Marilyn Chambers, 1952-2009
13. April 2009


Als die Pornofilmindustrie noch keine aufgeputschte Gelddruckmaschine war, sondern ein von Hippies unterwandertes, nicht nur moralisch sondern auch betriebswirtschaftlich unseriöses Geschäftsmodell, da wurden Filme wie „Behind the Green Door“ gedreht. Die Brüder Artie und Jim Mitchell kurbelten diese erotische Fantasie im Jahr 1972 herunter, und wo heutzutage der alles entscheidende money shot, die Ejakulation, in zaunpfahlwinkender Deutlichkeit gezeigt wird, da experimentierten die beiden ein bisschen mit ihren Kameras und einigen Farbfiltern. Eine Szene des Films, in der Hauptdarstellerin Marilyn Chambers eine Ejakulation ins Gesicht empfängt, ist mit Überblendungen, extremen Zeitlupen, Spiegelungen und farblichen Abstraktionen am Rande der Erkennbarkeit, und dennoch so intensiv wie selten in diesem Genre. Die Szene dauert volle fünf Minuten und ähnelt vor allem anderen einem LSD-Trip.
Marilyn Chambers, damals zwanzig Jahre alt, wurde mit diesem Film berühmt. Sie schmiss eine Karriere als Fotomodell – ihre Kampagne für die Seife „Ivory Snow“ war damals überall zu sehen – um sich ins Sexbusiness zu stürzen. „Ich mochte ihre Art“, sagte Chambers über die Mitchell-Brüder. „Da hieß es nicht: ‘Well, Honey, zuerst vögelst du mich’, sondern, ‘Komm, zieh erst mal einen Joint durch’“ (1). Der Film, der so gut wie ohne Dialog auskommt, handelt von einem Mädchen (Chambers), das von zwei dunklen Gestalten mitten auf der Straße in ein Auto gezerrt und in einen Sexclub entführt wird. Dort gibt sie sich mit mehreren Partnern verschiedensten Spielarten der Sexualität hin (die Schaukel-Szene ist später unendlich oft kopiert worden), während das Publikum drumherum ebenfalls zusehends aktiver wird. Es wird durchaus wie üblich alles gezeigt, aber nicht ohne gelegentliche Zärtlichkeit und ein für die Branche ungewöhnlich starkes Interesse an Gesichtern; Entspannungs-Sex statt Hochleistungspornographie. Der Filmkritiker Arthur Knight bekannte damals: „It is sex as ritual. Sex as Fantasy. Sex as it could be only in the movies.“ Das Zitat ziert auch das DVD-Cover des Films. Marilyn Chambers, so schreibt Georg Seeßlen in seinem Buch „Der pornographische Film“, „schien eine Versöhnung zwischen Bürgerlichkeit und Pornographie anzudeuten“. Frauenzeitschriften druckten sogar die Schmink- und Stylingtipps der Porno-Queen.
Ihre Ausstrahlung als Next-Door-Beauty mit einer wirklich bemerkenswerten Leinwandpräsenz und die möglicherweise als politisch zu verstehende demonstrative Unverkrampftheit (Schlagzeilen machte Behind the Green Door auch, weil Chambers darin mit einem Schwarzen Sex hatte) – all das führte zu einer, wie man heute gerne sagt, Zeitenwende in der Geschichte des Pornofilms. Eine Zeitenwende freilich, die nicht dorthin geführt hat, wohin sie hätte führen können.
Chambers drehte danach weiter Filme, nicht nur Pornos – für David Cronenberg stand sie 1977 in Rabid vor der Kamera – aber fast nur. Bereits vor ihrer Porno-Karriere hatte sie eine Nebenrolle in „The Owl and the Pussycat“ mit Barbra Streisand, aber später gelang ihr der Sprung zurück in den Mainstream nicht. Bekanntlich hat das mit der Bürgerlichkeit und der Pornographie ja nicht geklappt; ob es nun an den Bürgern oder an den Pornographen lag – keine Ahnung. Jedenfalls muss es für eine Frau, die am Anfang ihrer „schmutzigen“ Karriere von den Medien umarmt worden war, eine bittere Erfahrung gewesen sein, dann doch draußen bleiben zu müssen. Schließlich blieb sie beim Porno und drehte auch noch mit Ende vierzig fleißig Hardcore-Szenen, etwa in Still Insatiable (1999), das bereits zweite Spin-Off eines ihrer Filme aus der Endphase der goldenen siebziger Jahre. Aber das Porno-Business verzeiht das Altern noch weniger als Hollywood. Nun ist das „All American Girl“ neun Tage vor seinem 57. Geburtstag gestorben. Wie die Los Angeles Times meldet, fand man sie leblos in Vasquez Canyon in Kalifornien, wo sie auf dem Land lebte. Die Todesursache ist noch unklar.
Man wird sie sehr vermissen.
Update:
Nachruf in der New York Times
Some Came Running mit mehr Infos zu Cronenbergs Rabid und mit Gedanken zu Pornostars, die mit auteurs arbeiten. Mit Sasha Grey in Steven Soderberghs „The Girlfriend Experience“ gibt es sogar ein sehr aktuelles Beispiel.
AP-Story
Sehr ausführlicher Nachruf in den Adult Video News
Interview-Story von 2004 in der Winnipeg Free Press mit M. Chambers zur DVD-Veröffentlichung von Cronenbergs Rabid
Spout fasst weitere amerikanische Reaktionen in den Blogs zusammen.
(1) zit. nach: Georg Seeßlen, Der pornographische Film, Frankfurt/M./Berlin 1990
Screenshots: DVD Mitchell Brothers Film Group
Bettie Page, 1923-2008
12. Dezember 2008
Die Garbo der Bondage Movies ist im Alter von 85 Jahren gestorben.
Somebody Up There Likes Me
9. Oktober 2008
Diese Würdigung von Paul Newman ist, zugegeben, ein wenig spät dran. Als die Nachricht von seinem Tod am 26. September 2008 kam, wurde ich auf dem falschen Fuß erwischt – seit vielen Jahren hatte ich keinen seiner Filme mehr gesehen. Einen erhellenden Überblick gibt es bei der Self-Styled Siren, ich will mich hingegen auf einen einzigen Film konzentrieren: Somebody Up There Likes Me von 1956, in Deutschland bekannt als Die Hölle ist in mir (nicht zu verwechseln mit Das Fremde in mir, Die Fremde in Dir, Die Liebe in mir, Das Meer in mir, Der Dämon in mir, Der Mörder in Dir und – nicht mehr ganz so passend – Der Feind in meinem Bett). Newman war damals 31 Jahre alt. Es ist seine erst zweite Filmrolle, und es ist der erste gute Film mit ihm (The Silver Chalice, gedreht zwei Jahre zuvor, war ihm bis an sein Lebensende peinlich).
Die Frau neben mir auf dem Sofa beschwert sich zu Beginn noch, dass man in einem Schwarzweißfilm die berühmten schönen blauen Augen nicht sehen könne, aber schon nach wenigen Minuten ist sie von dem Film gefangen. Das liegt an einer ungemein flotten Exposition, den harten, mit expressionistischen Schatten und einem sicheren Blick für die New Yorker Architektur angereicherten Bildern von Joseph Ruttenberg, der dafür den Kamera-Oscar bekam, und einigen humorvollen Szenen.

Two-Face in wunderschönem Schwarzweiß: Paul Newman als Rocky Graciano auf der Flucht vor der Polizei. Bild: Warner DVD
Und natürlich an der jugendlichen Energie, die Newman hier aus jeder Pore verströmt. Während des Vorspanns muss man den schmalzigen Titelsong von Perry Como ertragen, aber schon einen Sekundenbruchteil nach der Mitteilung, dass der großartige Robert Wise Regie geführt hat, rattert ein Vorortzug durchs Bild und überrollt die Schnulze wie ein Punksong einen Cindy-und-Bert-Schlager.
Somebody Up There Likes Me ist ein Biopic über den Boxer Rocky Graciano, und wo heutige Biopics sich allzu häufig in epischem Erzählen gefallen und in Farben und Stimmungen schwelgen, verliert dieser Film keine Zeit. Zu Beginn sehen wir Rocky als Kind, das von seinem Vater, einem gescheiterten Boxer, und dessen Saufkumpanen gequält wird. Die Szene endet damit, dass der Vater dem Sohn einen kräftigen Schlag verpasst. Als nächstes wirft Rocky einen Stein in ein Schaufenster, in dem für Rasierklingen geworben wird, die man zum Vatertag verschenken soll. Er wird von Polizisten geschnappt, reißt sich aber los und rennt davon. Einer der Polizisten macht eine pessimistische Bemerkung über die Zukunft des Jungen – und dann rennt derselbe Junge, Jahre später, auf die Kamera zu, im Hintergrund ragt die Brooklyn Bridge auf, und je näher er kommt, desto mehr sieht er aus wie Paul Newman. Bis dahin hat der Film nur eine Minute und 37 Sekunden gedauert und in einem äußerst effektiven Dreiklang den Ton für die weitere Handlung und die Antriebskraft seiner Hauptfigur festgelegt.
Was Somebody Up There Likes Me aber so ungemein, nun ja, likable macht, ist nicht nur diese einfallsreiche Art, Informationen visuell zu vermitteln und Anschlüsse zu finden, die wie ein Handschuh passen; auch nicht sein Humor (die Sequenz, in der Familienvater Rocky drei Mal nach der Arbeit im Boxring nach Hause kommt und seine kleine Tochter sich jedes Mal noch doller erschreckt, weil er jedes Mal noch schlimmer verprügelt wurde, ist einfach herrlich) – sondern es ist der Star, ein schlaksiger Paul Newman, der sich mit viriler Energie durch den Film schmollt, prügelt und verstockt mit den Händen in den Hosentaschen der Obrigkeit hilflos Paroli bietet. Hey Paul, wo immer Du jetzt bist – ich bin sicher, da oben mag Dich wirklich jemand.