Berlinale: Hello Dolly (Retrospektive)

9. Februar 2009

Als erstes sieht man eine Straßenkreuzug in einem ziemlich lange dauernden freeze frame. Das hat keine inhaltlichen oder künstlerischen Gründe, sondern soll dem Zuschauer einfach genug Zeit lassen, sich intensiv der Betrachtung dieses riesigen Bildes voller Pferdekutschen, Passanten, Schaufenster und Gemüsestände zu widmen. Das Stilmittel steht ganz im Sinne der Technik, des showoff: Man zeigt was man hat an dieser protzigen 70-mm-Projektion. Dann hört man einen Zug, kann ihn aber nicht sehen. Dann fährt ganz am hinteren Ende des Bildes eine Dampflok über eine Brücke, als einziges bewegtes Element auf der immer noch stillstehenden Kinoleinwand. So wird das Auge weit weg vom Zentrum gelenkt, nur um zu zeigen: Auch hier ist alles glasklar! Schließlich fährt ein langsamer Wisch über die gesamte Fläche – und das Bild lebt, geht über in einen Kameraschwenk, der, musikalisch begleitet von der Overtüre dieser Operette, auf Füßen endet. Auf Füßen, die im Takt den Bürgersteig entlanggehen. Ein paar Takte folgt die Kamera vornehmen Damenschuhen, dann wechselt sie zu trippelnden Kindern oder gewichtig auftretenden Herren. Schließlich endet ein weiterer Schwenk auf einem bombastisch bunten Damenhut. Die Dame dreht sich um, es ist Barbra Streisand. Und Hello Dolly beginnt (Bild aus dem Filmvorführerforum).
Hellodollyvorspann
Der Film ist eine einzige Albernheit und wäre auf einem Fernseher nicht zu ertragen. Seine natürliche Umgebung ist die (sehr) große Leinwand und ein 70mm-Projektor. Außerhalb dieser Umgebung japst und zappelt er, um nach kurzer Zeit zu ersticken. So aber, im Cinestar 8 von 22.30h bis fast halb zwei Uhr nachts, glüht und sprüht er und versetzt einen ganzen Saal in Verzückung, Lachen und veranlasst massenhaftes rhythmisches Mit-dem-Fuß-Wippen. Man sieht im Detail, welche Arbeit und Liebe zu Kleinigkeiten in diese Albernheit geflossen ist. Man amüsiert sich über die dauerquasselnde Streisand, die als heiratswillige Heiratsvermittlerin dem armen Walter Matthau zusetzt, man sieht tänzerische Akrobatik und hört sogar drei bis vier wirklich gute Songs (mit einem davon, “Put on Your Sunday Clothes”, beginnt übrigens Wall-E, denn Hello Dolly ist der Film, der den Roboter das Händchenhalten lehrt). Und es gibt zwei Sequenzen, die ebenso wie die erste zu nichts anderem da ist, als die Technik ihre Vorteile ausspielen zu lassen, und die gerade deswegen atemberaubend sind. Die eine zeigt eine marschierende Parade, in der selbst die hinterletzten Wagen in den Kinosaal springen, die andere ein aberwitziges Kellnerballett in einem Restaurant, in dem selbst die grünen Bohnen auf den vorbeihuschenden Servierwagen deutlich einzeln zu erkennen sind.
Fuck digital. Fuck HD. Ich will 70 Millimeter!

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