Vicky Cristina Barcelona

16. Oktober 2008

Wer die Vorschau zu Vicky Cristina Barcelona sieht, muss verdammt gute Augen haben, um zu merken, dass es sich um einen Film von Woody Allen handelt (es sei denn, er ist so vertraut mit dem Werk des New Yorkers, dass er seinen Stil schon anhand weniger Ausschnitte und Dialogzeilen erkennt). Alle Schauspieler, auch die Nebenrollen, werden in großen Lettern erwähnt, der Regisseur und Drehbuchautor aber steht erst ganz am Schluss, am Ende einer langen Liste, ganz klein geschrieben und für weniger als eine Sekunde auf der Leinwand. Die Zeiten, in denen  man sich „auf den neuen Woody Allen“ freute, scheinen vorbei zu sein. Oder zumindest denkt der Verleih das, wenn er auf die lesbare Nennung eines der bekanntesten Namen im Filmgeschäft verzichtet. Womöglich gilt Allen als Kassengift, und man will lieber mit den klingenden Namen Scarlett Johansson, Penélope Cruz und Javier Bardem (immerhin kürzlicher Oscar-Gewinner für No Country for Old Men) werben. Noch gut in Erinnerung ist der zögerliche Umgang mit Allens letztem Film, Cassandras Traum, der erst ins Kino kommen sollte, dann wieder nicht, und schließlich mit Verspätung im letzten Sommer doch noch anlief. 

Wie auch immer. 

Concorde Filmverleih

Raucht, zetert, schießt und lässt Scarlett Johansson blass aussehen: Penélope Cruz in Vicky Cristina Barcelona Foto: Concorde Filmverleih

In Vicky Cristina Barcelona erzählt eine Off-Stimme in trockenem Tonfall die Geschichte der zwei äußerst gegensätzlichen Freundinnen Vicky (braunhaarig, verlobt mit einem reichen Langweiler, treu, wissend, was sie vom Leben will; gespielt von Rebecca Hall) und Cristina (blond, weiß nur, was sie nicht will und spürt ein künstlerisches Drängen, das noch nach einer angemessenen Form sucht; gespielt von Scarlett Johansson), die den Sommer in Barcelona verbringen. Dort treffen sie auf den Künstler Juan Antonio (Bardem) und seine pistolenschwingende, temperamentvolle Ex-Frau (Cruz). Es folgt ein Reigen abwechselnder Leidenschaften vor der touristischen Kulisse Barcelonas, unterbrochen von Einsprengseln spanischer Gitarrenmusik. Wenn man dazu noch bedenkt, dass eine exzessiv eingesetzte Off-Erzählung sehr häufig ein Indiz für mangelhafte dramaturgische Kohärenz ist, dann wundert man sich, wie viel Spaß es macht, diesen Film anzusehen. Zumal offensichtliche Dinge wie die unterschiedliche Lebensphilosophie von Vicky und Cristina mal einfach so in den ersten Sekunden vom Erzähler behauptet werden (illustriert mit einem split screen, der beide Gesichter genau nebeneinander stellt) statt sie dramaturgisch sich entwickeln zu lassen. 

Aber wer sagt, dass eine reißbrettartige Anordnung nicht Vergnügen bereiten kann? Vicky Cristina Barcelona ist vielleicht etwas geschwätzig (aber auch lustig!), und man kann natürlich die weiblichen Rollen schematisch finden und Bardems Latin Lover klischeehaft. Vicky mit ihrem Keine-Experimente-Charakter würde das wohl tun. Jemand wie Cristina wäre aber vielleicht dankbar für diese empathische und unterhaltsame Annäherung an die Sinnsuche von Mittzwanzigern. Und das schon, bevor Penélope Cruz nach der Hälfte zum ersten Mal auftaucht und den Film noch einmal gehörig durchschüttelt, bis alle Teile am rechten Platz sitzen. Die verbalen Kämpfe zwischen ihr und Bardem, in spanisch, geben Woody Allens neuestem Film das Tempo und den Witz, den man in Cassandras Traum und Scoop vermisst hat. Doch wirklich: Vicky Cristina Barcelona ist ein guter Woody-Allen-Film, und zwar nicht nur für die Zuschauer, die Eric Rohmer immer zu wenig humorvoll finden.

Eine Antwort to “Vicky Cristina Barcelona”

  1. […] 4. Dezember 2008 An Weihnachtsfilmen aus Hollywood lässt sich ziemlich gut ablesen, was die Studios glauben, ihrem Publikum zumuten zu können. Das ist heute mehr als früher, aber viel ist es immer noch nicht. Heute können zwar Babyköpfe gegen Türen knallen und Omas über Blow-Jobs reden. Für 80 von knapp 90 Minuten kann die Familie als solche auch die reine Hölle sein. Aber dann, bitteschön, müssen sich alle schnell die Hände geben, und das mit der Fortpflanzung sollte auch geklappt haben. Eine solche Rundum-Sorglos-Wendung ist erstens dramaturgisch selten sauber herzuleiten und zweitens hinterlässt sie immer das Gefühl, der Film wolle sich unbedingt bei den einen anbiedern, ohne die anderen zu vergraulen. Lieber Weihnachtsmann, bring also bitte viele Frank-Capra-DVDs mit, denn mit diesen neuen Filmen lässt sich wenig anfangen! Trotzdem: Ein recht ordentlicher Weihnachtsfilm, der sich dann leider weniger traut als zu Beginn behauptet, ist Mein Schatz, unsere Familie und ich, über den ich drüben bei critic.de geschrieben habe. Wer aber auf Weihnachtsfilme verzichten kann, und das sind vermutlich hoffentlich viele, sollte Vicky Cristina Barcelona den Vorzug geben, dem neuen Werk von Woody Allen. Auch der ist heute angelaufen und verdient viele Zuschauer. Warum, das habe ich bereits vor einiger Zeit dargelegt. […]

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