Synecdoche, New York – erste Sichtung

1. April 2009

„A great film. See it twice“, empfiehlt Roger Ebert auf dem Cover der DVD von Synecdoche, New York. Selten ist ein Hinweis auf die Kompliziertheit eines Films so sehr in den Vordergrund gerückt wie hier. Nahezu alle Rezensionen investieren viele Zeilen in die Beschreibung des eigenen Unverständnisses, und die meisten lassen bei ihrer Interpretation vorsichtshalber mehrere Enden offen. Man weiß ja nie. Und es ist wirklich so. Jede Minute des Regiedebüts von Charlie Kaufman ruft dem Zuschauer entgegen: „Nur einmal sehen ist für Weichlinge!“
Seit seiner Uraufführung in Cannes im vergangenen Jahr geht Synecdoche, New York dieser Ruf voraus. Aus der eher feindlichen Aufnahme seitens Publikum und Kritikern beim Festival kristallisierte sich später eine nicht kleine Gruppe von Unterstützern heraus, die gerade in der sehr offenen Form des Films seine Stärken sehen.
Über einen limited release kam Synecdoche, New York in den USA dann nicht hinaus, und ob er jemals in Deutschland anlaufen wird, ist mehr als ungewiss. Die vor wenigen Wochen in den USA erschienene Region-1-DVD von Sony gibt nun immerhin die Gelegenheit, sich den Film endlich anzusehen.
Und, gottverdammt, es ist tatsächlich genau der Film, vor dem uns unsere Kritiker immer gewarnt haben.

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Philip Seymour Hoffman spielt den Theaterdirektor Caden Cotard; einen depressiven Mann Anfang 40, dem sein Leben entgleitet. Es beginnt mit körperlichen Deformationen – ein defekter Wasserhahn knallt ihm ins Gesicht, auf seiner Haut bilden sich hässliche Ekzeme, er ist besessen von der Farbe seiner Ausscheidungen – und geht weiter über die Trennung von seiner Frau (Catherine Keener), die die gemeinsame Tochter mitnimmt. Die Frau ist eine Künstlerin, deren Bilder so klein sind, dass man zum Betrachten eine Lupe braucht. Cotard, der zu Beginn noch ganz konventionell Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden inszeniert (auch so ein Stück über eine Lebenskrise) geht künstlerisch dann in die entgegengesetzte Richtung: Es wird immer größer. Ein Stipendium erlaubt dem Theaterregisseur ein geradezu bombastisches Projekt: Cotard lässt in einer riesigen Lagerhalle die Stadt New York nachbauen und darin das Leben als solches nachspielen. Einer der zentralen Sätze des Films, von dem ich noch nicht weiß, ob ich ihn banal oder brillant finden soll, lautet:

„There are nearly thirteen million people in the world. None of those people is an extra. They’re all the leads of their own stories.“

Das waren jetzt drei Sätze, aber was solls. Es passt zu einem Film, der vorgeblich Einfaches in Kompliziertes tranchiert. Cadens Theaterprojekt ist eine virtuelle Welt, wie in diesen Computerspielen, in denen man den größten Teil seiner Tage vertrödeln kann. Die Proben ziehen sich über Jahrzehnte hin, ein Publikum taucht nie auf. Jede Person aus der einen Welt wird in der anderen Welt durch einen (Laien-)Schauspieler verkörpert, so dass mit zunehmender erzählter Zeit eine unübersichtliche Zahl von Doppelungen entstanden ist. Am Ende stirbt Caden, mittlerweile mit Benjamin-Button-artigem Makeup, als ungefähr Neunzigjähriger in einer sehr, sehr langsamen Weißblende.
Was den Film so kompliziert macht, ist die kompromisslose Mischung aus den verschiedenen Ebenen, die sich, wenn ich das richtig verstanden habe, auch noch untereinander verschachteln. Zum Beispiel wird innerhalb der Welt in dem Lagerhaus später in einem weiteren Lagerhaus ein weiteres New York gebaut; und es ist nie so richtig klar, wo man sich gerade befindet. Was zum Beispiel hat es mit dem langsam, über Jahre niederbrennenden Haus auf sich, in das die von einer tief dekolletierten Samantha Morton gespielte Theaterangestellte Hazel einzieht? Man sitzt ruhig im Wohnzimmer, während die Flammen lodern. Bei der Besichtigung des Hauses hatte sie zur Maklerin gesagt: Es gefällt mir, aber ich habe Angst, in dem Feuer umzukommen. Und die Maklerin hatte geantwortet: Ja, es ist eine schwere Entscheidung, wie man sterben will. Ist das eine Traumsequenz? Eine Metapher? Eine Szene aus Cadens Theater-in-der-Lagerhalle?
Mein Verständnis bei der ersten Sichtung wurde noch zusätzlich dadurch erschwert, dass die DVD keine Untertitel enthält, noch nicht einmal englische (wer auch immer bei Sony Pictures Classics dafür verantwortlich ist, soll in der Hölle schmoren), und Philip Seymour Hoffman, aber auch fast alle anderen Schauspieler, äußerst undeutlich sprechen.
Charlie Kaufman, der sich als Drehbuchautor von strapaziösen, mit dem Verstand jonglierenden Rätseln wie Being John Malkovich, Vergissmeinnicht und Adaptation einen zugleich exzellenten wie schwierigen Ruf erworben hat, ist als Regisseur ein Anfänger. Gedreht ist Synecdoche, New York nämlich – nimmt man seinen Rahmen sprengenden Plot zum Maßstab – äußerst konventionell, mit establishing shots, Schuss-Gegenschuss-Dialogen und üblicher Schnittfrequenz. Alles Interessante an dem Film liegt im Drehbuch. Und das wiederum wird fast ausschließlich von Frauen bevölkert. Diese Besonderheit erkennt man schon, wenn man den Film nur ein einziges Mal sieht. Neben Caden Cotard als Zentrum sind sämtliche wichtigen Personen weiblich. Alle sind attraktiv, und mit den meisten hat er eine Affäre. Männer tauchen nur in winzigen Nebenrollen auf. Die einzige weitere wichtige männliche Figur ist Sammy, gespielt von Tom Noonan, der aber – und jetzt wird es wirklich ziemlich egozentrisch – von Caden engagiert wird, um ihn, Caden, in der Lagerhaus-New-York-Welt zu spielen.
Also, worum geht es nun in dieser Zumutung von einem Film? Um das zu beantworten, muss ich ihn wirklich mindestens noch ein weiteres Mal sehen, und das werde ich. Sicher ist aber, dass Kaufmans pessimistischer Blick auf das Leben „an sich“, seine Dekonstruktion wichtig erscheinender Entscheidungen, Begabungen, Sinngebungen, sein mutwilliges Zertrampeln jeglicher Spiritualität, seine profane Erschaffung von Welten, in denen jeder mit sich allein gefangen ist, möglicherweise zu den originellsten Geschichten gehört, die seit langem erzählt worden sind. Als zentral erschien mir die Trauerrede eines Priesters bei der Beerdigung von Sammy, die ausnahmsweise akustisch gut zu verstehen war. Der Monolog balanciert wieder ziemlich gewagt auf der Kante zwischen brillant und banal. Er lautet wie folgt:

„Everything is more complicated than you think. You only see a tenth of what is true. There are a million little strings attached to every choice you make; you can destroy your life every time you choose. But maybe you won’t know for twenty years. And you’ll never ever trace it to its source. And you only get one chance to play it out. Just try and figure out your own divorce. And they say there is no fate, but there is: it’s what you create. Even though the world goes on for eons and eons, you are here for a fraction of a fraction of a second. Most of your time is spent being dead or not yet born. But while alive, you wait in vain, wasting years, for a phone call or a letter or a look from someone or something to make it all right. And it never comes or it seems to but doesn’t really. And so you spend your time in vague regret or vaguer hope for something good to come along. Something to make you feel connected, to make you feel whole, to make you feel loved. And the truth is I’m so angry and the truth is I’m so fucking sad, and the truth is I’ve been so fucking hurt for so fucking long and for just as long have been pretending I’m OK, just to get along, just for, I don’t know why, maybe because no one wants to hear about my misery, because they have their own, and their own is too overwhelming to allow them to listen to or care about mine. Well, fuck everybody. Amen.“

Eine Synekdoche ist übrigens eine rhetorische Figur, und vielleicht besteht der ganze Film vor allem aus trickreicher Rhetorik. Laut meinem Duden-Fremdwörterbuch ist die S. eine „Ersetzung eines Begriffs durch einen engeren oder weiteren Begriff – z. B. Kiel für Schiff“. Eine Unterart stellt das gebräuchlichere Pars pro toto dar.
Am Rande bemerkt: Einige Filmblogger aus der Pro-Synecdoche-Fraktion, darunter Glenn Kenny von Some Came Running und Karina Longworth von Spout, führen als Bonus-Feature der DVD ein Gespräch über den Film. Meines Wissens ist es das erste Mal, dass Filmblogger zu Extras werden.

Fortsetzung folgt.

Update: Fortsetzung hier

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