Die Woche auf Zelluloid

22. Dezember 2008

Krank sein verschafft auch cineastisch eine Atempause. Statt schnupfend und hustend ganze Kinosäle mit Bazillen zu versorgen, liege ich daheim auf der Couch und nehme Gelomyrthol, Olynth, Paracetamol, Lemoncin sowie große Mengen alter Filme ein. Dank verstopfter Nase häufig schlaflos, führt das zu schönen Begegnungen nachts um vier Uhr, etwa mit Eric Rohmers Claires Knie (1970) oder – in Krankheitsfällen zur Ablenkung vom eigenen Zustand wirklich zu empfehlen – mit schwarzweißem Hollywood mit Damen, die absurde Abendgarderobe tragen. Meine Jahresendspurtkinoliste gerät deshalb etwas in Vergessenheit, das ist aber weniger schlimm als gedacht.

Vor allem, wenn man, wie ich, in Köln wohnt. Von den am vergangenen Donnerstag angelaufenen Filmen läuft Til Schweigers Dingsbums-Ritter täglich in acht Vorstellungen; Little Paris dagegen, der einzige Film in dieser Woche, der mich interessiert, läuft gar nicht und wird vermutlich in vier bis sechs Wochen mal in der Filmpalette zu sehen sein. Und diese Stadt nennt sich Medienmetropole und beherbergt Unmengen an Filmhochschülern!

Auch die Nachrichtenlage macht nicht den Eindruck, als würde ich zwischen meinen zerwühlten Kissen und Mentholduftwolken viel verpassen. Es gibt zum Jahresabschluss noch ein paar mehr Best-Of-Listen und so langsam dürfte jede Kritikerorganisation ihre Preise (aka Oscartipps) vergeben haben (aktuell dazugekommen sind die Kritikerorganisationen von Austin, Florida, St. Louis, Las Vegas, Chicago, Dallas, Toronto und London.) Aufhorchen lässt immerhin die Meldung, dass Ari Folman, Regisseur von Waltz With Bashir, an der Verfilmung einer Geschichte von Stanislaw Lem arbeitet. „Der futurologische Kongress“ soll ein Mischfilm aus Animation und echten Schauspielern werden. Der Hollywood Reporter berichtet.

To Kill a Mockingbird (Wer die Nachtigall stört) mit Gregory Peck, 1962.

Schwarz und Weiß in Schwarzweiß: To Kill a Mockingbird (Wer die Nachtigall stört) mit Gregory Peck, 1962.

Und noch eine zweite Meldung, eine traurige. Robert Mulligan, Regisseur von To Kill a Mockingbird, ist tot. Das ist der Film nach dem Buch von der Freundin von Philip Seymour Hoffman in Capote (2005). Die LA Times ruft nach.

Mindestens einmal in diesem Jahr muss ich aber noch ins Kino. In die Buddenbrooks, wovon mich auch die sehr zahlreichen wirklich sehr, sehr  schlechten Kritiken nicht abhalten werden. Es interessiert mich, auf wie viele verschiedene Arten man diesen großartigen Stoff vergeigen kann. Denn vergeigt sind, seien wir ehrlich, die alten Filmversionen doch auch. Ich erinnere mich an ein Germanistik Hauptseminar an der FU Berlin über die Buddenbrooks, an dessen Ende wir einige Folgen aus der Fernsehserie angeschaut haben. Mit Volker Kraeft als Thomas; eine recht buchstabentreue Version. Wir, ironisch imprägniert und noch voll mit den Mannschen Sätzen und beeindruckt von den riesigen leitmotivischen Bögen, langweilten uns unendlich. Ich glaube nicht, dass opulente Kostüme und aufdringliche Musik diese Langeweile vertreiben können, aber ich will ganz sicher gehen.

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