Murder (Alfred Hitchcock, 1930)

16. Dezember 2008

Diese Kritik muss ich mit einem Geständnis beginnen. Bei der ersten Sichtung von Hitchcocks Murder bin ich nach ungefähr einem Drittel eingeschlafen, so wie die Frau neben mir auf dem Sofa. Das kann man nur bedingt dem Film anlasten, der noch nicht das Timing und die Spannung von, sagen wir, North by Northwest hat. Vor allem lag es an externen Faktoren, wie z.B. Schichtdienst, Schlafstörungen und schu viel Wein.
Mit klarem Kopf und einer Tasse Kaffee versuchte ich es am nächsten Morgen noch einmal. Und entdeckte einen im Ganzen sehr gealterten, im Einzelnen aber sehr frischen Film. Das Timing ist wirklicht etwas lahm, man fragt sich, warum es gefühlte Minuten dauert, bis sich ein Raum mit Menschen gefüllt hat (das Geschworenenzimmer bei Gericht), und bei mancher Szene hätte man vielleicht auch früher schneiden können. Jedenfalls drängt es einen innerlich dazu, wenn man von den späteren Hitchcock-Filmen kommt. Aber es gibt zwei wirklich tolle Szenen. Die eine ist eine Komödiennummer mit Sir John morgens im Bett, der von den zahlreichen Kindern seiner Wirtin bestürmt wird und versucht Haltung zu bewahren, während er eine detektivische Befragung in Angriff nimmt. Und die andere, ja, die andere ist diese hier, und die hat mich wirklich umgehauen. Wer noch nicht weiß, warum Hitchcock oft mit deutschem Expressionismus in Verbindung gebracht wird, sehe sich dies an (es ist die Szene, in der Sir John die mordverdächtige Schauspielerin im Gefängnis besucht, deren Unschuld natürlich später bewiesen wird.) Für mich mindestens so atemberaubend wie die von unten durch die Decke gefilmten Schuhe in The Lodger:

Mord04
Mord05
Mord07
Mord08
Mord09
Mord10
Mord11
Mord12
Mord13

Man achte auf die Umrisse der Wärterin in dem kleinen Fenster in der Tür, die da wirklich auf und abläuft, dieses Mal mit perfekten Timing. Und man achte auf die Schatten. Die ganze Szene wirkt wie ein Fremdkörper in einem Film, der sich ansonsten bemüht, seinen Studiobauten so viel wie möglich Realismus abzuverlangen. Es ist schon erstaunlich, was damals im Studiosystem möglich war, einfach so durchgewunken wurde.
Übrigens gibt es kurioserweise denselben Film noch einmal, mit deutschen Schauspielern und deutschen Dialogen, unter dem Titel Mord – Sir John greift ein. Ebenfalls von Hitchcock gedreht, mit exakt denselben Kameraeinstellungen. Das war damals nicht unüblich, weil es ja noch keine Synchronisierungen gab. Der Qualitätsunterschied zwischen den Fassungen, die beide in der Arthouse-DVD-Box Master of Suspense enthalten sind, ist aber enorm. Die Szene mit den Kindern im Bett z. B. ist in der deutschen Version überhaupt nicht witzig.
Noch ein interessanter Aspekt zu Murder: Wie Hitchcock Truffaut verraten hat, handelt es sich um den ersten (oder einen der ersten) Filme mit Voice-Over-Kommentar der Hauptfigur. Herbert Marshall steht vor dem Spiegel und rasiert sich, während hinter der Wand ein Grammophon mit seiner zuvor aufgezeichneten Stimme läuft. Nachträglich einsprechen konnte man so etwas damals noch nicht, es gab nur den Originalton.

Murder in der imdb.

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