Projekt Bildungslücke (2): Letztes Jahr in Marienbad

17. Februar 2009

Frankreich 1961, Regie: Alain Resnais
DVD Kinowelt Home Entertainment

Zwei Wochen lang lag Letztes Jahr in Marienbad auf dem Wohnzimmertisch, die jüngste Lieferung von meiner Lovefilm-Wunschliste, bis sich jetzt endlich ein ruhiger Abend fand, um ihn anzusehen. Der Ruf, der dem Film vorauseilt, empfiehlt ihn nicht gerade als leichte Abendunterhaltung. Aber es stellt sich heraus: Trotz seiner inhaltlichen Unzugänglichkeit und manchmal fast quälenden Langsamkeit ist er alles andere als langweilig. Jedes Bild in Letztes Jahr in Marienbad ist von einer so atemberaubenden Schönheit, dass man dankbar ist, nicht von einer herkömmlichen „Handlung“ abgelenkt zu werden.

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Der Film beginnt mit einer dramaturgischen Todsünde: totaler Redundanz. Mehrmals werden aus dem Off dieselben Sätze wiederholt, während die Kamera so konzentriert wie elegant durch die Säle eines Hotels gleitet. Vorbei an filigraner Stuckverzierung, Gemälden, schweren Flügeltüren, weiten Treppen und den seltsam unbeteiligt scheinenden Gästen des Hotels (eigentlich eher: ein Schloss). Die Sequenz endet bei einer Theateraufführung, deren Bühnenbild im Hintergrund einen Garten zeigt. Die sprechenden Personen, auch die Schauspieler des Theaterstücks, sind zunächst nie im Bild. Der Erzähler, der den gesamten Film über zur Redundanz neigt, taucht bald als Figur auf (das Drehbuch nennt ihn: X) redet immer wieder auf eine Frau ein und versucht sie davon zu überzeugen, dass sie sich vor einem Jahr bereits getroffen haben. Die Frau (Delphine Seyrig) gibt vor, sich daran nicht zu erinnern. Sie trägt mal ein schwarzes, mal ein weißes Kleid. Beide stehen mal draußen, mal drinnen. Resnais versucht mit allen Mitteln, den Zuschauer zu desorientieren, was ihm sehr gut gelingt. Mir kam die Atmosphäre eines Traums in den Sinn: Wie im Traum ändert sich die Situation von Schnitt zu Schnitt, bleibt aber irgendwie auch dieselbe. Personen werfen Schatten, Bäume aber nicht. Skulpturen werden betrachtet, man dichtet ihnen eine Geschichte an – wie es der Zuschauer mit dem Film tut? Die Kamera ist meistens in Bewegung, die Darsteller oft bewegungslos, nie aber schnell. Man fühlt sich, wie Daniel Bickermann geschrieben hat, wie in einem David-Lynch-Film im Smoking. Thomas Koebner in Reclams Filmklassiker, Bd. 2: Ein „philosophisches Gleichnis“, das sich einreiht in die „zeitgenössischen Diagnosen einer zersplitterten, in Ritualen erstarrten und scheintoten Welt der ‚Anderen'“.
Eine erhellende Dokumentation, die auf der DVD enthalten ist, analysiert den Film recht ausführlich, verwirft die eigenen Analysen dann wieder lustvoll, um neue, andere Deutungen anzubieten und geht auf den Zusammenhang mit der Entwicklung des Nouveau Roman (das Drehbuch ist von Alain Robbe-Grillet) ein. Die interessanteste Deutung liest die labyrinthische Struktur von Film und Gebäude sowie Garten als Abbild der menschlichen Gehirnwindungen. Klingt, ähem, in der Tat sehr plausibel. Außerdem werden Verbindungen zu Kubricks Shining (die langen Korridore!) sowie – schon einigermaßen überraschend – zu Hitchcocks Der unsichtbare Dritte hergestellt.

Letztes Jahr in Marienbad in der IMDB.

2 Antworten to “Projekt Bildungslücke (2): Letztes Jahr in Marienbad”

  1. Übrigens ist das einer dieser französischen Filme, die bis vor kurzem entweder gar nicht (wie hier) oder nicht in brauchbarer Version (wie z.B. die Kinder des Olymp) mit deutscher Tonspur auf DVD erhältlich war/ist. Und hier will man die deutsche Tonspur.

  2. […] Projekte Bildungslücke: Scarface Letztes Jahr in Marienbad Verfasst von tfunke Eingeordnet unter Projekt Bildungslücke ·Schlagworte: Madame de …, […]

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