Die entfesselte Kamera

20. Juni 2009

Etwas zum Zeitvertreib zum Wochenende. Eine Zusammenstellung der besten und berühmtesten langen Kamerafahrten muss natürlich mit Murnau beginnen. Hier das Treffen des Mannes mit seiner Geliebten in Sunrise (1927):

Der Banküberfall in Gun Crazy (Joseph H. Lewis, 1950), in einer einzigen Einstellung aus dem Auto gefilmt:

Die Kamera aus der Ich-Perspektive: Madame de … (Max Ophuls, 1953) – nach dem Vorspann ab Minute 1:50

Touch of Evil von Orson Welles (1958), mit der wohl so ziemlich berühmtesten Kamerafahrt:

Godard („Eine Kamerafahrt ist eine Frage der Moral.“) und sein Weekend (1967):

Antonionis Beruf: Reporter (1975)

In den letzten zehn bis zwanzig Jahren werden extrem lange Kamerafahrten immer häufiger. Zum einen aufgrund der besseren technischen Möglichkeiten (die Steadycam gibt es seit Mitte der 70er Jahre, Antonioni musste für seine bahnbrechenden Aufnahmen in Beruf: Reporter noch komplizierte Konstruktionen zu Hilfe nehmen) – und zum anderen als Gegenentwicklung, als Ruhepol zu der immer höher werdenden Schnittfrequenz, die mit dem Musikclipsender MTV begann und jüngst mit den Batman- und Jason-Bourne-Filmen einen Höhepunkt erreicht hat.
In Martin Scorseses Goodfellas (1990) folgt die Kamera Henry, wie er mit seiner Freundin über den Hintereingang einen Club betritt. Dabei wird unnachahmlich illustriert, welch privilegierte Stellung er genießt:

Aus Murnaus entfesselter Kamera war zu diesem Zeitpunkt schon ein so beliebtes Stilmittel geworden, dass es Zeit für etwas Ironie wurde. Das zeigt die Anfangssequenz in Robert Altmans The Player (1992), in der sich zwei Darsteller über die besten tracking shots der Filmgeschichte unterhalten:

Einige besonders kreative Höhepunkte sind seit den 90er Jahren im Genre des Hongkong-Thrillers zu finden. So in John Woos Hard Boiled (1992):

Die ersten sieben Minuten von Breaking News (2004) von Johnnie To:

Ziemlich eindrucksvoll ist auch diese Szene aus The Protector von Prachya Pinkaew (2005):

Höhepunkt und Abgesang? In Joe Wrights Atonement von 2007 gerät die knapp fünfminütige Sequenz mit den Landungstruppen am Strand zu einem fast schon aufdringlichen Muskelspiel (ab 0:47):

Weitere Beispiele?

(Einige Hinweise habe ich einer Forumsdiskussion bei The Auteurs entnommen.)

7 Antworten to “Die entfesselte Kamera”

  1. Schönes Thema.

    Mir fallen spontan noch

    „Tenebrae“

    „Children of Men“

    „Snake Eyes“

    ein

  2. _peekaboo said

    Mir fällt noch ein beeindruckendes Beispiel ein:
    auf einem Festival in England sah ich eine alte Kopie von SOY CUBA (UDSSR/KUBA 1964, Regie: Mikhail Kalatozov, Kamera: Sergei Urusevsky und z.T. Mikhail Kalatozov) – die Kameraarbeit ist großartig und auch sonst saß ich die ganzen 141 Minuten wie elektrisiert im Kinosessel.

    Zwei Szenen sind mir besonders in Erinnerung:
    eine lange Sequenz vom Dach eines Hochhauses bis in das Wasser eines Swimmingpools (http://www.youtube.com/watch?v=GFrHPcKiXaQ – (leider in schlechter Qualität und nicht mit original score),
    eine Szene in einem Nachtlokal, mit einer ausgefeilten Choreografie und Dramaturgie (http://www.youtube.com/watch?v=l_w3bq15sAI – noch schlechtere Bildqualität, aber wirklich großartig…)
    und eine Schlußszene, in der die Kamera irgendwie über das Dach hinaus weitergeht, die konnte ich aber leider nicht finden und weiß auch nicht mehr, ob ich mich noch recht erinnere.

    Die Aufnahmen wurden damals übrigens mit einer Seilkamera gemacht.

    Hier noch der Link zum Trailer: http://www.imdb.com/video/screenplay/vi3666870553/

  3. thfu said

    Wow, super Beispiele, die ich bis auf Children of Men alle noch nicht kannte. Danke!

  4. Felix said

    Natürlich noch die Kamerafahrten von GUS VAN SANT, die sich durch sein Filmwerk wie ein langer Gang hinter seinen Protagonisten her zieht. Schon in „MALA NOCHE“ folgt van Sant seiner Hauptfigur in ähnlicher Manier wie später in der Todestriologie „ELEPHANT“, „GERRY“ und „LAST DAYS“.

  5. Timo said

    Mir fiele da noch die Kampüfszene aus Old Boy ein (http://www.youtube.com/watch?v=Ufss5ot_vGE / hier ab 00:58) und die grandiose opening scene von Boogie Nights, der aber leider aus Rechtsgründen auf youtube der Originalsound fehlt. Am Besten ohne Ton schauen: http://www.youtube.com/watch?v=Uc3QsYMjZMs

  6. Timo said

    Und natürlich die opening credits von Lord of War: http://www.youtube.com/watch?v=1KGu0FMDJfk&feature=PlayList&p=EA7240AC8E9FD758&index=0&playnext=1 Die Fahrt aus der Egoperspektive einer Gewehrpatrone zu gestalten hat mir beim ersten Mal schauen schon unglaublich gut gefallen.

  7. […] noch eine Empfehlung auf eine Dokumentation und für alle Filmfreunde einen sehr lesenswerten Beitrag über Kamerafahrten (besonderes Augenmerk auf Godard mit […]

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