Spielzeugland

2. März 2009

Es ist längst eine Binsenweisheit, dass deutsche Filme nur Oscar-Chancen haben, wenn sie in der Nazizeit spielen (Das Leben der Anderen ist die Ausnahme, vielleicht haben die Academy-Mitglieder da aber auch nur die Uniformen verwechselt und sich im Jahrzehnt vertan. Und die Ost-Autos haben sie für 30-er-Jahre-Wagen gehalten und sich gedacht: Gut, Debütfilm, da war nicht so viel Geld für die Requisite da.) Der Erfolg von Spielzeugland, der am späten Sonntag abend in der ARD gezeigt wurde (Wiederholung am Dienstag im MDR), ist nun der klarste Beweis für diese These: Dass es beim Oscar selten um Form und Kunst, oft aber um Inhalt, Handwerk und gute Absicht geht. So irgendwie, ungefähr.

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Der bereits 2007 produzierte Fünfzehnminüter von Jochen Alexander Freydank steht unter akutem Kitschverdacht, beeindruckt aber mit technischer Perfektion. Es ist ein Film, der nichts so richtig falsch macht, nichts falsch machen kann, weil er so vieles aus dem Lehrbuch nimmt. Und das wirkt bei einer so kurzen Lauflänge fatal, weil es in der Summe nur eine Liste an konventionellen filmischen Mitteln und Tropen wird.
Der Film beginnt mit einer Draufsicht und einer seitlichen Kamerafahrt über eine Klaviatur, vier Hände spielen. Es folgt eine die längliche Form aufnehmende Überblendung zu einer Spielzeugeisenbahn, die ebenfalls seitlich abgefahren wird. Beide Motive sind klassische Vorausdeutungen. Dann ein fast Vertigo-hafter Blick in ein Treppenhaus: kein schwindelnder Zoom-Trick zwar wie bei Hitchcock, aber doch eine leichte Drehung, die etwas Bedrohliches andeutet, wie ein Sog in den Abgrund. Das Treppenhausmotiv kommt in den fünfzehn Minuten insgesamt drei Mal vor. Dann geht die Geschichte los: Heinrich und David, zwei kleine Jungen, spielen ihren Eltern, Nachbarn im Jahr 1942, vierhändig am Klavier vor. Am nächsten Tag sollen David und seine jüdische Familie deportiert werden. Heinrichs Mutter, alleinerziehend, erzählt ihrem Sohn, sein Freund fahre ins Spielzeugland. Heinrich will mitfahren, darf aber nicht. Also macht er sich heimlich auf den Weg und bettelt die Polizisten an, mit in den Transportwagen zu dürfen. Das wird in hin und herspringenden Rückblenden erzählt, die dem Film zusammen mit der Klammer am Anfang und am Schluss eine doch recht interessante Struktur geben. Heinrichts Mutter macht sich entsetzt auf die Suche nach ihm, begegnet den üblichen fiesen und bigotten Nazi-Schergen und rettet schließlich David, den sie mit seinen Eltern im Zug findet und als ihren Heinrich ausgibt. Heinrich selbst, so stellt sich heraus, ist nämlich gar nicht deportiert worden. So blöd sind die Nazis doch nicht. Er stand nicht auf ihrer Liste und durfte deshalb nicht mit. „Spielen wir jetzt weiter“, fragt Heinrich, als er mit seinem Freund und seiner Mutter wieder zuhause ist. Am Schluss spielen wieder vier Hände Klavier, dieses Mal alte Hände, und die Kamerafahrt endet auf Fotos von Davids Eltern, die auf dem Flügel stehen.
Das ist alles von der ersten Minute an kompakt zusammengebaut, mit Vorausdeutungen und Motivwiederholungen verlötet: die Tasten des Klaviers, die Schwellen der Spielzeugeisenbahn, das Spielzeugland, die richtige Eisenbahn mit den deportierten Juden (gedreht übrigens bei den Berliner Eisenbahnfreunden in Basdorf). Dann gibt es noch gefühlvolle Musik, wenn das Kind etwas Rührendes zum jüdischen Nachbarn sagt („Ich komme mit ins Spielzeugland, auch wenn meine Mutter mir das nicht erlaubt.“) und Standardsituationen wie die Einstellung, in der Heinrich auf der Straße zurückbleibt, während sein Freund abtransportiert wird – gefilmt aus dem Rückfenster des Polizeiwagens. Dennoch fand ich den Film schließlich keineswegs so kitschig wie befürchtet. Der Regisseur, ein Autodidakt, empfiehlt sich als begnadeter Handwerker, der seine Bilder nach mehr Geld aussehen lassen kann, als sie gekostet haben. Ein Deutscher, der mit den globalisierten Hollywood-Mitteln eine Geschichte mit Kindern aus der dunklen Vergangenheit seines eigenen Landes erzählt, die dazu noch eine – naja, halbwegs überraschende – Pointe hat: Das musste der Academy einfach gefallen. Und womöglich auch die Erinnerung an einen anderen oscar-prämierten Film aus Europa: Den Dreiklang Nazis-Kinder-Notlüge gab es nämlich schon in Das Leben ist schön (1997) von Roberto Benigni.

3 Antworten to “Spielzeugland”

  1. Cujau said

    Ich weiß natürlich nicht, warum jetzt Freydanks Film besser ist als die anderen Kandidaten für den Oscar. Es ist halt so. Benini fällt einem deshalb ein, weil das Spielerische des Grauens genau da ja schon Thema war.

    Und eigentlich sind hier im Spielzeugland die Nazis blöd, weil sie ja nicht merken, dass die Mutter am Ende des falschen Jungen als ihren ausgibt. Da bin ich also nicht so Deiner Meinung. Wäre es nicht mutiger gewesen, dass die Nazis die Aktion der Mutter durchschauen und merken, deswegen die Mutter mit verfrachtet wird, ihr Sohn aber nie in Gefahr war und am Ende der einzig gerettete ist – wie es bei Benini der Junge auch allein gewesen ist. Aber der Freydank-Film hätte das Jungs-Opfer der jüdischen Seite nicht vertragen, denn der wäre ja dann im Waggon bleiben müssen. Und dafür gibt es keines Oscars. Aber klar ist ja, Freydank hat es nicht auf den Oscar angelegt. Deshalb hat er ihn auch wirklich verdient.

  2. Sebastian Selig said

    SPIELZEUGLAND sieht optisch aus wie schlimmster Vilsmaier und nervt mit seiner aufgesetzten Lehrstückhaftigkeit natürlich ohne Ende. Dazu dann noch die vom Regisseur rausgezülzten „Ich wollte einfach auch nur mal zeigen das es auch im Kleinen gute Deutsche gab“-Weisheiten, die natürlich bestens zum momentanen alles-damals-doch-gar-nicht-so-schlimm-Getue passt und man möchte eigentlich nur noch kotzen.

    Wie man den langweiligen Standardeinstellungen, den filmstudentischen Treppenhauswirblern und kreuzbraven Erzählkino-Rückblenden derart viel abgewinnen kann, ist mir ehrlich gesagt mehr als schleierhaft.

  3. thfu said

    So schlimm, dass man sich darüber ärgern muss, finde ich Spielzeugland nun auch wieder nicht. Sehr ordentlich gemachter Standard halt, wie gesagt, aus dem Lehrbuch. Dass die Akademie dem so viel abgewinnen konnte, liegt vermutlich wirklich am Thema, so absurd das auch klingt. Allerdings habe ich von den Konkurrenten nur einen gesehen, insofern ist es schwer, zu urteilen.

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