10 Lieblings-Kritiker

24. Juli 2009

Anton Ego-1-1-1.jpgFilmkritiken zu lesen hat viel mit dem Vergnügen am Text zu tun, keineswegs hauptsächlich mit dem Interesse am Film. Deshalb geht es nicht so sehr darum, das Urteil des Autors zu teilen, sondern darum, seinem Duktus zu folgen. Bei den hier Aufgeführten tue ich das stets sehr gern (Bild: Ratatouille, Walt Disney DVD). Was Hintergrund, Geschmack, Theorie und Selbstverständnis angeht, so sind einige voneinander so unterschiedlich wie nur irgend denkbar (und der eine oder die andere könnten sich vielleicht sogar verbitten, mit manch anderem hier überhaupt zusammen in eine Liste gesperrt zu werden). Genannt sind hauptsächlich deutsche und ausschließlich heute aktive Kritiker (Reihenfolge alphabetisch). Vielleicht will der ein oder andere Blogger das Stöckchen aufnehmen?

Michael Althen (Frankfurter Allgemeine Zeitung):

„Es gibt nichts Schöneres als jenen Moment, wenn der Film die Augen aufschlägt, wenn er uns im Dunkeln zu fixieren scheint, als wolle er überprüfen, ob wir bereit sind, seine künstlichen Paradiese zu betreten. Und früher konnte man anhand des vorangehenden Studio-Signets tatsächlich noch Aussagen darüber treffen, was einen erwartet. (…) Die ersten Momente entscheiden, wie man dem Film begegnet. Was zeigen die ersten Bilder? Wollen sie locken oder verführen, sich verweigern oder schockieren? Oder fängt der Film einfach an, seine Geschichte abzuspulen, ohne weiter auf die Zuschauer einzugehen? Auf jeden Fall hat es ein Film, der sich nicht ordentlich vorstellt, schwerer, auf sich aufmerksam zu machen.“ (aus dem Buch: Warte, bis es dunkel ist, 2002)

Daniel Bickermann (Schnitt):

„Ausgerechnet ‚Shortbus‘, der all diese Porno-Stil-Klischees überwindet, der den Mut zeigt, Sexualität auch mal als Durcheinander von Knien und Ellbogen zu zeigen, oder als pittoresk ausgeleuchtetes Hieronymus-Bosch-Zitat, oder auch nur als politischen Witz, muss sich für die unprätentiöse Darstellung seines Themas rechtfertigen, während bei allen anderen Filme die Nicht-Darstellung als gegeben akzeptiert wird oder die sensationalistische Darstellung als leider unausweichlich angesehen wird. Ein absurdes, trauriges Fazit. Ich habe gestern, nach der Lektüre unzähliger Verrisse, ‚Shortbus‘ gesehen. Als der Film zu Ende war, haben sowohl ein homo- als auch ein heterosexuelles Pärchen glücklich knutschend den Saal verlassen. Ein größeres Kompliment kann man einem kleinen, feinen Film nicht machen.“ (für filmzentrale.com über Shortbus, USA 2006)

Manohla Dargis (New York Times):

„Like ‚Mulholland Drive‘, which this new film resembles like an evil twin, ‚Inland Empire‘ involves an attractive blond actress who tumbles down rabbit holes inside rabbit holes inside rabbit holes. In ‚Mulholland Drive‘, the actress finally chokes on the acrid smoke that billows out of the dream factory, imagining herself in a starring role before gasping her last breath in what looks like a Nathanael West rooming house of horrors. They shoot actresses, don’t they? Yes, they do, and usually before the clincher. Mostly, though, actresses just fade away, undone by wrinkles and the industry’s lack of interest in anything female that doesn’t jiggle. By contrast, in his strange way, Mr. Lynch loves women, or at least their representations. And he gives them terribly tasty roles.“ (über Inland Empire, USA 2006)

„If directing bad movies were a sin to confess,
Bo Welch would say oops for making this mess.
Critics are paid to suffer bad art,
No matter how icky it is from the start.
So all we could do was to
„Sit!
„Sit!
„Sit!
„Sit!
And we did not like it.
Not one little bit.
With apologies to Theodor Geisel.“
(in der LA Times über The Cat in the Hat, USA 2003)

Rainer Gansera (Süddeutsche Zeitung):

„Männer sind Schattenwesen. Sie sind Unheilsfiguren im Hintergrund der Frauendramen. Wenn sie hervortreten, sehen sie aus wie der leibhaftige Tod. Männer sind Blinde, die ihre Kinder nicht erkennen. Sie sind todbringende Monster des Egoismus. Erst wenn sie selbst vom Tod gezeichnet sind, erinnern sie sich an ihre Vaterschaft. Erst dann kann man Nachsicht mit ihnen haben. Gute Männer sind solche, die Mütter werden wollen. Mütter sind Schutzengel.“ (über Alles über meine Mutter, Spanien 1999)

Tobias Kniebe (Süddeutsche Zeitung)

„Selbstverständlich gibt es Menschen Mitte dreißig, die dieser Film nicht berühren wird. Menschen, die in der Schule schon wussten, dass sie einmal die Baufirma des Vaters übernehmen und das Mädchen aus der Parallelklasse heiraten würden, was sie dann auch getan haben; die nach dem Abitur eine Banklehre machten, weil es ‚was Sicheres‘ war; die viermal in „Dirty Dancing“ gegangen sind. Nennen wir sie die Unerschütterlichen. Jene unter ihnen, die sich im Jahr 1995 zufällig in den Film ‚Before Sunrise‘ verirrt hatten, mussten ihre Freunde anschließend warnen: Vor einem Mädchen und einem Jungen, die sich im Zug treffen, offensichtlich toll finden, dann aber 105 Minuten durch Wien laufen und nur reden und reden, und nachts im Park vielleicht endlich Sex haben, vielleicht auch nicht. ‚Kann man sich sparen‘, sagten die Unerschütterlichen. Und irgendwie waren sie auch zu beneiden: Für ihren Mangel an Selbstzweifeln, für ihre Fähigkeit, ihr Leben als gegeben hinzunehmen, für ihr knitterfreies Bewusstsein, es so schlecht nicht erwischt zu haben. Damit waren wir, der andere Teil dieser Generation, nie gesegnet. Jedenfalls haben wir es bisher nicht geschafft, eine ähnliche Gemütsruhe zu entwickeln. Was einerseits sicher ein Fluch ist, andererseits ein Geschenk. Wir konnten in ‚Before Sunrise‘ gehen und plötzlich das Gefühl haben, uns selbst auf der Leinwand zu sehen – mit all unseren Träumen und Fragen, all unseren eingestandenen und uneingestandenen Problemen.“ (über Before Sunset, USA 2004)

Ekkehard Knörer (taz, Perlentaucher, Cargo):

„Wir sehen Ulrike Meinhof nackt am Strand von Sylt und Gudrun Ensslin nackt in der Wanne und alle miteinander nackt im palästinensischen Ausbildungslager: der Film will Arsch und Titten. Wir sehen, später in Stammheim, die Ensslin und die Meinhof im Zickenkrieg: der Film will die Vorabend-Soap. Außerdem will der Film: nichts auslassen, keinen überfordern, viel Geld einspielen, die Titelblätter erobern; er will zu Anne Will (wo er letzten Sonntag schon war) und den Oscar, den will er auch. Nur denken will er nicht; eine Haltung finden und Bilder, die nicht nur – dumm, aber teuer – nachplappern, was man kennt, das will er nicht.“ (über Der Baader-Meinhof-Komplex, Deutschland 2008)

Daniel Kothenschulte (Frankfurter Rundschau):

„Schwarzweißfilme sind inzwischen im Fernsehen so selten geworden, dass die Kinos hier eigentlich eine Chance wittern müssten. Gleichzeitig hat sich der Altersdurchschnitt in den deutschen Art-House-Kinos in den letzten Jahren um zehn Jahre erhöht, was vielleicht auch ganz gut passt. Nur ist dieser hinreißende Film seit 1946 keinen Tag älter geworden. Er stürzt uns in die herrlichste Verwirrung, weil wir der Krimihandlung selbst dann nicht mehr folgen wollten, wenn wir es könnten. Wie so oft lehrt Howard Hawks darin, dass Kino so viel mehr ist als das bloße Geschichtenerzählen. Hier entsteht das Wunder des Kinos aus dem Verhältnis zwischen dem unterkühlt-sexualisiertem Dialog und der ausladenden Glamourfotografie. Obwohl eine äußerst strenge Zensur darüber wachte, ist die Erotik so wenig aufzuhalten wie die Wirkung von Eis auf nackter Haut. Tote könnte man wecken mit der damals 21-jährigen Lauren Bacall.“ (über die Wiederaufführung von The Big Sleep, USA 1946)

Antony Lane (The New Yorker).

„Sith. What kind of a word is that? Sith. It sounds to me like the noise that emerges when you block one nostril and blow through the other, but to George Lucas it is a name that trumpets evil.“ (über Star Wars: Episode III – Revenge of the Sith, USA 2005)

Katja Nicodemus (Die Zeit):

„Kill Bill ist eine Jungsfantasie im Frauenkostüm, und doch bleibt Quentin Tarantino selbst in diesem vermeintlich zynischsten, abgebrühtesten Film seiner Karriere letztlich ein Moralist. Seine kalte Fingerübung im Spiegelkabinett des Action-Kinos wird zusammengehalten von der seelischen und körperlichen Verletzung der Heldin. In Kill Bill schwebt die erste Einstellung, Thurmans in Panik und Todesangst verzerrtes Gesicht, gewissermaßen als kursiv gedrucktes Motto über all den seriellen Metzeleien, die da kommen mögen. Die Seelenqual der von der eigenen Rache durch die B-Movie-Geschichte getriebenen Heldin wird bei Tarantino zum traumatischen Rest, zum Störfaktor inmitten all der Stilisierungen und filmischen Simulacren. In Interviews mag der Regisseur das kinoversessene, in virtuellen Welten schwebende Raubein markieren, aber sein Blick auf Thurman ist mitfühlend, ja liebevoll – man muss sich nur anschauen, mit welcher Zärtlichkeit er ihren großen Zeh filmt.“ (über Kill Bill: Vol. 1, USA 2003)

Stephanie Zacharek (Salon.com):

„Winslet zeigt nicht einfach nur ihren Körper; sie entblößt sich auch auf andere Weise. Was sie da tut, ist nicht leicht, besonders in einem Klima, in dem Schauspielerinnen äußerst vorsichtig damit umgehen, wie viel sie zurückhalten. Ich habe Winslet noch nie in einer Rolle gesehen, die lediglich als eine Karriere-Entscheidung daherkam. Alle Schauspieler müssen Geld verdienen, und sie wählen ihre Rollen aus verschiedenen persönlichen und finanziellen Gründen aus. Aber was auch immer Winslets Gründe sein mögen: Wenn sie eine Rolle annimmt, lässt sie tiefer blicken als die meisten Schauspielerinnen. Ihre Hanna ist eine Frau, die sich selbst verbietet, zärtlich zu sein, als würde sie eine selbst auferlegte Buße tun. Sie ist außerdem das Gegenteil von selbstmitleidig, sie ist sexuell fordernd und unsicher über ihre intellektuellen Fähigkeiten. Winslet wickelt all diese Eigenschaften in ihre Darstellung, ohne sie wie leuchtend bunte Fahnen herumschwenken zu müssen. Selbst die Art, wie sie geht – etwas schwerfällig, als wenn sie sich nicht sicher sei, dass sie es verdient, auf der Erde zu wandeln – ist eine subtile Wahl der Darstellung. Und wenn sie nackt auftritt, ist da nicht ein Fetzen Eitelkeit. Der Vorleser kommt daher wie ein Film, der sklavisch einem dummen, vorherbestimmten Text folgt. Es ist Winslet, die es wagt, zwischen den Zeilen zu lesen.“ (über Der Vorleser, USA 2008)

6 Antworten to “10 Lieblings-Kritiker”

  1. Stefan said

    Sehr schöne Idee und Zusammenstellung. Ich weiß nicht, ob ich auf 10 käme, die ich auch regelmäßig lese, aber das würde sowieso dauern, sie so aufzulisten – inkl. Zitate – wie Du. Bei Gelegenheit mal …

  2. Nils said

    Tolle Zusammenstellung. Der Ausschnitt zur „Before Sunset“-Kritik ist super. Hab deinen RSS-Feed mal abonniert. Freu mich auf mehr.

  3. John said

    Tolle Leute. Vorbilder. Für mich fehlen:
    -Fritz Göttler (Süddeutsche), der nicht einfach Kritiken, sondern seine eigene Filmgeschichte schreibt. Der die tollsten Querverbindungen herstellt. Der so mutig Freestyle schreibt (und dabei manchmal auch ins zu Insider-mässige, fast Authistische abrutscht, aber das Risiko ist es wert).
    -Und Rüdiger Suchsland (div. Tageszeitungen, Blog auf Artechoc), ein präziser Beobachter und Analytiker, bei dem die Liebe zum Kino in all seinen Formen aus jedem Wort quillt.

  4. thfu said

    Stimmt, Göttler und Suchsland sind auch super. Ich gebe zu, dass die Zahl „10“ willkürlich ist, dafür aber rund. ;-)

  5. Anonymous said

    Manohla Dargis (New York Times) ist eine offensichtlich typisch amerikanisch ungebildete dilletantin… schließlich kam sie auf die idee den film „Lord of War“ als absolut unglaubwürdig zu bezeichnen…

  6. Thomas said

    Sprachliche und inhaltliche Trouvaillen, die du hier aufgelistet hast. Macht Spass zum Lesen. Hast du noch mehr?
    Meine Favoriten sind die Kritikausschnitte zu Before Sunrise, The Big Sleep und Baader-Meinhof-Komplex. Geil!

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