Christian Petzold spricht

7. Januar 2009

Tobias Kniebe merkt heute in der Süddeutschen an, der Regisseur Christian Petzold sei jemand, der „wie kein Zweiter in diesem Land die Absichten und Motive seines Schaffens erklären kann“. Morgen läuft Petzolds neuer Film Jerichow an, mit Nina Hoss, Hilmi Sözer und Benno Führmann, und in den deshalb zahlreich erscheinenden Interviews zeigt sich, wie wahr diese Aussage ist. Eine Auswahl:

„Die Rollenzuschreibung für Frauen ist viel komplizierter geworden, hat nichts mehr mit den 40er Jahren zu tun. Genderforschung, Kinder haben und arbeiten, gleichzeitig Verführerin sein. Das sind unheimlich komplexe Positionen, die Frauen einnehmen müssen, ausprobieren und auch erleiden müssen. Dieser Komplexität muss man sich stellen. Es reicht nicht mehr, dass eine Frau ihren Pelzmantel aufmacht. Damit kann man noch nicht mal mehr anschaffen gehen.“ (critic.de)

„Das war die Frage – was bleibt, wenn die Industrie weg ist. Es gibt nur ganz wenige Fabrikbilder im amerikanischen Kino. Wir haben uns auch ‚Deer Hunter‘ angeschaut, weil Pennsylvania was mit der Prignitz zu tun hat. Die Kraft und die Sehnsucht, etwas herzustellen, dann werden die Männer in den Krieg geschickt. Nun gibt es hier keinen Krieg mehr, es gibt Hartz IV. Wo holen die Menschen jetzt ihre Träume her, gehen sie in die Baumärkte?“ (Süddeutsche Zeitung)

„Man sollte die Regisseure, die immer alles ausfüllen, mal fragen, warum sie diesen Scheiß machen. Das ist für einen Zuschauer gedacht, dem man jede Assoziationskraft abspricht. Es hat auch mit Respekt zu tun, wenn sich der Zuschauer zu spärlichen Informationen etwas dazu denken muss. Deshalb ist die Leerstelle nicht leer, sondern ein Resonanzraum. Wenn man stattdessen diese Ich-nehme die-Zuschauer-an-die-Hand-Biographien hat, wo jemand sagt ‚Ich habe mich als Kind mit dem Bügeleisen verbrannt und mein Vater ist im Krieg gefallen, deshalb bin ich Sexualmörder geworden‘, dann kommen dabei durchtherapierte Figuren heraus, die völlig harmlos sind. (…) Ich verstehe nicht, warum deutsche Filme dem Zuschauer so wenig zutrauen. In den meisten Filmen sind 50 Prozent der Dialoge vollkommener Unsinn – im Fernsehen sogar 80 Prozent. Diese Dialoge sind nur an uns Zuschauer gerichtet. Deshalb arbeite ich so lange an einer Szene, bis das Gespräch nur den Figuren gehört.“ (Tagesspiegel)

„Ich glaube einfach, nur die Liebesgeschichte lohnt sich zu erzählen, die es nicht schafft. Das Scheitern gehört zum Kino. Das ist etwas, was das Fernsehen bis heute nicht begriffen hat – dass das Scheitern etwas mit Tragödie zu tun hat. Komischerweise will man dem Menschen um 20.15 Uhr keine Tragödie zubilligen.“ (dpa)

„Die Fernsehredaktionen holen ihre Mitarbeiter nicht mehr, wie das mal üblich war, aus der Produktion. Ursprünglich waren das ja Journalisten, die konnten Reportagen machen, die konnten Interviews machen, die haben mal eine Sendung gemacht oder eine Regieassistenz bei einem großen Regisseur. Die kamen aus der Produktion und wussten etwas davon. Dagegen hat man heute nur noch Leute, die direkt von der Uni dorthin kommen. Das ist natürlich der am wenigsten geerdete Weg, um Fernsehen zu machen. Deshalb wird immer weniger ins Bild gesetzt, weil die Leute, die Fernsehen machen, nie etwas über Ins-Bild-Setzen gelernt haben. Wenn die etwas über Zeitarbeiter machen, dann wird einer interviewt und die Firma von außen mit einem Schwenk gezeigt. Aber die Lebenswirklichkeit eines Zeitarbeiters, der eine übermenschliche Flexibiltät an den Tag legen muss, die ihn letztendlich zerstört – dass man dafür mal ein Bild finden muss, was ja in der 60er und 70er Jahren noch im Fernsehfilm möglich war – das ist völlig verschwunden.“ (cargo-film.de)

Am Rande bemerkt: Cargo hat mit seinen Videointerviews – das mit Petzold ist bereits das dritte oder vierte – eine interessante Form gefunden. Den Regisseuren wird sehr viel Zeit gegeben, sich zu artikulieren, die Fragen sind fast immer herausgeschnitten, der Interviewer erscheint nicht im Bild, ja er wird noch nicht einmal namentlich erwähnt. Erstaunlicherweise sind die Interviews dennoch alles andere als geschwätzig. Vielleicht ist Interview auch die falsche Bezeichnung. Cargo selbst nennt es „Gespräch“, aber es gibt nur einen, der redet. „Audienz“ wäre deshalb vielleicht treffender.
Der Übersichtlichkeit halber wird das Material in mehrere einzeln anklickbare, thematisch deutlich strukturierte Teile zerlegt, die jeweils schon mal zehn Minuten lang sein können. Das ist ziemlich genau das Gegenteil der 1’30“-Schnipsel im Fernsehen, in denen man sich häufig fragt, warum es gerade dann, wenn es interessant wird, schon vorbei ist.

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