Berlinale: Böse Banker, doofe Drehbücher und ein unerwarteter Höhepunkt

6. Februar 2009

Auf Filmfestivals verschwimmt die Grenze zwischen Leben und Film zuweilen, meist so ungefähr zur Halbzeit, wenn die unendlich vielen gesehenen Bilder und Geschichten langsam Macht über das Unterbewusstsein bekommen. Hier aber passiert das gleich zur Eröffnung, mit Tom Tykwers The International. Der Film beginnt am Berliner Hauptbahnhof, wo man ja erst ein oder zwei Stunden zuvor selbst aus dem Zug gestiegen ist. Man kommt also sozusagen gedoppelt an auf dieser Berlinale, oder vielleicht besser ausgedrückt: gespiegelt. Was dann auch wieder ein schönes Bild für den psychischen und sozialen Ausnahmezustand wäre, in den einen so ein Festival versetzt.
Die Szene am Hauptbahnhof ist mit ihrer unterschwelligen Spannung jedenfalls ein guter Anfang. Zwei Männer in einem Auto, deren Verhältnis zueinander zunächst mehr als unklar ist, eine latente Bedrohung liegt in der Luft, ein Mord geschieht mitten auf der Straße, Clive Owen wird angefahren, ein Fall in Dunkelheit und Taubheit, bis Hauptdarsteller und Zuschauer langsam erwachen. Eine gute halbe Stunde vor Schluss läuft Tykwer ein weiteres Mal zu Hochform auf. Die sehr lange Schießerei im New Yorker Guggenheim Museum nimmt mit ihren kreisenden Bewegungen die Architektur des Gebäudes auf, zweifellos der Höhepunkt des Films. Tykwer hat das bewusst altmodisch inszeniert, eher im Stil der 70er Jahre Polit-Thriller als im Orientierung verweigernden Schnittgewitter von Jason Bourne oder Ein Quantum Trost. Angenehm auch die im Vergleich zu der Opulenz von Das Parfüm ganz grundsätzliche Schlichtheit. The International ist trotzdem kein guter Film. Inszenierung ist nicht alles, ein gutes Drehbuch wäre auch hilfreich gewesen. Das aber verzettelt sich in seinen James-Bond-artigen Schauplatzwechseln zwischen Berlin, New York, Mailand und Gott weiß wo sonst noch; und seinen Bemühungen, die Welt der Banken darzustellen – was aber aussschließlich über erklärende Dialoge geschieht. Es ist, nebenbei bemerkt, keineswegs so, dass The International zu Zeiten der weltweiten Finanzkrise besonders aktuell wäre, wie Regisseur und Berlinale-Macher nicht müde wurden, zu betonen. Es geht nicht um Krisen, die durch das System selbst ausgelöst werden, sondern um Banken, die illegale Waffengeschäfte machen. So ein Geldinstitut kann man zwar „Bad Bank“ nennen, aber das heißt dann doch etwas anderes als in der gerade aktuellen Diskussion über die staatliche Übernahme von finanziellen Risiken.
Dass das Drehbuch nicht funktioniert, merkt man vor allem an der von Naomi Watts gespielten Staatsanwältin. Ihr Mann und ihr Kind tauchen am Anfang in einer kurzen Szene auf, ein einziges Mal, nur damit am Ende anschaulich wird, warum sie den letzten Schritt in die Illegalität nicht mitgehen will (und deshalb aus der letzten Viertelstunde des Films verschwindet). Owen sagt da etwas wie „Du hast Verantwortung, du hast einen Mann und ein Kind“, um ihr auszureden, ihm weiter zu folgen. Da holpert und scheppert die Struktur der ganzen Geschichte, es fügt sich nicht ineinander. Watts Figur hat ohnehin keine rechte dramaturgische Funktion. Würde man die Rolle streichen, ginge keine Entwicklung verloren. Selbst der schwarze Detective, der Armin Mueller-Stahl beschattet, ist wichtiger. Watts Figur zu streichen, hätte auch den Vorteil gehabt, dass man weniger Kalenderspruch-Dialogzeilen wie „Manche Brücken muss man überqueren und manche verbrennen“ (oder so ähnlich) hätte ertragen müssen.

Eine überwältigende positive Überraschung auf einem Festival gleich am ersten Tag ist mir noch nicht untergekommen, bis gestern. In den japanischen Love Exposure (Regie: Sono Sion; Forum) hatte ich mich nur hereingesetzt, um Zeit zu überbrücken – mit dem festen Willen, nicht die gesamten drei Stunden zu bleiben. Es stellte sich heraus, dass der Film nicht drei, wie ich aufgrund mangelnder Kopfrechenfähigkeiten dachte, sondern vier Stunden dauert – und dass ich mich nicht davon losreißen konnte. Diese äußerst krude Mischung aus Katholizismus, japanischem Sektenwahn, Upskirt-Erotik, Komödie, Karate, sexuellen Perversionen (oder was dafür gehalten wird), Terrorismus, Penis-Cutting, Liebesgeschichte und Some Like it Hot Geschlechterverwirrung ist unwiderstehlich. Es fängt an wie eine konventionelle religiöse Coming-of-Age-Geschichte, wird aber nach einer halben Stunde zu einem vor Ideen sprühenden Genre-Mix und Zitatenfeuerwerk, das nicht die geringste Angst vor sehr, sehr großen Gefühlen hat. Und dazwischen gibt es immer wieder Sequenzen oder Bilder von so klarer, schlichter Schönheit, von so treffend bebilderten Gedanken, dass man sich des Atems beraubt fühlt. Ein Beispiel? Wie wäre es damit: Ein Mädchen läuft durch die Stadt, durch die Luft fliegen in Matrix-Zeitlupe kreuz und quer Gewehrkugeln, an den Menschen vorbei zumeist, manchmal aber auch treffend. Aus dem Off erzählt das Mädchen, dass immer und überall diese Kugeln fliegen, aber nicht jeder sie sehen könne. Das Schicksal als poetisch heruntergekochte, fast bewegungslose Actionszenen-Parodie. Überhaupt Parodie. Überhaupt Reiß-Zoom wie bei Bruce Lee in den 70-ern. Überhaput Hara-Kiri, aber ganz langsam. Überhaupt Blutfontänen. Überhaupt Glaube Hoffnung Liebe, in voller Länge rezitiert, oder vielmehr: herausgestoßen, in einer Einstellung ohne Schnitt. Überhaupt. Die Chancen stehen gut, dass Love Exposure, dieser in jeder Hinsicht maßlose Film, der Höhepunkt der Berlinale 2009 bleiben wird.

Technorati Tags:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s