Real oder egal?

10. Dezember 2008

Bericht vom Symposium „Ende der Fiktion?“ des Filmbüros NW am 8. Dezember 2008 in Köln

So genannte realistische Filme sind keine abgefilmte Wirklichkeit..

Zwischen den Stühlen: So genannte realistische Filme sind keine abgefilmte Wirklichkeit. Foto: thfu

Ist es Realismus, wenn die Idee für einen Film aus einer Zeitungsmeldung stammt? Oder wenn der gesprochene Dialekt so stark ist, dass man kaum noch etwas versteht? Oder wenn die Schauspieler keine Profis sind sondern Omas, Tanten und Nachbarn? Ist es Realismus, wenn der Regisseur eines Dokumentarfilms die visuell schönsten Aufnahmen aus dem fertigen Film herausschneidet? Oder wenn die Einschusslöcher des Attentats auf Siegfried Buback zentimetergenau rekonstruiert werden? Es gibt viele Symptome für das Etikett „realistischer Film“, die mehr oder weniger gut zueinander passen. Auf dem Symposium „Ende der Fiktion?“, das das Filmbüro NW am vergangenen Montag in Köln veranstaltet hat, war von jedem der genannten Beispiele einmal die Rede – aber natürlich kam keinem davon eine bezeichnende Bedeutung zu. Der Realismus, oder vielmehr das, was im Kino unter Realismus verstanden wird, lässt sich nicht an den einzelnen Punkten einer Dogma-artigen Liste festmachen. Und oft bricht der vermeintlich realistische Film seinen eigenen Duktus sogar vorsätzlich, zum Beispiel am Schluss von Der Wald vor lauter Bäumen von Maren Ade, oder in Timo Müllers Morscholz, in dem einige Sekunden rückwärts laufen und ein Drachen einfach vom Himmel verschwindet.
Müller, dessen Film beim Münchner Filmfest einen Preis erhielt, war Gast der ersten von insgesamt drei Diskussionsrunden. Er spricht von der „Poesie hinter dem Realismus“, vom Abstrakten, das hinter der Oberfläche der reinen Abbildung liege. Und dazu gehöre auch der Einsatz des Dialekts, der nicht als realistisches, sondern – qasi um die Ecke – als poetisches Mittel wirkt. In dem Ort Morscholz im Saarland redeten die Leute halt so wie sie in seinem Film redeten, erklärt Müller. Und wenn man dann als einziges Wort in einer Szene das Wort „Koi“ verstehe, dann werde eine abstrakte Ebene erzeugt – „Koi“ ist ja noch nicht einmal ein deutsches Wort.

FF Oldenburg

Ein Mann, eine Frau, ein Bett: Szene aus Timo Müllers Morscholz. Bild: FF Oldenburg

Jan Bonny, der seinen Film Gegenüber – ein Ehedrama über eine Frau, die ihren Mann schlägt – nach der Lektüre einer kurzen Zeitungsnachricht in Angriff nahm, greift zwar nicht zu den Mitteln des poetischen Realismus, legt aber Wert darauf, „keine Statistik verfilmt“ zu haben. Durch die dramatische Struktur und die filmischen Mittel würde klar, dass es sich um Fiktion handele, betonte Bonny. Nur so sei eine solch sperrige Geschichte überhaupt zu erzählen, auch wenn es keinen klassischen Sympathieträger wie im Hollywoodfilm gebe. (Trailer zu Gegenüber:)

Bonny und sämtliche anderen geladenen Regisseure machten deutlich, dass sie mit dem Begriff „Realismus“ nicht viel anfangen können. Das gilt auch für Christophe van Rompaey, dessen Neulich in Belgien der einzige der genannten Filme war, der ein großes Publikum fand – was Moderatorin Felicitas Kleiner dazu verleitete, von einer „romantischen Komödie“ zu sprechen, eine Klassifizierung, die van Rompaey aber vehement von sich wies. Einen gewissen Blick aufs Publikum hält er jedoch durchaus für nötig und möglich. Die dargestellten Emotionen seien universal und könnten Menschen überall ansprechen, auch weit entfernt vom Gezeigten. Interessant wäre gewesen, mit welchen Mitteln man das erreicht, und mit welchen Mitteln sein Film dies erreicht hat. Möglicherweise mit mehr Optimismus und mit mehr lachenden Gesichtern? (Trailer zu Neulich in Belgien:)


Das Unbehagen gegenüber dem Realismus-Begriff (manche schlugen als Alternative „Wahrhaftigkeit“ vor, das auf etwas über dem Abgebildeten hinaus weist) äußerte sich besonders deutlich in der Aussage von Athanasios Karanikolas (Elli Makra – 42277 Wuppertal): „Je häufiger ich meinen Film sehe, desto weniger finde ich, dass er realistisch ist.“ Zudem hat der Einsatz von Laienschauspielern, so Karanikolas, nicht unbedingt eine ästhetische Funktion, sondern vor allem eine rein praktische. Grob zusammengefasst: Wer von einem bestimmten Milieu erzählen will, findet leichter passende Darsteller in diesem Milieu als in den Schauspielschulen.
In der zweiten Diskussionsrunde ging es mehr um wirtschaftliche Fragen: Ob es in der Förderpolitik eine Art Diktat für realistische Stoffe gibt. Denn das war der Auslöser für das ganze Symposium gewesen: Dass mit der Goldenen Palme für Die Klasse (Entre les murs, ein dokumentarisch anmutender Film über eine Schulklasse und ihren Lehrer) und mit der Aufmerksamkeit und dem kritischen Zuspruch, den realistische Filme in letzter Zeit erhalten haben, eine Hinwendung zu „aus dem Leben gegriffenen Geschichten“ einhergeht. (Trailer Die Klasse:)


Susan Vahabzadeh, Filmkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung, hatte bereits in ihrem Einführungsvortrag weitere Beispiele dafür genannt, dass „sich die Nachrichtenlage und der Film immer mehr annähern“, dass Geschehnisse mit immer geringerem zeitlichen Abstand ins Kino gelangen – etwa mit W. von Oliver Stone, einem Biopic über George W. Bush. Die meisten Stoffe werden aber im Kleinen gesucht. Eben in der erwähnten Schulklasse oder im Mileu von arabischen Einwanderern in Frankreich. In Abdellatif Kechiches Couscous mit Fisch etwa, so Vahabzadeh, geht der Realismus so weit, dass man das Gefühl hat, mit der Familie beim Abendbrot am Tisch zu sitzen. Ein Blick zurück zeigt aber, dass es ähnliche Entwicklungen schon früher gab, etwa bei John Cassavetes, dessen Shadows (1959), ungefähr zur selben Zeit wie in Frankreich die Nouvelle Vague, das Independentkino einleitete. Das Filmen an realen Orten war für die Regisseure eine Befreiung, auch finanziell. Wie wenig realistisch im eigentlichen Wortsinn all das immer schon war, machte die Referentin mit einem Bezug zu D. A. Pennebaker deutlich, der für den Dokumentarfilm feststellte: Inszeniert wird auch hier, wenn auch erst im Schneideraum. (Ausschnitt aus Shadows:)


Der (Fernseh-)Drehbuchautor Eckhard Theophil zeigte sich von der These des neuerlichen „Diktats des Realen“ allerdings überrascht: „Wenn man als Autor etwas realistisch macht, lässt es sich nicht mehr verkaufen.“ Und dass die Mörder im ARD-Tatort fast immer aus der gebildeten Mittelschicht stammten, lasse sich zwar mit der Herkunft der Drehbuchautoren erklären, sei aber wohl kaum Realismus. Andere soziale Schichten gebe es mittlerweile nur noch als Klischee.
Die Produzentin Janine Jackowski versteht den Realismus nicht als Diktat, sondern als Bereicherung und weist – wie zuvor schon Jan Bonny – darauf hin, dass diese Filme zwar realistisch wirkten, es aber nicht seien. Eine wissenschaftliche Sicht steuerte der Medienwirkungsforscher Dirk Blothner bei: Die Hinwendung zum Realismus sei die Antwort auf eine kulturelle Situation. Die Zeit des anything goes sei vorbei. Wer die Widerständigkeit des Lebens spüre – Stichwort Angst vor dem finanziellen Absturz – empfinde ein Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit.

thfu

Die Poetik hinter dem Realen: v. l. Christophe van Rompaey, Jan Bonny, Moderatorin Felicitas Kleiner, Athanasios Karanikolas, Timo Müller. Foto: thfu

Die Hinwendung zum Realismus zeigt sich auch in der Renaissance des Dokumentarfilms, von der Andres Veiel (Der Kick, Black Box BRD) in der dritten Runde zu berichten wusste. Immer häufiger wählten seine Studenten diesen schwierigen Weg, erzählte der gelernte Psychologe. „Der Kick“ ist ein merkwürdiger Zwitter, weil er real ist in dem, was gesagt, aber inszeniert ist in dem, was gezeigt wird. Veiel hat in dem brandenburgischen Dorf Potzlow, in dem vor einigen Jahren ein Jugendlicher von seinen Kameraden ermordet wurde, Gespräche mit Verwandten und Anwohnern geführt. Diese Gesprächsprotokolle legt er Schauspielern in den Mund, die in einer leeren Fabrikhalle agieren. Veiel: „Die Monstrosität des Verbrechens war so groß, dass ich abstrahieren musste, um Distanz herstellen. Die Tat selbst wäre sonst zu sehr in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.“ Ist das dann noch Realismus? Oder schon? Jedenfalls, so Veiel, ist es kein Realismus, wenn Dinge sklavisch rekonstruiert werden, wie in Der Baader Meinhof-Komplex geschehen, wo die Einschusslöcher nach fotografischer Vorlage und mit dem Zentimeterband angebracht wurden. In diesem absurden Verfahren fehle das Erkenntnisinteresse.
Für Philipp Gröning, Regisseur von Die große Stille, einem Dokumentarfilm über das Leben in einem Kloster, liegt der Realismus vor allem in der Zurückgezogenheit des Filmemachers. In seinem Film habe er kein einziges Mal Regieanweisungen gegeben, sondern nur gefilmt, was war. Gröning hält Dinge, die man sich ausdenken kann für – Achtung – „inhärent subkomplex“, also für zu einfach. Er glaube stattdessen an den Zufall. Und als einmal die Sonne so umwerfend prächtig durch die Kirchenfenster schien, dass man hätte denken können, in einem Martin-Scorsese-Film zu sein, da hat er die Einstellung herausgeschnitten. Sie war zu schön.

Eine Antwort to “Real oder egal?”

  1. […] ist gedreht wie ein Sozialdrama jener Art, wie sie in letzter Zeit häufig zu sehen sind. In einem Realismus, für den die Dardenne-Brüder den bekanntesten und am häufigsten zitierten Bezugspunkt […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s