Berlinale-Update: The Milk of Sorrow u.a.

13. Februar 2009

„Entschuldigen Sie, ist der Platz neben Ihnen noch frei?“
„Sie können sich doch auch woanders hinsetzen.“
Der Dialog zwischen den beiden Frauen mittleren Alters zwei Reihen vor mir ist mein erster Eindruck von der neuen Berlinale-Spielstätte Friedrichstadtpalast. Ich weiß nicht, was die Gründe für diese bahnbrechende Unfreundlichkeit waren, aber die Situation passte gut zum Druhmerum. Zum für ein Kino unwirtlich großen Friedrichstadtpalast selbst, zum Wetter, das hier in Berlin von Tag zu Tag harscher wird – und zu der Tatsache, dass das Festival sich seinem Ende nähert und bei manchem bereits Überdruss sich breit zu machen beginnt.
Die letzten Filme, die ich im Wettbewerb gesehen habe, tragen nicht gerade zur Stimmungsaufhellung bei. Katalin Varga von Peter Strickland erzählt von der Rache einer vergewaltigten Frau im ländlichen Rumänien; in The Milk of Sorrow von Claudia Llosa geht es um die Spätfolgen der Vergewaltigungen durch das Terrorregime in Peru. Beide Filme zeigen die jeweils lange zurückliegenden Taten nicht, sondern lassen sie in bemerkenswerter Ausführlichkeit von den Opfern erzählen (bzw. singen). Von der trockenen, wundgestoßenen Vagina ist die Rede und vom abgeschnittenen Penis des ermordeten Ehemanns. Während Katalin Varga dann einen ziemlich alttestamentarischen Weg des „Auge um Auge“ einschlägt und dabei weder psychologisch noch ästhetisch noch moralisch (?) schlüssig ist, stellt The Milk of Sorrow den Versuch dar, sich mit der gewalttätigen Vergangenheit auseinanderzusetzen, die über Generationen weitergereicht wird. Fausta (Magaly Solier) ist die Tochter einer entweder von Soldaten oder von Rebellen vergewaltigten Frau. Am Anfang des Films stirbt die Mutter im Krankenhaus, nachdem sie ein letztes Mal ihr Martyrium gesungen hat. Fausta hat die Angst von ihrer Mutter geerbt, die Menschen in Peru glauben: durch die Muttermilch aufgesogen. Sie traut sich nicht allein auf die Straße, bekommt häufig Nasenbluten und ist grundsätzlich ziemlich still. Zur Abschreckung von potenziellen Vergewaltigern hat sie sich eine Kartoffel in die Vagina gesteckt, die dort nun munter Keime treibt, und die sie hin und wieder abschneiden muss. Dann schaut die Kamera dezent von oben zwischen ihre Beine, und nach einem „Schnapp“-Geräusch fällt ein Stück Keim zu Boden.
Klingt wie die nötige Portion magischer Realismus, die einen Film abheben lassen kann. Aber die erdige Kartoffel lastet für meinen Geschmack schwer auf der Geschichte. Der Symbolismus ist zwar nicht so penetrant wie in Katalin Varga, wo ständig die Kamera in den Wald gehalten wird, aber dennoch. Die Bilder sind mit viel Gestaltungswillen kadriert, aber es bleiben bloß gut komponierte Bilder. So manches sieht außerdem zu sehr nach Standard Weltkino-Arthouse aus – der Lokalkolorit der immer wiederkehrenden farbenfrohen Hochzeitsgesellschaft etwa oder die ständige bedeutungsvolle Schweigsamkeit.
Vergewaltigung ist übrigens ein auffallend häufiges Thema auf dieser Berlinale, neben den beiden genannten Filmen z. B. noch in Sturm (Wettbewerb), Heute trage ich Rock und Human Zoo (beide Panorama). In Sturm geht es um die Vergewaltigungslager während des Jugoslawienkrieges; auch hier wird nichts gezeigt, die Handlung spielt Jahre später und dreht sich um die juristische Auseinandersetzung mit den Verbrechen. In dem Klassenraum-Drama Heute trage ich Rock wird die Darstellung verfremdet, indem man kurze Ausschnitte aus einem Handyfilmchen sieht, das die Täter aufgenommen haben. Nur Human Zoo geht den schlechtesten, den naturalistischen Weg und gibt dem Zuschauer das unangenehme Gefühl, mittendrin zu sein statt nur dabei. Da ist dann gar nichts mehr symbolisch.

***

Außerdem gesehen: den schönen The Exploding Girl (Forum), den harschen Garapa, den nervigen Shortcut to Hollywood (Panorama) sowie Meuterei auf der Bounty und Lawrence von Arabien in der Retrospektive. Heute noch Wajdas Tatarak sehen und morgen Deutschland 09 (Wettbewerb) nachholen. Dann in den Zug nach Köln, ausschlafen, Blog- und Twitterfrequenz herunterschrauben.

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