Der ägyptische Cliffhanger

1. Februar 2009

So etwas passiert am offensichtlichsten in Filmen wie Titanic. Alle, einfach alle, fangen an zu heulen, wenn Leonardo DiCaprio blau wird. Oder Thelma und Louise. Die Szene, in der ein Trucker Thelma vergewaltigen will und dann von Louise erschossen wird. Da kam es damals häufig vor, dass das Publikum klatschte. Und in The Dark Knight erhält der Joker regelmäßig Szenenapplaus und viele „Boah“-Rufe, wenn er das Krankenhaus in die Luft jagt.
Die direktesten, ehrlichsten, amüsantesten, begeistertsten, unglaublichsten und amüsantesten Reaktionen auf die Geschehnisse auf der Leinwand habe ich aber in Ägypten beobachtet. Anfang der 90er Jahre war ich für längere Zeit in Kairo. In die Zeit meines Aufenthalts fiel das 1993er Kairo Filmfestival, das damals international noch wenig beachtet wurde (mittlerweile gibt es durch mehrere neue Festivals in arabischen Ländern insgesamt mehr Aufmerksamkeit: Dubai fand jüngst erst zum fünften Mal statt, mit Hilfe von Robert de Niro wurde das Filmfestival von Doha in Katar gegründet und seit 2001 gibt es auch eins in Marrakesch.)
Wenn man längere Zeit in Kairo lebt, entwickelt man ganz automatisch einen riesigen Hunger nach Filmen. Natürlich gibt es dort jede Menge Kinos, die wir auch häufig besuchten. Aber die Programmauswahl an internationalen Filmen war sehr begrenzt. Ghost – Nachricht von Sam lief damals und die Bruce-Lee-Story, oder Stallones Demolition Man. Auch Jurassic Park, allerdings wurden einige blutige Szenen herausgeschnitten, was wegen der dadurch entstandenen Sprünge deutlich zu sehen war. Der Zensor sorgt selbstredend auch dafür, dass viele Filme mit anstößigem Inhalt erst gar nicht groß anlaufen. Ein unmoralisches Angebot, jener Film, in dem Demi Moore für eine Million Dollar mit Robert Redford schläft, sahen wir in einem kleinen Kulturzentrum in Garden City auf Video; das Publikum bestand aus knapp einem Dutzend Mitglieder dieses Filmclubs in einer der besseren Gegenden von Kairo.
Unsere ägyptischen Freunde damals hießen Ahmed und Ahmed. Ahmed und Ahmed studierten Deutsch mit der Karriereperspektive Fremdenführer und sahen uns als willkommene Objekte zur Vertiefung des Gelernten. Was bedeutete, dass sie uns mit grammatischen Fragen löcherten und, quasi zum Ausgleich, ausufernde Stichwort-Monologe über Geschichte und Sehenswürdigkeiten Ägyptens zum Besten gaben. Manchmal, wenn wir nicht zu Hause waren oder, noch erschöpft vom letzten Besuch einen Tag zuvor, nicht auf das Klingeln reagierten, hinterließen sie Zettel an unserer Tür, auf denen dann, lustigerweise auf englisch, Dinge standen wie „Friends for ever“ (sic!).
Ahmed, der uns schon mehrmals um den Tausch von Playboy-Heften gebeten hatte und nicht glauben wollte, dass wir keine dabei hatten (womit er in der Tat Recht hatte; sagen wir, es war eine Notlüge unsererseits), Ahmed nun machte uns eines Tages auf das Kairoer Filmfestival aufmerksam. Also fuhren wir in diesem November, der auch in Ägypten schon empfindlich kalt werden kann, jeden Abend mit dem Taxi von Zamalek zur Talat-Harb-Straße und nahmen die Kinokarten, die wir kriegen konnten. Ähnlich wie in Berlin ist das Kairoer Filmfestival auch ein Fest für die Bevölkerung, die das Angebot ausführlich nutzt. Aus Gründen, die nicht immer mit der Liebe zur Cinephilie zu tun haben. Als wir aus unserer ersten Vorstellung kamen, hatte ich ein paar Fragen an unsere Freunde.
„Es ist so“, erklärte Ahmed, „dass bei diesem Festival der Zensor nichts zu sagen hat.“
„Warum?“
„Weil“, antwortete der andere Ahmed, „es sich um eine künstlerische Veranstaltung handelt. Und deshalb gibt es Szenen zu sehen, die man hier sonst nicht sieht.“
„Ich verstehe.“
Er grinste, während er zwei Stücke Zucker in seinen Chai plumpsen ließ und langsam umrührte. Ich grinste zurück. „Habt ihr noch ein paar mehr Filme ausgesucht?“
Ahmed, nun wieder der erste, fing auch an zu grinsen. Das hatten sie in der Tat.
Ägypten ist keine cinematographische Wüste. Das Land hat die größte Filmindustrie der arabischen Welt, hat einen Komiker wie Adel Imam und einen Regisseur wie Youssef Chahine und einen Schauspieler wie Omar Sharif hervorgebracht. Die halb aus ägyptischem Dialekt, halb aus Fusha bestehende Kunstsprache der ägyptischen Filme wird vom Maghreb bis nach Syrien verstanden. Aber natürlich unterliegt diese enorme Filmproduktion den Regeln der äußerst konservativen arabischen Gesellschaften. Es ist zum Beispiel zweifelhaft, ob jemals ein Film von Catherine Breillat auf das Filmfestival von Kairo eingeladen werden könnte. Was es dort aber durchaus gab, und was Ahmed und Ahmed genauso wie wir unbedingt sehen wollten, waren amerikanische Filme, die aber – und hier liegt die Crux – gar nicht so freizügig sind, wie man es sich erhofft, wenn man in Kairo lebt. Sondern die ja ihrerseits eine ganz eigene Erfahrung mit Zensur und Prüderie entwickelt haben, und deren Filmsprache auch Jahrzehnte nach dem Hays Code oftmals noch von diesem beeinflusst ist.
Mir sind vor allem zwei Vorführungen aus diesem Winter 1993 in Erinnerung geblieben. Nicht, weil die Filme besonders gut gewesen wären (das waren sie nicht), sondern wegen der bereits erwähnten Reaktion des Publikums. In The Hot Spot, einem Film mit Don Johnson als gefährlicher Loner, der eine Kleinstadt aufmischt und von der Frau seines Bosses manipuliert wird, sitzt Virginia Madsen auf dem Badewannenrand und rasiert sich die Beine. Wohaa, ein Raunen geht durch die Menge, neben mir raschelt jemand nervös mit seiner Pistazientüte.
Der zweite Film war Ruby, an den sich heute kaum noch jemand erinnert. Er erzählt die Geschichte des Nachtclubbesitzers Jack Ruby, der den Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald erschoss. Nachtclubbesitzer? Oh ja, viele Szenen spielen im Club der Hauptfigur, und in diesem Club – es sind die 60-er Jahre – gibt es Striptease-Tänzerinnen.
Nur leider zeigten die nichts, weil die Kameraposition so geschickt wie gemein gewählt war. Die (männlichen) Zuschauer stöhnten jedesmal auf, wenn an einer entscheidenden Stelle des Tanzes ein Schnitt oder ein Schwenk folgte, der die Einlösung eines gemachten Versprechens verhinderte. Manche saßen buchstäblich auf der Kante ihres Stuhls, wie ein westliches Publikum bei einem sehr, sehr gut gemachten Cliffhanger. Nur leider ohne die dazugehörige Erlösung. Oder wie man das als westdeutscher 14-Jähriger vielleicht getan hat, wenn im Fernsehen Das Gänseblümchen wird entblättert mit Brigitte Bardot lief. Während der gesamten Auszieh-Szenen war nichts, aber auch gar nichts zu sehen außer ein bisschen Bein und das Gesicht der Frau bis sehr knapp unter den Schultern.
Die alte, leider aussterbende Kunst des Striptease, die ja früher im Gegensatz zu heute mehr Tease als Strip war, hier kam sie noch einmal zu voller Wirkung. Und bei diesem Gedanken, als ich mit einer Zigarette der Marke „Kleopatra“ in der Hand auf die von Motorknattern, dampfenden Fetten, Buchverkaufsständen, mit Mopeds, Autos und Fußgängern verstopfte Straße trat, beneidete ich die arabischen Männer ein wenig um ihre leichte Erregbarkeit. Aber nur ein wenig. Ahmed und Ahmed, die neben mir auf dem Bürgersteig standen und ebenfalls rauchten, hatten ihre Enttäuschung bereits überwunden und studierten erneut eifrig das Festivalprogramm.

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Eine Antwort to “Der ägyptische Cliffhanger”

  1. […] Ägypter haben ihre Freude an Filmfestivals, aber aus ganz anderen Gründen als unsereins. Ein hübscher Bericht bei Kein Blut, Rot! […]

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