Die Filmkritik, das Internet und der ganze Rest

21. November 2008

Bericht von einer Tagung des Verbandes der deutschen Filmkritik in Berlin am 20. November 2008

Schöner hätte man das Thema der Tagung „Im Netz der Möglichkeiten – Filmkritik im Zeitalter des Internet“ nicht zusammenfassen können. In seinem Eröffnungsvortrag kam Ekkehard Knörer auf die Polemik Josef Schnelles zu sprechen, der vor einigen Monaten gegen Blogs, Online-Filmkritiker und Amateurschreiber gewettert und ihnen vorgeworfen hatte, die wirtschaftliche Basis für professionelle Filmkritik zu zerstören; und als erstes Bild seines Powerpoint-Vortrages warf Knörer Schnelles Artikel aus der „Berliner Zeitung“ an die Wand – allerdings nicht als Kopie der Printausgabe, sondern, natürlich, als Screenshot aus dem Online-Archiv des Blattes. Die unterschwellige, vielleicht auch gar nicht bewusst beabsichtigte Botschaft lautete: die Zukunft gehört dem Internet, und die Zuhörer im Berliner Filmhaus am Potsdamer Platz schienen sie zu verstehen, wenngleich auch nur in unterschiedlichen Abstufungen zu akzeptieren.
Ekkehard Knörer, der für die Tageszeitung (taz) schreibt, eine Filmkolumne beim Perlentaucher füllt und auch beim jüngst aus der Taufe gehobenen On- und Offline-Magazin Cargo dabei ist, argumentierte mit der Selbstverständlichkeit des in beiden Welten Obdach Nehmenden. „Die Grenze zwischen professionellem und amateurhaftem Schreiben“, stellte er fest, „ist nicht identisch mit der Grenze zwischen Online und Print.“ Die Filmkritik selbst könne durch die Erweiterungen, die das Internet biete, nur gewinnen. Worin diese Erweiterungen konkret bestehen, welche Möglichkeiten sie für den Akt des Schreibens über Film bieten, war leider auf der Tagung nur in Ansätzen zu erfahren, aber dazu später mehr.
Zunächst ein anderes Beispiel, eins aus dem amerikanischen Teil des Internets, wo auch der Cinephile es besser hat. Dorthin muss Knörer zuerst blicken, wenn er die Vorteile des neuen Mediums illustrieren möchte. Diesen Vorteil sieht er vor allem in der Unabhängigkeit vom Tagesjournalismus, vom Schreiben zu bestimmten Anlässen wie den Kinostarts neuer Filme. Ein Kritiker sei nicht in erster Linie Journalist. Während dieser den Zwängen eines dem Publikum zugewandten Mediums unterliege, sei jener dem Gegenstand verpflichtet, über den er schreibe. Was dem Kritiker natürlich die Möglichkeit gibt, über Klassiker oder wenig bekannte Filme zu schreiben, wann er will, ohne den Ressortchef von der Notwendigkeit überzeugen zu müssen. Die Reichhaltigkeit der Filmkritik profitiert davon unendlich, wie Knörer anhand des US-Blogs The House Next Door zeigt, dessen Betreiber Matt Zoller Seitz aus eben diesem Grund den Sprung ins Internet wagte: Weil er dem „news hook“ entkommen wollte.

v.l.n.r. Michael Baute (newfilmkritik), Sascha Keilholz (critic.de), Claudia Lenssen, Thomas Groh (Filmtagebuch), Gerhard Midding (Berliner Zeitung, epd Film)

Neu nachdenken über Film? v.l. Michael Baute (newfilmkritik.de), Sascha Keilholz (critic.de), Moderatorin Claudia Lenssen, Thomas Groh (filmtagebuch.blogger.de), Gerhard Midding (Berliner Zeitung, epd Film)

Nun ist es zwar schön, wenn alle die totale Offenheit des Mediums nutzen, ihr Wissen über Film mitzuteilen und zudem oftmals noch gut schreiben können. Aber Schnelles Verdikt richtete sich ja auch gegen die Umsonst-Kultur des Netzes, die die wirtschaftliche Basis der Autoren zerstöre. Während mancher gerade das Nicht-Bezahltwerden als Ausdruck der Freiheit ansah (wer, wie die Betreiberin von strictly film school, sein Geld als Ingenieurin bei der NASA verdient, ist freilich nicht darauf angewiesen, von seiner Schreiberei zu leben), zeigt sich doch bei den meisten Teilnehmern einigermaßen große Ratlosigkeit über die monetären Perspektiven des eigenen Berufs oder zumindest der eigenen Berufung. Thierry Chervel, Mitgründer von Perlentaucher, konnte sich die Filmkritik der Zukunft und den Qualitätsjournalismus insgesamt nur noch als subventionierte Tätigkeit vorstellen – sei es über Stiftungen, sei es über staatliche Hilfen, sei es der öffentlich-rechtliche Rundfunk, den er an dieser Stelle aufrief, endlich ein ordentliches Filmmagazin zu produzieren, und zwar durchaus im Internet.
Auf dem ersten Podium dann hörten sich die Perspektiven nicht eben ermutigend an. Hanns-Georg Rodek, fest angestellter Redakteur bei der Zeitung Die Welt, wies darauf hin, dass es in den Redaktionen deutscher Zeitungen nur noch etwa zwei Dutzend fest angestellte Filmkritiker gibt und warf die Frage auf, ob dieses Berufsbild überhaupt noch existiere. Ines Walk sprach von einer „Herzensangelegenheit“, wenn sie erklären sollte, warum sie trotz mangelnden Geldflusses auch noch nach fünf Jahren ein Portal wie film-zeit.de betreibe. Und Frédéric Jaeger, Chefredakteur des Magazins critic.de (zu dessen Autorenstamm ich gehöre) erklärte, Ziel sei es unter anderem, wenn auch nicht ausschließlich, in Zeitungen zu veröffentlichen, „um wenigstens etwas Geld zu bekommen“. Ideen für mögliche Erlösmodelle jenseits von Chervels Subventionsidee gibt es offenbar nicht.
Doch, eine: Der Regisseur Christoph Hochhäusler, der dann leider früher gehen musste, wies aus dem Publikum darauf hin, dass das Internet ja keineswegs umsonst sei. Man müsse schließlich einen Computer kaufen und einen DSL-Anschluss bezahlen, um all die schönen Sachen lesen zu können. Seine Idee einer politisch durchgesetzten Umverteilung von der Industrie hin zu den Kreativen analog zum Modell der VG Wort fand zwar Sympathie, wurde aber auch bald mit dem todbringenden Emblem „schöne Utopie“ beklebt.
Wirtschaftlicher Erfolg schien aber ohnehin nicht das Ziel vieler zu sein, sei es aus selbstbewusst-akademischer „Wir-schreiben-für-uns-selbst“-Haltung oder aus schierem Realismus. Jaeger warf sogar das Wort „Nische“ ein, was Chervel jedoch vehement ablehnte. „Ich finde es nicht richtig, sich mit der Nische abzufinden“, betonte er in einem kleinen Plädoyer für allgemeine Öffentlichkeit; den Anspruch auf durch Filme ausgelöste gesellschaftliche Debatten wolle er nicht aufgeben. Chervel sprach sich zugleich dafür aus, auch technische Mittel wie page ranks zu nutzen, den Autoren mitzuteilen, von wie vielen Menschen sie gelesen werden, schließlich wolle man doch ein möglichst großes Publikum erreichen. Jaeger lehnte das ab, weil er fürchtet, dadurch könnte sich das Schreiben verändern – was dann einen ähnlichen, vielleicht sogar größeren Druck auf die Autoren ausüben könnte als die üblichen Zwänge in einer Redaktion (ich dagegen versuche grundsätzlich in jedem Text die Worte „Paris“, „Hilton“ und „nackt“ unterzubringen, scheitere aber leider meistens). Rodek von der Welt schließlich zeigte sich überzeugt, dass die Zersplitterung im Internet nicht von Dauer sein wird, sondern analog zu den klassischen Medien sich auch hier sich bald Autoritäten herausgebildet haben werden, über die dann weit greifende Debatten geführt werden können. An dieser Stelle hätte jemand fragen sollen, wie viele Menschen eigentlich Seiten wie newfilmkritik oder critic.de lesen. Hat aber niemand.

Hanns-Georg Rodek (Die Welt), Ines Walk (moviepilot.de, film-zeit.de), Moderatorin Claudia Lenssen, Thierry Chervel (Perlentaucher), Frédéric Jaeger (critic.de)

Der Wandel eines Berufsbildes: v.l. Hanns-Georg Rodek (Die Welt), Ines Walk (moviepilot.de, film-zeit.de), Moderatorin Claudia Lenssen, Thierry Chervel (Perlentaucher), Frédéric Jaeger (critic.de)

Stattdessen kam eine einsame Wortmeldung aus dem Publikum, die sich einigermaßen schockiert darüber zeigte, dass manche umsonst tun, womit andere ihr Geld verdienen. Er bedaure Kritiker, die ohne Bezahlung schreiben, sagte der Teilnehmer. Von den Verlagen und Redaktionen werde solcher Enthusiasmus immer gnadenlos ausgenutzt und er äußere hier die dringende Bitte, sich nicht weiter ausbeuten zu lassen.
Ganz anders Volker Pantenburg von newfilmkritik.de, für den das Nicht-Bezahltwerden, der Ausschluss sämtlicher ökonomischer Tauschgeschäfte, zum Programm gehört. Er ging in seinem Vortrag mit bestimmten Online-Filmkritiken ins Gericht, in denen er oftmals nicht mehr als Bewerbungsschreiben für die klassischen Medien sehen will – mit den gleichen „prätentiösen Schreibgesten“, die man schon „in der Tagespresse am liebsten hasst“. Sein Plädoyer für eine Abkopplung von der für den Journalismus typischen Gebundenheit an aktuelle Ereignisse nennt der Hochschullehrer Pantenburg – etwas elitärer als zuvor Knörer – „den Luxus, über etwas nicht zu schreiben“. Weswegen ich mir hier auch den Luxus erlaube, nicht weiter über seinen instruktiven Vortrag zu schreiben, sondern mit einem Link, der nach Pantenburg „eine schöne Geste“ ist, die zeige, dass man von sich selbst absehe, auf seinen Text verweise. In eine ganz ähnliche Kerbe wie Pantenburg schlägt Christoph Hochhäusler, der leider früher gehen musste und am selben Tag, an dem die Tagung stattfand, eine Betrachtung in der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht hat.
Die Gegenposition nahm Sascha Keilholz ein, der critic.de einerseits gegen das „elaborierte Fantum“ vieler Filmseiten im Internet abgrenzte, andererseits aber auch gegen die total offene Form von Blogs wie newfilmkritik. Macher und Autoren von critic.de vereine die Liebe zur Cinephilie, man berufe sich aber durchaus auf die hergebrachten Formen der Filmkritik und die Qualitätsmaßstäbe des klassischen Feuilletons. Das äußere sich in intensiver redaktioneller Arbeit und Diskussion, in sorgfältigem, mehrfachen Redigieren der Texte. Das Magazin sei auch eine Plattform für den Nachwuchs, der hier erstmals die Möglichkeit zur Veröffentlichung in einem redaktionellen Zusammenhang erhalte und betreut werde.
Gerhard Midding (Berliner Zeitung, epd Film) wiederum nahm die Position des Internet-Skeptikers ein und erklärte, oder äußerte zumindest die Hoffnung: „Die Zukunft wird nicht holzfrei sein.“ Er wies auch auf die Schattenseiten der vielgelobten interaktiven Möglichkeiten des Netzes hin, wenn etwa Kritiker, denen The Dark Knight nicht gefiel, mit Hassmails bombardiert werden. Durch die Kommentarfunktion von Blogs, so Midding, werde oft eine bloß vorgebliche Augenhöhe mit dem Leser propagiert. Für Autoren, die es unangenehm finden, wenn unter ihren elaborierten Texten zahlreiche bloße Meinungsäußerungen in Kurzform stehen, hat er durchaus Verständnis. Das Urteil, das den Lesern in den Kommentaren so leicht von der Hand geht, sei für den Kritiker eine Bürde und stehe keineswegs im Mittelpunkt seiner Arbeit. Aufgabe des Kritikers sei es ja vielmehr, aufzuzeigen, wie er zu einem bestimmten Urteil komme.
Auch hier scheint in Amerika wieder alles besser zu sein. Die Kommentare unter den Filmblogs intelligenter, der Ton höflicher. Darauf wies Michael Baute von newfilmkritik hin. Auch gibt es hierzulande kaum Blogs von Filmschaffenden, als rühmliche Ausnahme wurde das Blog von Christoph Hochhäusler genannt. Der musste übrigens früher gehen.

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Alte und neue Medien friedlich vereint: Das Publikum im Berliner Filmhaus. Fotos: thfu

Das Internet als Möglichkeit, „die Cinephilie wieder in die Filmkritik zurückzuholen“, mit diesen Worten eines Teilnehmers könnte man das Fazit der Veranstaltung ziehen. Claudia Lenssen äußerte die Hoffnung, in Vergessenheit geratene Textsorten wie der Brief oder der Werkstattbericht könnten in Blogs wieder aufleben. Thomas Groh, ein Student, der das Filmtagebuch betreibt, sprach vom „eruptiven Schreiben“ und riet in Sachen Ökonomie zu Gelassenheit: Er trage Texte zum Internet bei und bekomme dafür, in einer Art unorganisiertem Tauschgeschäft, jede Menge Texte zurück, die er in den zahlreichen Blogs lesen könne.
Aber was genau bedeutet schreiben im Internet nun für das Schreiben selbst? Ist der Link das Neue am neuen Medium, wie Ekkehard Knörer meinte, somit also die Linksammlung, die Aggregatorseite die erstrebenswerte Form? Michael Baute rief dazu auf, eine ordentliche DVD-Kritik zu etablieren, die mit Filmausschnitten, Screenshots und Montagen arbeitet und somit viel anschaulicher sein könnte als in der Zeitung. The House Next Door mache so etwas seit einiger Zeit. Einwände, dem stünde das Copyright entgegen, begegnete er mit Mut zum Risiko: „Mach es, und wenn jemand kommt, nimm es wieder runter.“ Leider hatte niemand Beispiele für gelungene, online-spezifische Filmkritik mitgebracht. Ich hoffe, das liegt nicht daran, dass es keine gibt.

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Update 22.11.

 Berichte über die Tagung gibt es auch in den heutigen Ausgaben der taz (Berliner Lokalteil) und der Berliner Zeitung. Bei cargo-film.de macht sich Ekkehard Knörer Gedanken über Filmkritik und Lebensunterhalt.

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Zum Schluss seien die auf der Veranstaltung von verschiedenen Teilnehmern erwähnten Linktipps zusammengefasst:
Some Came Running, strictly film school, Academic Hack, Kühe in Halbtrauer, Filmtagebuch, Dirty Laundry, critic.de, newfilmkritik.de, angelaufen.de, film-zeit.de, cargo-film.de, The House Next Door, Trailer Trash (The Guardian)

Eine Antwort to “Die Filmkritik, das Internet und der ganze Rest”

  1. […] der Tagung über Filmkritik im Internet, die vergangene Woche in Berlin stattfand und über die ich bereits ausführlich berichtet habe, war ein wenig auch davon die Rede, welche formalen Bereicherungen eine internetöse Filmkritik […]

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