Die Woche auf Zelluloid

1. Dezember 2008

+++ Heute über den Regisseur Tom Tykwer, die Brüste der früheren Herausgeberin der Washington Post und über fehlende Fernsehansagerinnen +++

Nach und nach tropfen Details über die nächste Berlinale ein: Tom Tykwers The International, ein Actionthriller, wird die Filmfestspiele eröffnen. Früher gab es eine unausgesprochene Regel auf der Berlinale, nach der der Eröffnungsfilm niemals gut ist. Mittlerweile hat sich diese Regel etwas geändert. Gut kann ein Eröffnungsfilm immer noch nicht sein, erfolgreich aber schon. Von den Filmen der vergangenen Jahre ist einer komplett vergessen (Man to Man von Régis Wargnier, der es nach seiner Premiere 2005 nie ins deutsche Kino schaffte), der Rest ist durchaus im filmischen Kollektivgedächtnis und manchem DVD-Regal vorhanden. Shine a Light (Martin Scorsese, 2008), La Vie en Rose (Olivier Dahan, 2007), Snow Cake (Marc Evans, 2006), Cold Mountain (Anthony Minghella, 2004) Chicago (Rob Marshall, 2003), Heaven (Tom Tykwer, 2002). Tom Tykwer? Ja, der Regisseur des Eröffnungsfilm der Berlinale 2009 hat bereits sieben Jahre zuvor dieselbe Ehre genossen. Und auch wenn Heaven nicht sein stärkster Film ist (das ist meiner Meinung nach immer noch Winterschläfer von 1997, und ja, ich habe Lola rennt auch gesehen), so ist man doch erstaunt, welche Entwicklung Tykwer seitdem genommen hat. Erst das Parfüm, ein Riesenerfolg an der Kasse, aber geschmäht von der Kritik, und nun The International, ein Hollywood-Action-Thriller mit Starbesetzung, der dem Trailer nach zu urteilen spannend, aber herkömmlich sein dürfte. 2002 reichte der Name Cate Blanchett, um einem so meditativen wie sperrigen Film den roten Teppich auszurollen. Heute sind es Naomi Watts und Clive Owen, und besonders sperrig sieht The International nicht aus . Ob er die unausgesprochene Regel des Berlinale-Eröffnungsfilms brechen kann, lässt sich eine Woche nach der Uraufführung in den deutschen Kinos überprüfen.

Von den deutschen Kinokassen gibt es ansonsten nichts zu berichten. Klassenbester ist immer noch James Bond, als einziger Neuzugang in die Top Ten schaffte es in dieser Woche Death Race auf Platz 5. In den USA geht es schon weihnachtlich zu, Four Christmases mit Reese Witherspoon verdrängte auf Anhieb das Teenie-Vampir-Enthaltsamkeits-Spielchen Twilight vom Spitzenplatz. In Deutschland heißt der übrigens für einen Weihnachtsfilm recht vergnügliche Streifen Mein Schatz, unsere Familie und ich. Er läuft diese Woche an, auf critic.de folgt rechtzeitig eine Rezension.

Nicht mehr ganz neu ist die Meldung, dass ein Biopic über Katharine Graham in Vorbereitung ist, die legendäre Herausgeberin der Washington Post. Laura Linney ist für die Titelrolle vorgesehen (via cargo-film.de). Mrs. Graham steuerte das Blatt während der Watergate-Affäre. Ebenfalls legendär ist die Erwähnung ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale im bis dato großartigsten aller Journalistenflme All the Presiden’s Men (dt. Die Unbestechlichen).

Warner Bros. DVD

Dustin Hoffman als Carl Bernstein (Bild: Warner Bros. DVD) interviewt per Telefon den ehemaligen US-Justizminister John Mitchell (Auszug gekürzt):

JOHN MITCHELL’S VOICE (V.O.)
Yes?

BERNSTEIN
Sir, this is Carl Bernstein of the
Washington Post, and I’m sorry to
bother you but we’re running a story
in tomorrow’s paper that we thought
you should have a chance to comment
on.

MITCHELL (V.O.)
What does it say?

BERNSTEIN
(starting to read)
John N. Mitchell, while serving as
US Attorney General, personally
controlled a secret cash fund that–

MITCHELL (V.O.)
–jeeeeeeesus–

BERNSTEIN
–fund that was used to gather
information against the Democrats–

(…)

MITCHELL (V.O.)
–all that crap, you’re putting it
in the paper? It’s all been denied.
You tell your publisher–tell Katie
Graham she’s gonna get her tit caught
in a big fat wringer if that’s
published. Good Christ! That’s the
most sickening thing I ever heard.

BERNSTEIN
Sir, I’d like to ask you a few–

(…)

Die nächste Szene zeigt Bernstein, den von Robert Redford gespielten Bob Woodward und den großartigen Jason Robards als Chefredakteur Ben Bradlee, der sich Bernsteins Notizen ansieht:

BRADLEE
He really made that remark about
Mrs. Graham?
(BERNSTEIN nods)
Well, cut the words „her tit“ and run it —
this is a family newspaper.

Noch ein paar Kleinigkeiten zum Abschied. In Ludwigsburg ist die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg eröffnet worden, laut Ministerpräsident Günther Oettinger eine „innovative Kreativwerkstatt an der Schnittstelle von Bühne und Film“. Dort lernt man nämlich Schauspiel, Regie und Dramaturgie sowohl für Theater als auch für Film. Kann ja nicht schaden, doppelt qualifiziert zu sein. Eine andere Doppelung ist die von Kino und Fernsehen. Christian Petzold gibt der taz Auskunft darüber, wie man als Filmemacher die eigenen Werke vom Sofa aus sieht (wie Petzolds Gespenster am Freitag vergangener Woche zu nächtlicher Stunde in der ARD):

„Genau wie man auch bei Kinopremieren in den ersten zwei Minuten im Saal bleibt, um zu kontrollieren, ob der Ton stimmt und die Schärfe richtig eingestellt ist, guckt man auch in der Anonymität der 35 Fernsehprogramme kurz rein, ob es dem Kind gut geht – obwohl es ja leider gar keine Ansagerin mehr gibt, die vorher was zum Film erzählt. Die Ansagerinnen fehlen.“

Variety berichtet über das Grammy Museum in Los Angeles, das am Samstag eröffnet wird. Und nachträglich gratulieren wir noch Terrence Malick, der gestern 65 geworden ist.

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