Die Woche auf Zelluloid

24. November 2008

Die Finanzkrise wird zunehmend in der Filmindustrie spürbar. Wie Variety berichtet, entlässt die Weinstein Company elf Prozent seiner Mitarbeiter. Die Finanzkrise allein wird nicht schuld sein. Das Independentstudio hatte in den vergangenen Jahren keinen rechten Hit mehr; verschätzte sich in den Erfolgsaussichten des Tarantino/Rodriguez-Doublefeatures Grindhouse und konnte auch die Kevin-Smith-Komöde Zack and Miri Make a Porno nicht zu einem Erfolg machen.

Was nicht heißen soll, dass es keine Erfolge gibt. Nur halt nicht für die Weinsteins. Habe ich in der vergangenen Woche an dieser Stelle von dem unermesslichen Reibach erzählt, den der neue James-Bond-Films an der Kinokasse macht (und der in Deutschland in der dritten Woche die Charts anführt)? Vergessen Sie, was ich gesagt habe. Es gibt schon die nächste Sau, die man durchs Dorf jagen kann. Twilight, die Verfilmung des Teenager-Vampir-Romans von Stephanie Meyer, hat soeben 70,6 Millionen Dollar an seinem ersten Wochenende eingespielt (deutscher Start am 19. Januar). Haben wir da den neuen Harry Potter vor uns, mit einem gutaussehenden Vampir statt eines bebrillten Zauberers? Die Kritiken in den USA sind nicht sehr angetan, was bei einem Film, dessen Zielgruppe sechzehnjährige Mädchen sind, nicht allzu verwunderlich ist. Roger Ebert fasst die Handlung in einem Satz zusammen, und ich bin mir nicht sicher, ob die süffisante Zweideutigkeit beabsichtigt ist oder ob nur ich sie in seine Worte hineinlese:

„It’s about a teenage boy trying to practice abstinence, and how, in the heat of the moment, it’s really, really hard.“

Bleiben wir bei den Filmkritikern. Von wem könnte dieser Satz aus einem Text über Ein Quantum Trost stammen:

„Weniger Bond ist verändert als die Welt, die er rettet. Der Ost-West-Konflikt ist überwunden, in dem die Gefahren der Welt klar abgesteckt und überschaubar erschienen. Im Gegensatz zu den heutigen Herausforderungen waren für viele die Unsicherheiten des kalten Krieges geradezu verlässlich und kalkulierbar. Die globalisierte Welt dreht sich schneller. (…) Das beginnt bei der Finanzmarktkrise, die ihre Spuren hinterlässt, wenn Verbrecher auf Euro bestehen statt auf Dollar. Und das geht bis zur Frage unserer ökologischen Ressourcen, wenn Wasser als das kostbarste Gut der Zukunft in den Mittelpunkt gerückt wird.“

Nicht erraten? Gut, ein kleiner Tipp: Stellt man sich die Kritik gesprochen vor, müsste man viele „Ähs“ einbauen und auch einen komplizierteren Satzbau. Na, immer noch nicht? Es ist … Edmund Stoiber, der für das Magazin der Süddeutschen Zeitung unter die Filmkritiker gegangen ist.

Als Nachklapp zu der Tagung über Filmkritik und Internet vergangene Woche in Berlin hier noch das Transkript einer ähnlichen Veranstaltung in New York.

Und zum entspannenden Abschluss dieser Woche auf Zelluloid listet die Self Styled Siren zehn Gründe auf, alte Filme zu lieben, darunter die Kleider der Damen, spanische Wände, Züge mit Schlafwagen, Nachtclubs und Großaufnahmen von Zetteln oder Briefen mit wunderschöner Handschrift.

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