Notizen aus den ersten drei Berlinale-Tagen

8. Februar 2009

Irgendwo auf diesem Bild ist Kate Winslet.
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Aber das ist nicht das, was ich erzählen wollte (Foto: thfu). Nur so viel, Ihr lieben Autogrammjäger: Man schreit einer Lady nicht „Ey“ hinterher.

François Ozons Ricky (Wettbewerb) mögen, nach dem was ich bis jetzt so gehört habe, viele Leute nicht. Er macht es einem auch nicht gerade leicht in seiner Mischung von Dingen, die eigentlich nicht zusammengehören.
Es ist fast unmöglich über diesen Film zu schreiben, ohne die Überraschung, die ungefähr in der Mitte geschieht, zu verraten. Was schade ist, denn mir hat diese Überraschung, die mich völlig unvorbereitet traf, sehr gut gefallen. Aber es lässt sich nicht ändern, also bringen wir es hinter uns.
Achtung, jetzt kommt es: Ricky ist … ein fliegendes Baby. So richtig mit Flügeln. Und außerdem hat der Film ein tolles Plakat (Foto: thfu):
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Ozon, man erinnert sich, hat sich ja vor zwei Jahren mit Angel vorsätzlich in die Abgründe des Kostümkitsches begeben. Sein neuer Film könnte nicht weiter davon entfernt sein. Er beginnt mit einem Gespräch zwischen der Fabrikarbeiterin Katie (Alexandra Lamy) und einer Frau vom Jugendamt, die wir aber nie sehen, nur hören. Es geht um einen Mann, der das Weite gesucht hat und ein Baby, das aus nicht näher bestimmten Gründen sehr sehr anstrengend ist. Katie ist offensichtlich am Ende ihrer Kräfte. Fettiges Haar, fahle Haut, unsicherer Blick. Es folgt eine Rückblende, in der die alleinerziehende Mutter zwar gestresst, aber schön ist. Sie lebt mit ihrer siebenjährigen Tochter zusammen und lernt auf der Arbeit einen spanischen Kollegen kennen. Ein Quickie auf der Toilette, eine Beziehung, er zieht bei ihr ein, sie wird schwanger. Ricky wird geboren, ein schwieriges, ständig schreiendes Baby. Das ist gedreht wie ein Sozialdrama jener Art, wie sie in letzter Zeit häufig zu sehen sind. In einem Realismus, für den die Dardenne-Brüder den bekanntesten und am häufigsten zitierten Bezugspunkt darstellen.
Dieser Realismus wird nach und nach mit magischen, man kann auch schlicht sagen: mit Fantasy-Elementen angereichert, ohne dass die nüchterne Erzählung davon weiter tangiert würde. Der Film bleibt geerdet und bodenständig, da kann Ricky noch so sehr im Eiltempo durch einen Supermarkt flattern und gegen die Lampen knallen.
Das Flügelmotiv durchzieht den ganzen Film. Die Tochter isst am liebsten die Flügel vom Hähnchen, sie trägt ein Feenkostüm mit Flügeln, und auf die Wände im Kinderzimmer sind Wolken gemalt. Die Tochter wird von Mélusine Mayance so ernst und manchmal sogar beängstigend gespielt, dass man manchmal glaubt, das könnte jetzt hier auch noch in einen Horrorfilm kippen (ich fühlte mich an das Mädchen erinnert, das in Night of the Living Dead seine Eltern aufisst). Das passiert aber nicht – der Film bleibt zu jeder Zeit das Sozialdrama, das er am Anfang war. Er hält sich nur sehr gekonnt in der Schwebe. Wenn Ricky an einer Leine, wie ein Papierdrachen, über den Köpfen einer Journalistenschar schwebt, lässt Katie ihn plötzlich los. Nicht mit Absicht, aber auch nicht so richtig aus Versehen. Eher unbewusst, beiläufig, und sie braucht auch eine oder zwei Sekunden, bis sie es bemerkt. Das fliegende Baby verschwindet dann am Himmel. Ein Bezug zu dem Gespräch im Jugendamt vom Anfang? Da hatte Katie gesagt, sie wolle ihr Kind fortgeben. Wieder so ein Verweis, der nichts wirklich erhellt. Ein Film, der sein Geheimnis behalten will. Ein Traum, der auch durch das Wachsein, durch die streng realistische Erzählung, nicht beendet wird.

Auch in Darbareye Elly (Alles über Elly, Iran, Asghar Farhadi, Wettbewerb, siehe dazu auch critic.de) hält eine Frau einen Drachen in der Luft, dieses Mal wirklich einen Drachen, kein Baby. Auch steht die Szene hier für etwas anderes. Für Freiheit, vielleicht? Am Anfang die pure Lebensfreude. Eine schnelle Autofahrt durch einen Tunnel, ausgelassenes Geschrei aus dem offenen Wagenfenster. Wir sind im Iran, aber von den Mullahs ist weit und breit nichts zu sehen. Man verbringt das Wochenende mit Familie und Freunden in einem Haus am Meer, Frauen, Männer, Kinder – und ein alleinstehendes junges Mädchen, die titelgebende Elly. Sie soll verkuppelt werden mit dem Heimkehrer aus Deutschland. In der ersten halben Stunde ist Alles über Elly ein Multipersonenstück, in dem alle gleichzeitig reden, sich necken und bei jeder Gelegenheit in Gesang und Tanz ausbrechen. Dann passiert ein Unglück, und Elly verschwindet. Sie mag im Meer ertrunken sein, möglicherweise ist sie aber auch einfach fortgegangen. Weder die Figuren noch der Zuschauer wissen es, und der Film legt genug falsche Fährten, damit das auch so bleibt. Nach und nach wird ein Lügengebäude aufgedeckt, die Stimmung immer aggressiver – so behutsam kalkuliert wie ein extrem langsames Crescendo. Im Mittelpunkt steht die Frage: Ist Elly eine ehrbare Frau? Und da sind sie dann doch wieder, die Mullahs, in den Köpfen dieser sonst so gut gelaunten und modernen Mitglieder der iranischen Mittelschicht. Wie Asghar Farhadi in seinem vierten Film diese Verschiebungen inszeniert, das ist sehenswert und macht ihn zu einem der interessantesten Regisseure seines an interessanten Regisseuren nicht gerade armen Landes.

Sturm (deutscher Wettbewerbsbeitrag von Hans-Christian Schmid): Hat mich von der ersten bis zur letzten Sekunde gefesselt. So erzählt man komplizierte politische Geschichten. Das merkt man besonders im Vergleich zu The International. Das Drehbuch (Bernd Lange) ist einfach um Längen besser. Und das Wiedersehen mit Kerry Fox, der Heldin aus Intimacy, war schön. Wäre dies ein typisch amerikanischer Gerichtsfilm (das ist er nicht, er ist noch nicht einmal überhaupt ein Gerichtsfilm. Die darin üblichen Konventionen bedient er nur kurz und eher als Andeutung), dann würde Naomi Watts oder sonst eine höchstens dreißigjährige Schönheit die Staatsanwältin spielen.

Selbes Thema, aber wirklich völlig anderer Film: Human Zoo (Panorama). Er fängt an im Kosovo, mit einer der härtesten Vergewaltigungsszenen, die ich bisher gesehen habe, und hangelt sich über manch andere Brutalität und viele gewagte Bettszenen rund um die sehr attraktive Hauptdarstellerin durch eine Handlung, in der es irgendwie um den schlechten Einfluss geht, den Grenzen auf die Menschen haben. Und dass sie überwunden gehören. Das geht aber alles ziemlich unter zwischen der lauten Musik, den „Taxi-Driver“-Ambitionen und dem Sex a tergo über den Dächern von Marseille. Donnerwetter, denke ich noch, da war aber ein Regisseur vom Körper seiner leading lady allzu sehr fasziniert. Am Ende kommt der Regisseur nach vorne, und es stellt sich heraus, dass es sich um eine Regisseurin handelt, nämlich um die Hauptdarstellerin selbst, Rie Rasmussen. Hätte ich jetzt nicht erwartet bei dieser wilden Sexploitation-Story, aber das sind vermutlich Vorurteile meinerseits. (Rasmussen macht als Model Werbung für die leckeren Dessous von Victoria’s Secret. Und, das Internet bringt es an den Tag, jetzt weiß ich auch, warum sie mir so bekannt vorkam: Sie ist der Engel aus Bessons Angel-A)

Beast Stalker, der diesjährige Forums-Hongkong-Thriller, lässt mich kalt, aber immerhin nicht gelangweilt.

Skirt Day (Panorama) mit Isabelle Adjani. Eine Lehrerin bringt ihren Emigranten-Schülern mit vorgehaltener Pistole Molière bei. Eine arg platte Bebilderung des französischen égalité-Gedankens. Wird auf ewig im Schatten des letztjährigen Cannes-Gewinners Die Klasse stehen.

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2 Antworten to “Notizen aus den ersten drei Berlinale-Tagen”

  1. Cujau said

    Kate Winslet? Höh? Wo? Ah jo, der hellste Punkt auf dem bild muss sie wohl sein. ;-)

  2. thfu said

    jau, das helle sind ihre Schultern, glaube ich.

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