Somebody Up There Likes Me

9. Oktober 2008

Diese Würdigung von Paul Newman ist, zugegeben, ein wenig spät dran. Als die Nachricht von seinem Tod am 26. September 2008 kam, wurde ich auf dem falschen Fuß erwischt – seit vielen Jahren hatte ich keinen seiner Filme mehr gesehen. Einen erhellenden Überblick gibt es bei der Self-Styled Siren, ich will mich hingegen auf einen einzigen Film konzentrieren: Somebody Up There Likes Me von 1956, in Deutschland bekannt als Die Hölle ist in mir (nicht zu verwechseln mit Das Fremde in mir, Die Fremde in Dir, Die Liebe in mir, Das Meer in mir, Der Dämon in mir, Der Mörder in Dir und – nicht mehr ganz so passend – Der Feind in meinem Bett). Newman war damals 31 Jahre alt. Es ist seine erst zweite Filmrolle, und es ist der erste gute Film mit ihm (The Silver Chalice, gedreht zwei Jahre zuvor, war ihm bis an sein Lebensende peinlich).

Die Frau neben mir auf dem Sofa beschwert sich zu Beginn noch, dass man in einem Schwarzweißfilm die berühmten schönen blauen Augen nicht sehen könne, aber schon nach wenigen Minuten ist sie von dem Film gefangen. Das liegt an einer ungemein flotten Exposition, den harten, mit expressionistischen Schatten und einem sicheren Blick für die New Yorker Architektur angereicherten Bildern von Joseph Ruttenberg, der dafür den Kamera-Oscar bekam, und einigen humorvollen Szenen.

Warner DVD

Two-Face in wunderschönem Schwarzweiß: Paul Newman als Rocky Graciano auf der Flucht vor der Polizei. Bild: Warner DVD

Und natürlich an der jugendlichen Energie, die Newman hier aus jeder Pore verströmt. Während des Vorspanns muss man den schmalzigen Titelsong von Perry Como ertragen, aber schon einen Sekundenbruchteil nach der Mitteilung, dass der großartige Robert Wise Regie geführt hat, rattert ein Vorortzug durchs Bild und überrollt die Schnulze wie ein Punksong einen Cindy-und-Bert-Schlager.

Somebody Up There Likes Me ist ein Biopic über den Boxer Rocky Graciano, und wo heutige Biopics sich allzu häufig in epischem Erzählen gefallen und in Farben und Stimmungen schwelgen, verliert dieser Film keine Zeit. Zu Beginn sehen wir Rocky als Kind, das von seinem Vater, einem gescheiterten Boxer, und dessen Saufkumpanen gequält wird. Die Szene endet damit, dass der Vater dem Sohn einen kräftigen Schlag verpasst. Als nächstes wirft Rocky einen Stein in ein Schaufenster, in dem für Rasierklingen geworben wird, die man zum Vatertag verschenken soll. Er wird von Polizisten geschnappt, reißt sich aber los und rennt davon. Einer der Polizisten macht eine pessimistische Bemerkung über die Zukunft des Jungen – und dann rennt derselbe Junge, Jahre später, auf die Kamera zu, im Hintergrund ragt die Brooklyn Bridge auf, und je näher er kommt, desto mehr sieht er aus wie Paul Newman. Bis dahin hat der Film nur eine Minute und 37 Sekunden gedauert und in einem äußerst effektiven Dreiklang den Ton für die weitere Handlung und die Antriebskraft seiner Hauptfigur festgelegt.

Was Somebody Up There Likes Me aber so ungemein, nun ja, likable macht, ist nicht nur diese einfallsreiche Art, Informationen visuell zu vermitteln und Anschlüsse zu finden, die wie ein Handschuh passen; auch nicht sein Humor (die Sequenz, in der Familienvater Rocky drei Mal nach der Arbeit im Boxring nach Hause kommt und seine kleine Tochter sich jedes Mal noch doller erschreckt, weil er jedes Mal noch schlimmer verprügelt wurde, ist einfach herrlich) – sondern es ist der Star, ein schlaksiger Paul Newman, der sich mit viriler Energie durch den Film schmollt, prügelt und verstockt mit den Händen in den Hosentaschen der Obrigkeit hilflos Paroli bietet. Hey Paul, wo immer Du jetzt bist – ich bin sicher, da oben mag Dich wirklich jemand.

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