Amango vs. Video Buster

13. Oktober 2008

Eine E-Mail von der Online-Videothek Amango:

„Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass AMANGO zum 31. Oktober 2008 seinen Geschäftsbetrieb einstellen wird. Wir haben Ihnen gerne Ihre Lieblingsfilme nach Hause geliefert und bedauern sehr, dass wir diesen Service nicht fortführen können.“

Amango wird nämlich vom Konkurrenten Blockbuster übernommen. Die Konsolidierung auf diesem Markt scheint also immer weiter zu gehen (genaueres dazu hier). 

Amango wird von Blockbuster übernommen, als einziger weiterer großer Player bleibt nur Lovefilm übrig.

Und da warens nur noch zwei: Amango wird von Blockbuster übernommen, als einziger weiterer großer Player bleibt nur Lovefilm übrig.

Drei Jahre und zwei Monate lang war ich Kunde bei Amango. In dieser Zeit habe ich 202 Filme auf DVD nach Hause geschickt bekommen. Ich habe ungefähr einmal alle zwei Wochen meine Wunschliste aktualisiert und neu geordnet. Diese Liste umfasste in der Regel mindestens fünfzig Titel und wurde nie kürzer. Es ist ein bisschen wie die Geschichte vom Hase und vom Igel – egal, wie sehr man sich beeilt, egal, wie viel Zeit man auf dem Sofa vor dem Flachbildfernseher verbringt – man kann diese Liste einfach nicht überholen. Was, aus cineastischer Sicht, natürlich begrüßenswert ist – das Leben ist ja ohnehin nichts anders als eine endlose Folge von Filmen.

Die Frage stellt sich nur irgendwann – welchen Filmen? Und das ist der Moment, in dem ich „tschüss, machs gut“ zu Amango sagen musste. Die vermeintlich riesige Auswahl, die in der Tat um ein Vielfaches größer ist als im Durchschnitts-Videoladen um die Ecke, reicht einfach nicht. Immer wieder fand die Datenbank nicht, was ich suchte. Natürlich, die aktuellen Kinofilme sind alle vorhanden. Aber die gibt es auch in besagtem Laden um die Ecke. Das reizvolle an Diensten wie Amango ist ja vielmehr, dass sie ein Archiv bieten, ein Gedächtnis der Filmgeschichte, einen bequemen Weg, Bildungslücken zu schließen und eine schnelle Möglichkeit, etwas – in der Buchwelt würde man sagen: nachzuschlagen. Und genau hier versagt Amango kläglich.

Die Webseite von Video Buster ist unübersichtlich.

Alles so schön rund hier: Die Webseite von Video Buster ist unübersichtlich. Screenshots: thfu

Nach drei Jahren und zwei Monaten also bin ich zu Video Buster gewechselt, dem anderen großen Player unter den deutschen Online-Videotheken, der nun Amango übernimmt. Das Userinterface ist so grausam wie die Storyline eines Uwe-Boll-Films, aber das Angebot ist in der Tat besser. Machen wir die Probe aufs Exempel:

Wie wäre es mit ein bisschen Antonioni? Sein Tod im vergangenen Jahr war ein guter Anlass, endlich einmal wieder „L’eclisse“ und „Beruf: Reporter“ zu sehen, oder endlich „La Notte“ nachzuholen. Amango listet ganze zwei Filme des Meisters, Video Buster hält doppelt so viele bereit. Doppelt so viele heißt in diesem Fall aber leider auch nur: vier. 

Ein Klassiker des New Hollywood wie Peter Bogdanovichs „Die letzte Vorstellung“? Bei Amango Fehlanzeige, Video Buster ist die Rettung.

Das ausufernde Werk von Rainer Werner Fassbinder: Amango – elf Filme. „Händler der vier Jahreszeiten“? „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“? „Martha“? „Warnung vor einer heiligen Nutte“? Fehlanzeige. Dafür muss man sich zu Video Buster durchklicken, 26 Filme gibt es dort insgesamt von Fassbinder. 

Gehen wir noch weiter zurück in die Filmgeschichte. Murnaus „Nosferatu“ – bei Video Buster wird man fündig, bei Amango kann man sich immerhin mit der Fassung von Werner Herzog mit Klaus Kinski trösten. Apropos Murnau. „Sunrise“ gibt es natürlich auch nur bei Video Buster.

Der wunderschöne deutsche Film „Unter den Brücken“ von 1945, der jetzt wieder durch die Dokumentation „Auge um Auge“ von Michael Althen und Hans Helmut Prinzler in Erinnerung gerufen worden ist? Kunden von Amango werden nie sehen, wie Carl Raddatz Hannelore Schroth eine Haarlocke aus dem Gesicht pustet. Auch aktuelles internationales Arthausekino hat es schwer. Bahman Ghobadi? Amango hat nie von ihm gehört, und das kann nicht nur an dem kompliziert zu schreibenden Namen liegen. 

All diese Beispiele sind keine obskuren Spezialitäten, keine Minderheitenprogramme, mit denen sich Cineasten brüsten können. Es geht dabei eigentlich nicht so sehr um die Menge der zur Verfügung stehenden DVDs, sondern eher um deren Auswahl. Jedenfalls könnte es darum gehen. Aber da sich vermutlich niemand wirklich Gedanken um die Auswahl macht, gewinnt schlicht der mit der höheren Zahl. Amango gibt an, 15.000 Titel vorrätig zu halten, Video Buster bietet immerhin 8.000 mehr.

Das wahre Paradies aber gibt es nur auf der anderen Seite des Atlantiks. Die amerikanische Version der DVD-Verschickung heißt Netflix, hat ein schlankes, übersichtliches, informatives und schön anzusehendes Layout – und eine Datenbank mit sagenhaften 100.000 Filmen. Fassbinder kommt hier 30-fach (Filme wie Querelle oder die Berlin-Alexanderplatz-Serie gibt es hier, die man bei deutschen Online-Versendern vergeblich sucht), die Suche nach Murnau fördert acht Filme zutage. Und Michelangelo Antonioni ist elf Mal vertreten, das ist fast das Dreifache des Video-Buster-Bestandes. Amerika, du hast es besser. Wenn man mittlerweile schon aufgrund seines DVD-Verbrauchs sozial und kulturell eingeordnet wird, und zwar so, wie das früher eher anhand des Bücherregals im Wohnzimmer geschah, auf dass der Besuch kennerische Blicke setzte, dann sollte man aber auch die Chance der richtigen Auswahl haben.

Weil mir die Blockbuster-Webseite allzu sehr auf die Nerven ging, habe ich nun schon wieder gewechselt, zu Lovefilm – die wiederum vor kurzem den Online-DVD-Versand von Amazon übernommen haben. Das Angebot dort scheint vergleichbar zu sein. Ich hoffe, nur, dass die Übernahmeschlachten jetzt vorbei sind. Sonst lande ich womöglich eines Tages doch noch wieder bei Blockbuster.

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