Der Mond im Film

18. Juli 2009

Erst wird er mit einer riesigen Kanone beschossen, dann zum Klondike des Weltalls gemacht, am Ende führt er den Menschen zum Glauben an Gott zurück – ausgerechnet in dem Moment, in dem jener als Homo Faber eigentlich über diesen triumphieren müsste.

Am 20. Juli 1969, vor 40 Jahren also, betrat zum ersten Mal ein Mensch den Mond. Es hatte 67 Jahre gedauert, bis die Fernsehbilder – „live broadcast from the surface of the moon“, wie es damals per Einblendung hieß – die kinematographische Vorstellung des Erdtrabanten ersetzen konnten. Im Jahr 1902, also sieben Jahre nachdem Louis Lumière die Arbeiter beim Verlassen einer Fabrik gefilmt hat, und elf Jahre vor dem ersten Werk, das Reclams Filmlexikon als der Erwähnung würdig befindet, drehte Georges Méliès Le Voyage dans la Lune (Die Reise zum Mond, hier der vollständige Film bei archive.org), eine viertelstündige Zaubertrick-Phantasie nach Jules Verne. Wir sehen die Sequenz mit dem Start der Rakete:

„Start“ ist nicht das ganz korrekte Wort, es handelt sich mehr um ein Abfeuern aus einer riesigen auf den Monde gerichteten Kanone. In einer perspektivischen Aufnahme sieht man das ins Absurde verlängerte 82941887oq5.jpgKanonenrohr, das in einer gedachten Linie bis zur weißen Scheibe am Himmel reicht. Es handelt sich um einen durchaus aggressiven Akt, wie man in den folgenden Einstellungen sehen kann. Während der Mond, der keineswegs ein kalter Himmelskörper sondern ein Wesen ist, eine rundliche Lebensform mit Pausbacken und freundlichem Grinsen, mit Hilfe einiger Überblendungen immer näher zu kommen scheint und wir uns gerade an seiner putzigen Erscheinung freuen wollen, da bohrt sich die Rakete in sein rechtes Auge. Volltreffer. Über komplizierte Landemanöver – die „weiche Landung“ gehörte zu den schwierigsten Aufgaben, die die NASA-Ingeniere zu bewältigen hatten – machte sich damals noch niemand Gedanken. Die Eroberung konnte offenbar nur militärisch gedacht werden. So gehört zur Zeremonie des Starts auch eine cheerleader-artige Frauengruppe, die halb soldatisch, halb revuehaft mit den Beinen sowohl wedeln als auch marschieren und zudem die Hüte schwenken. Weder die größere Nähe zu Gott, noch der Blick zurück auf die Erde ist ein Thema. Bei unserem nächsten Beispiel übrigens auch nicht. Fritz Lang machte aus seiner Frau im Mond (1929) ein richtig schönes Genre-Abenteuer, wie ein Jahr zuvor schon in Spione (und nahm so manches vorweg, was später im Science-Fiction-Film üblich wurde). Hier die flott geschnittene dramatische Szene, in der das Raumschiff zur (diesmal einigermaßen weichen) Landung ansetzt:

Die kolportagehafte Handlung von Thea von Harbou dreht sich um eine Eifersuchtsgeschichte (klar, mit einer Frau an Bord kann es nur Ärger geben, das war ja auf den Segelschiffen auch schon so) und um die Gier nach Gold, das nämlich auf dem Mond vermutet wird. Natürlich gibt es dort in der Tat Gold, genauso wie für Menschen angenehme Temperaturen und eine ausreichend sauerstoffhaltige Atmosphäre. Fast schon ein kleines Paradies. Hier wird es auch etwas religiöser, denn das Liebespaar bleibt am Ende allein auf dem Mond zurück, wie Adam und Eva, bereit zur Gründung einer neuen, ähem, Rasse.

Eine wirkliche Vorstellung davon, wie es auf dem Mond aussieht und was das Reisen durch den Weltraum bedeutet, lieferte aber erst Stanley Kubrick mit 2001 – A Space Odyssey (1968). Ein Teil des zweiten Drittels spielt auf dem Mond, wo der geheimnisvolle Monolith aufgetaucht ist. Hier wiederum die (sehr weiche) Landungsszene (ab Minute 4.04):

Als Kontrast sei auch noch die Fernsehserie Space: 1999 aufgeführt, die in Deutschland in den 70-er Jahren als Mondbasis Alpha 1 ausgestrahlt wurde. Darin wurde der längst besiedelte Mond durch eine Atomexplosion aus der Erdumlaufbahn geschleudert und schwirrte in der Folge mit Martin Landau als Commander John Koenig durchs All. Hier ein Zusammenschnitt der Trickaufnahmen:

Von der Phanatasie fort, hin zur Realität ging es dann 1995 mit Apollo 13 von Ron Howard. Mit Tom Hanks in der Hauptrolle wird die beinah in der Katastrophe endende Mondmission von 1970 nachgestellt, in hollywoodtypischer Perfektion und Dramaturgie. Apollo 13 ist der einzige der hier genannten Filme, in dem die Astronauten nicht auf dem Mond landen. Bekanntlich mussten sie wegen technischer Probleme umkehren. 60.jpgDennoch gibt es eine Szene auf der Mondoberfläche. Sie ist zwingend notwendig, um die Publikumserwartung nicht zu enttäuschen (ein Mond-Film ohne Mond-Szene? „Unmöglich!“ mögen die Produzenten gebrüllt haben), und auch, um den ingenieurswissenschaftlichen Plot mit etwas Metaphysischem anzureichern. Es handelt sich um eine Traum-Sequenz, in der Hanks‘ Jim Lovell sich vorstellt, er wäre am Ziel seiner Träume: Er hinterlässt Fußspuren, er fährt mit den behandschuhten Fingern durch den Staub, und er blickt auf die Erde – nachempfunden jenem berühmten Bild, aufgenommen während der Apollo 8 Mission 1968, das für die Menschheit den Blick auf den eigenen Planeten veränderte. Zwar betätigt Hanks sich symbolisch als Gott, indem er mit dem Daumen die Erde verdeckt. Aber nur als kurzes Spiel mit vertauschten Rollen. Während er, untermalt von ergreifender Musik, auf die Erde schaut, kniet der Raumfahrer im Mondstaub. Man kann das als schlicht sentimental ansehen, aber mir scheint auch eine gewisse religiöse Ergriffenheit in dieser Szene zu stecken, und zwar, durch die knieende Haltung des Astronauten, eine eindeutig christliche. Der Film mit dem genauesten technischen und wissenschaftlichen Wissen über sein Objekt ist also zugleich der mit der größten Hinwendung zum Spirituellen – und das in der Maske eines Dokudramas.

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