätung kam ich schließlich auf der Geburtstagsfeier an. Das macht mich zu einem schlechten Freund, nehme ich an. Aber es zeigt, was für ein überragendes Filmerlebnis „Love Exposure“ ist.

3 Antworten to “Love Exposure”

  1. Lukas said

    Eigentlich ist jede Kinoempfehlung eine gute, der Film hat es sicherlich (ich kenne ihn noch nicht) ganz besonders verdient. Aber in Berlin bitte im Eiszeit anschauen, nicht im Babylon Mitte:
    http://prekba.blogsport.de/

  2. […] guten Werken anläuft, dass er wohl untergehen wird. Darunter natürlich: Love Exposure, den ich an dieser Stelle bereits enthusiastisch gefeiert habe; dennoch sei der Appell wiederholt: Reingehen!! Ein […]

  3. […] Glaube Hoffnung Liebe in Love Exposure. […]

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