Synecdoche, New York – zweite Sichtung

12. Juni 2009

„… – und plötzlich erschütterte das Heimweh seine Brust mit einem solchen Schmerz, daß er unwillkürlich weiter ins Dunkel zurückwich, damit niemand das Zucken seines Gesichtes sähe.“ Thomas Mann, Tonio Kröger

„Knowing you don’t know is the first and the most essential step to knowing, you know?“ Claire

Sammy ist schon von Anfang an da, lange bevor er als Figur offiziell eingeführt wird. Das ist das erste, was bei der zweiten Begegnung mit Charlie Kaufmans Regiedebüt Synecdoche, New York auffällt (die erste Sichtung, und somit der erste Teil dieser Betrachtung, findet sich hier.). Sammy, der Doppelgänger des von Philip Seymour Hoffman gespielten Theaterdirektors Caden, steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite, er ist ein wenig später noch einmal im Hintergrund an einer Hauswand zu sehen und sogar im Fernsehen: In einem Cartoon, den Caden sich ansieht und in dem er, als Comicfigur, die Hauptrolle spielt, lugt ein gezeichneter Sammy hinter einem Baum hervor.

Caden, soviel wird klar, blickt nicht mit Hilfe der Kunst auf die Welt. Er blickt überhaupt nicht auf die Welt, die Kunst ist kein Mittel mehr, sondern Zweck, und in ihr erkennt er immer wieder nichts anderes als sich selbst. Ob in den erwähnten Fernseh-Werbespots oder im Lebenshilfe-Bestseller der langbeinigen und erbarmungslosen Psychologin Madeleine Gravis (Hope Davis) – alles ist für ihn persönlich geschaffen. Auch in seinem größten Projekt, der monumentalen Inszenierung einer Theaterversion von New York in einer riesigen Lagerhalle, dreht sich letztlich alles um ihn selbst. Wir erinnern uns: Schauspieler spielen dort die Menschen aus Cadens Leben, und für seine eigene Rolle engagiert er den melancholischen Stalker Sammy. Um es mit Cadens eigenen Worten zu sagen:

„To delve into the murky cowardly depths of my lonely fucked-up being.“

Er sucht, sich mit Hilfe der Kunst zu vergrößern. Was natürlich misslingt. Und wenn sein Doppelgänger Sammy durch einen beherzten Sprung vom Hochhaus Selbstmord begeht (etwas, wozu Caden selbst sich nicht aufraffen kann), sieht das aus wie die Schlussszene der 1976er Version von King Kong (Bilder: Sony Pictures Classics, Paramount) – nur, dass hier alle hinabsehen, statt hinauf:

kingkong.jpg

Statt des aufgeplatzten Straßenpflasters vor dem World Trade Center sieht man das gebrochene Holz der Bretter, die die Welt bedeuten; so wörtlich ist diese Metapher übrigens wohl noch nie genommen worden. Eine solche Assoziation – man springt als Kong und kommt als alter, kleiner Mann unten an – ist natürlich zuerst einmal ziemlich witzig, so wie der ganze Film – auch das gehört zu den Dingen, die beim zweiten Mal auffallen – an vielen Stellen witzig ist. Was dann doch verwundert, bedenkt man den Ruf, den Synecdoche, New York hat. Der slapstickhafte Versuch Cadens, sich zu verstecken, als er im Restaurant sowohl auf seine verhinderte Affäre Hazel als auch auf seine aktuelle Affäre Claire trifft? Gedreht wie in einer Komödie. Claires oben zitierter Satz über das Nichtwissen, der ganz nebenbei die Verwirrung des Zuschauers ausdrückt? Purer Kalauer.

Dennoch bleibt es dabei, dass wir es hier mit einem zutiefst pessimistischen Werk zu tun haben. Ich kenne zum Beispiel keinen Film, in dem es so viele Beerdigungsszenen gibt wie hier. In der zentralen hält der Priester jenen Monolog über die Kraft- und Sinnlosigkeit menschlichen Strebens, der vermutlich einmal zu den großen Monologen der Filmgeschichte zählen wird: „Everything is more complicated than you think. There are a million little strings attached to every choice you make.“ Die Religion spendet also keinen Trost. Wie auch, mit einem Priester, der die Predigt mit „Fuck everybody. Amen.“ beendet, und mit einer Beerdigung auf einer Bühne vor einem Bluescreen und künstlichem Regen im richtigen Moment, den die Kamera dann auch forsch als künstlich enttarnt?

Diese Art von Gott-ist-tot-Tiraden ist gewiss nicht neu, wenn auch glänzend formuliert. Der Pessimismus Kaufmans, des gefeierten Drehbuchschreibers und der geballt postmodernen Autor-Figur, geht jedoch weiter. Nicht nur der Glaube hilft nicht, auch die Aufklärung bleibt wirkungslos: Es mag sein, dass es einen freien Willen gibt und man Entscheidungen treffen kann. Aber zu überblicken sind die Konsequenzen niemals, und somit bleibt man wieder beim altmodischen Begriff des Schicksals hängen.

Caden ist ein fast schon im Sinne Thomas Manns dekadenter Künstler, der keinen Zugang zum Leben hat. Wie die sensiblen und lungenkranken Helden Manns leidet er an (realen oder eingebildeten?) körperlichen Beschwerden. Er steht sozusagen draußen vor dem Fenster und sieht zu, so wie Tonio Kröger, der Hans Hansen und Ingeborg Holm fest in den Blick gefasst hat. Nur dass Caden sich, statt draußen stehen zu bleiben, ein eigenes „Drinnen“ gebaut hat. Ohne Erfolg, er schaut selbst dann noch zu, als er längst drinnen ist: Es ist Sammy, der tut, was er selbst nicht tun kann, aber so gerne will (er schläft mit Hazel, er begeht Selbstmord). Die Metapher des künstlerisch verdoppelten (und später im Film ja verwirrenderweise sogar noch verdrei- und vervierfachten) Lebens, die in ein gigantisches Bühnenbild transferierte eigene Existenz ist dann nicht nur Hybris und Egomanie, sondern vor allem Ausdruck der Décadénce: die Kunst in der Kunst in der Kunst. Auch Cadens Tod kommt in der letzten Szene nur als Inszenierung zustande, nämlich aufgrund einer Regieanweisung. „Stirb!“, sagt die weibliche Stimme durch den elektronischen Knopf in seinem Ohr – und Caden stirbt in einer sehr langsamen Weißblende.

Synecdoche, New York mag in dieser Sicht Ausdruck einer künstlerischen Krise Charlie Kaufmans sein, eines Künstlers, der gegenüber seinen Mitteln ein tiefes Misstrauen entwickelt hat. Man betrachte zum Vergleich einen Film wie Jim Jarmuschs The Limits of Control, in dem die Kunst (Malerei, Film, oder ganz grundsätzlich „Imagination“) stets die Realität durchwirkt und auch ganz bewusst gegen diese in Stellung gebracht wird. So plakativ wie Jarmusch hat das bisher kaum jemand ausgedrückt, im Grunde aber weht ein Hauch davon durch viele große Filme. Vielleicht würde das auch die niederschmetternde psychologische Wirkung erklären, die Synecdoche, New York auf manche Kritiker hatte – weil er ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht. Andrew Grant (filmbrain.com) ging nach der Vorstellung schnurstracks in eine Kneipe, um sich zu betrinken.

Das Traurige an Synecdoche, New York wäre also nicht so sehr seine Besessenheit vom Tod oder seine Botschaft, dass das Leben irgendwie unfair ist, denn, ehrlich gesagt, das wussten wir schon vorher, auch wenn sie uns in der hier dargereichten Konzentration dann doch melancholisch stimmt. Nein, es geht um etwas anderes: Anders als erhofft, gibt Kunst keineswegs dem Leben eine Bedeutung und hilft auch nicht, es zu verstehen. Sie lenkt bloß davon ab, zu leben. Das ist die schreckliche, hoffentlich nicht wahre Bedeutung dieses Films.


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2 Antworten to “Synecdoche, New York – zweite Sichtung”

  1. in_progress said

    Kann man den Film nicht auch im positiven Sinne verstehen, als Aufruf einfach aufzustehen und zu handeln? Einfach das zu tun, was man immer wollte bevor es ein anderer tut?
    Viele Menschen sind sehr damit beschäftigt, sich selbst zu beobachten, davon zu träumen wie ihr Leben sein könnte. Sie leben ewig in ihren Träumen, anstatt anzufangen diese zu verwirklichen. Die Kunst dient in diesem Film ja nur dem Aufbau des Traums. Wäre das Stück jemals fertig gestellt worden und hätte Caden es vor Publikum aufgeführt, wäre es real geworden und hätte somit an Bedeutung gewonnen.
    So gesehen, kann man den Film an sich als das vorgeführte Stück betrachten. Als würde man als Zuschauer in die ‚äußerste‘ Lagerhalle kommen und sich das Stück ansehen in dem ein Stück läuft in dem ein Stück läuft in dem ein Stück läuft.
    Ich verstehe den Aufbau dieses Films als Verschachtelung von menschlichen Gedanken und der Genialität, die der Mensch an den Tag legt wenn es um Vermeidungsstrategien geht.

  2. […] “Caden, soviel wird klar, blickt nicht mit Hilfe der Kunst auf die Welt. Er blickt überhaupt nicht auf die Welt, die Kunst ist kein Mittel mehr, sondern Zweck, und in ihr erkennt er immer wieder nichts anderes als sich selbst. Ob in den erwähnten Fernseh-Werbespots oder im Lebenshilfe-Bestseller der langbeinigen und erbarmungslosen Psychologin Madeleine Gravis (Hope Davis) – alles ist für ihn persönlich geschaffen. Auch in seinem größten Projekt, der monumentalen Inszenierung einer Theaterversion von New York in einer riesigen Lagerhalle, dreht sich letztlich alles um ihn selbst. Wir erinnern uns: Schauspieler spielen dort die Menschen aus Cadens Leben, und für seine eigene Rolle engagiert er den melancholischen Stalker Sammy. Um es mit Cadens eigenen Worten zu sagen: ‘To delve into the murky cowardly depths of my lonely fucked-up being.’ Er sucht, sich mit Hilfe der Kunst zu vergrößern. Was natürlich misslingt.” (Quelle: Kein Blut, Rot!: Synecdoche, New York – zweite Sichtung […]

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