Coraline

14. Mai 2009

C-00981.JPG

(Bild: Universal)

In einem meiner alten Calvin-und-Hobbes-Comicbücher wird, wenn ich mich recht erinnere, lobend erwähnt, was für tolle Kommoden Bill Watterson zeichnen kann. Als Argument für die Großartigkeit von Calvin und Hobbes wirkt das erstmal merkwürdig, gibt es doch so viel offensichtlicheres – die überbordende Kleinejungs-Phantasie gepaart mit dem trockenen Witz der Erwachsenen zum Beispiel, oder dass dieser Sechsjährige über den Wortschatz eines College-Absolventen verfügt, aber nur auf eine angenehme, neugierige Weise altklug wirkt. Aber wie so oft bei großer Kunst: Wirklich groß ist sie nur, wenn sie auch im Kleinen funktioniert, wenn also nicht nur die Pointe gut gesetzt ist, sondern auch das kleine Schränkchen an der hinteren Wand von Calvins Zimmer überzeugend und originell aussieht. Das gilt natürlich auch für Dinge wie den Transmogrifier, der nur für ungeübte Augen aussieht wie ein simpler Pappkarton.

Und es gilt auch für pfeifende Teekessel.

Was mich zu Coraline bringt, einen der Filme aus der gerade aufkommenden 3-D-Welle. Regisseur Henry Selick, der Mann hinter dem legendären Stop-Motion-Meisterwerk Nightmare before Christmas, hat hier wieder eine Welt geschaffen, an der man sich nicht satt sehen kann. Wobei „3D“ nicht heißt, dass einem dauernd Dinge um die Ohren fliegen (wie zum Beispiel in dem durchaus vergnüglichen, aber auch sehr jahrmarkt-haften „Monsters vs. Aliens“). Es gibt nur einige wenige Momente, in denen die Welt auf der Leinwand aus sich heraustritt. Dafür sind einige Sequenzen von so ausgesuchter Schönheit, dass mir ihr 3D-Effekt auf den ersten Blick gar nicht auffiel. Die Szene etwa, in der das Mädchen Coraline (das ein wenig unter der mutwilligen Vokalvertauschung ihres Vornamens leidet) gelangweilt am Küchenfenster des alten Hauses steht, in das sie unfreiwillig mit ihren Eltern ziehen musste. Sie schaut hinaus in den Regen, und da die Kameraperspektive von außen zielt, schaut Coraline direkt ins Publikum. Dabei reiht sie kleine bunte Sammelbilder unten am Rahmen auf; zwischen ihr und uns ist die Glasscheibe mit Regentropfen drauf, die man bequem zählen und in ihrem abwärtigen Weg verfolgen kann, und dahinter öffnet sich der tiefe Raum der Küche. Die Einstellung ist atemberaubend, weil sie das Glas als Inbegriff des Flachen und die dreidimensionale Welt dahinter in einen Blick zwingt, und sie wird es umso mehr, weil man sich in dieser Räumlichkeit in aller Ruhe einrichten kann – ohne seine Reflexe gefordert zu sehen.

Coraline läuft am 30. Juli in Deutschland an, das ist immerhin zwei Monate vor Up, dem Eröffnungsfilm der gestern gestarteten Filmfestspiele von Cannes, ebenfalls in 3D. Nach dem zu urteilen, was über Up bisher zu lesen ist, gibt es nun insgesamt zwei sehenswerte 3D-Filme. Und beide zeichnen sich dadurch aus, dass sie auch in nur zwei Dimensionen funktionieren. Es geht um die einfachen Dinge, nicht um Überwältigung. Es geht um eine hübsche Kommode, einen durch Phantasie magisch gewordenen Pappkarton und um einen pfeifenden Teekessel.

Coraline in der Internet Movie Database

Ausführliches Interview mit Regisseur Henry Selick über die Stop-Motion-Technik

Eine Antwort to “Coraline”

  1. […] Aktuell im Kino sollte man sich unbedingt Coraline ansehen, über den ich vor längerer Zeit schon hier im Blog und nun auch, anders und ausführlicher, bei critic.de geschrieben habe. Dort gibt es auch etwas […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s