State of Play
27. April 2009

Von wegen papierloses Büro: Russell Crowe als Reporter Cal McCaffrey ist ein Journalist der alten Schule, erkennbar auch an der Dustin-Hoffman-Frisur und dem Cordjackett. So einer hat Druckerschwärze im Blut und würde sich schon aus Prinzip niemals die Durchwahl der Online-Redaktion merken. Bild: Universal
State of Play ist der erste mir bekannte Film, der den Antagonismus zwischen alten und neuen Medien aufgreift. Da werden „Blutsauger und Blogger“ in einem Satz genannt, da werden Online-Redakteurinnen als „hungrig und billig“ beschrieben und als schnellschreibend, da ist das tiefe Misstrauen der Printjournalisten gegenüber dem Internet immer zu spüren. Personifiziert in Russell Crowes Reporter Cal, der nach den alten Methoden des Journalismus arbeitet, der recherchiert und keine Klatsch- und Tratschgeschichten verbreitet. Der einen alten Saab von 1990 fährt (dessen Rückbank eine einzige Müllhalde ist), ein Cordjacket trägt, und auf dessen Schreibtisch zu seinem Leidwesen ein uralter Computer steht, während die Kollegen in der Online-Redaktion die neuesten und schicksten Maschinen bekommen. Cal steht also für die alten Tugenden, für gedruckte Zeitungen, für ein Geschäftsmodell, das immer mehr in Schwierigkeiten gerät. In den USA haben bereits mehrere Tageszeitungen, darunter durchaus große Regionalblätter wie die Rocky Mountain News ihr Erscheinen eingestellt. Andere, wie der Boston Globe und sogar dessen Besitzer, die New York Times, kämpfen mit argen finanziellen Schwierigkeiten.
Es ist also eine durchaus gute Idee, die Medienkrise zum Thema zu machen, wenn man eine sechs Jahre alte BBC-Miniserie um eine Handvoll Tageszeitungsjournalisten für den amerikanischen Kino-Markt aufbereitet. Aber das Plädoyer für Print („Bei Geschichten wie dieser sollten die Leute Druckerschwärze an den Fingern haben, wenn sie sie lesen“, sagt die junge Reporterin Della, die eigentlich der Online-First-Devise verpflichtet sein sollte, gegen Ende.), das der Film sich zu eigen macht, ist so halbherzig wie der ganze Film konventionell ist. Das wird besonders deutlich durch einen Vergleich mit der Serie, die vor einiger Zeit auf arte unter dem Titel „Mord auf Seite Eins“ zu sehen war. Sie zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie das Vorgehen der Reporter sehr realistisch und ausführlich zeigt.
Da reicht keine Parallelmontage mit ein paar angedeuteten Telefonanrufen, um an Informationen zu kommen, sondern da wird richtig hart gearbeitet und da werden eine Menge kreativer Tricks ausgegraben. Und die Serie traut sich, diese Recherchen in aller Ausführlichkeit zu zeigen. Ich kenne kaum einen Film, der die Methoden von investigativen Journalisten so akkurat darstellt. All the President’s Men kommt mir noch in den Sinn, der Film über die Watergate-Affäre, in dem die besten Dialoge sich in langen Telefonaten entwickeln. Im Remake von State of Play aber haben die drei beteiligten Drehbuchautoren die Standard-Thriller-Situationen ausgebaut und die Elemente des working place dramas zurückgefahren.
Ausgerechnet in einem Film, der vorgibt, von Journalismus zu handeln, ist also von Journalismus kaum etwas zu sehen. Schade.
Die Figur des so arroganten wie begabten Vollblut-Reporters Dan, im Original von James McAvoy toll gespielt, wurde gestrichen. Bill Nighy, der in der Serie als Chefredakteur vielleicht seine beste Vorstellung überhaupt ablieferte, wird durch Helen Mirren nur unzulänglich ersetzt. Ihre unter dem Druck neuer Investoren stehende Chefin (Achtung: wieder so ein beiläufiger Hinweis auf die Medienkrise) betont ihre Härte ausschließlich dadurch, dass sie – meist ein Zeichen für mangelnde bessere Ideen der Autoren – über Sex redet wie ein Mann. Und Della wird kurzerhand von einer dem alten Hasen Cal ebenbürtigen Reporterin mit Biss (wunderbar: Kelly Macdonald, aus Robert Altmans Gosford Park) zu einer Anfängerin mit Rehaugen gemacht. Die Feindschaft zwischen Cal und Della soll eigentlich den Gegensatz zwischen Online und Print illustrieren – hier der ehrliche Reporter, dort die Online-Redakteurin, die über Klatschgeschichten aus der Welt der Politik bloggt. Aber die Beziehung der beiden ist vor allem eine schlichte Referenz an alte Screwball-Komödien. Dieses Girl Friday aber ist zu langsam. Rosalind Russell hätte schon fünf spitze Bemerkungen gemacht, bevor Rachel McAdams überhaupt nur ihren Notizblock aufklappt.
Die schönste Szene des Films von Regisseur Kevin Macdonald ist deshalb der Abspann. Nein, nicht weil die Vorstellung dann endlich vorbei ist, sondern weil er eine sinnliche Liebeserklärung an das gedruckte Wort darstellt. Als nämlich Cal seine Geschichte in den Computer getippt hat – dazu sieht man kurz leinwandfüllend den Bildschirm, auf dem sich Wort für Wort bildet, wie damals auf dem Fernschreiber am Ende von All the President’s Men –, und als der Text ins System gesendet ist, da geht die Produktion los. Und die ist nach wie vor bei einer Zeitung ungleich schöner anzusehen als das schlichte Klicken auf einen „Senden“-Button fürs Internet. Der Abspann begleitet nun sämtliche Prozesse der Zeitungsherstellung, von der Belichtung über die Herstellung der Druckplatten bis hin zum Einspannen der großen Papierrollen und zum Anfahren der Maschinen. Fast zärtlich fährt die Kamera an den Exemplaren entlang, die die Druckstraße verlassen und automatisch verpackt werden, um dann auf Lastern hinausgebracht zu werden in die Welt, einer ungewissen Zukunft entgegen.
State of Play startet in Deutschland am 18. Juni 2009, aber besser ist es, sich die Serie anzusehen, die es bei amazon.co.uk sehr billig gibt.
Test: The Auteurs – die Online-Filmkunstvideothek
20. Februar 2009
Jede Firma hat ihren Gründungsmythos. Der von The Auteurs geht so:
Efe Cakarel, ein gut 30-jähriger computeraffiner Betriebswirtschaftler mit einem Stanford-Abschluss, sitzt im Jahr 2007 in einem Café in Tokio. Er muss Zeit überbrücken und verspürt das unbändige Verlangen, den Film In the Mood for Love von Wong Kar-Wai zu sehen. Auf seinem Laptop, über das Internet. Als Cakarel zu seinem Erstaunen bemerkt, dass das nicht geht, hat er eine Marktlücke entdeckt: Die Filmstudios sind weit davon entfernt, das Internet richtig zu nutzen. Video on Demand gibt es nur für Blockbuster, nicht für internationale Filmkunst. Zurück in Palo Alto, Kalifornien, macht er sich an die Arbeit. The Auteurs, Ende letzten Jahres online gegangen (allerdings in Beta), steckt noch in den Anfängen – und hat das Zeug dazu, eine wirklich große Tat zu vollbringen. Dabei ist es keineswegs so, dass man außerhalb der USA nichts von der ganzen Sache hat. Im Gegenteil. Das Angebot für Deutschland ist derzeit sogar größer als für Amerika. Knapp 80 Titel kann man sich direkt auf den eigenen Computer holen. Und nach Angaben der Firma werden es täglich mehr.
Heute morgen habe ich mir einen Film angesehen, hinter dem ich schon lange her war: The Circle von dem iranischen Regisseur Jafar Panahi (in Deutschland bekannt durch Offside, 2006). Ich reiste zu keinem Festival, fuhr nicht mit der Straßenbahn zur Videothek (die den Film mit ziemlicher Sicherheit ohnehin nicht führt), suchte nicht bei Internet-Händlern und schlug mir auch nicht mit 3Sat oder Arte die Nacht um die Ohren.
Ich klappte nur meinen Computer auf und klickte dreimal.
Der Browser verdunkelte sich bis auf ein Rechteck in der Mitte, in dem der Film (iranisches Original mit englischen Untertiteln) begann. Mit einem weiteren Klick wechselte ich zu einer bildschirmfüllenden Ansicht. Nach einer guten halben Stunde musste ich fort. Ich beendete den Browser. Am Nachmittag, nach meiner Rückkehr, klappte ich den Computer wieder auf. Wieder dauerte es nur drei Klicks. Netterweise wurde ich gefragt, ob ich The Circle von dort weiterschauen möchte, wo ich zuvor gestoppt hatte, oder ob ich den ganzen Film noch einmal von vorn sehen wolle.
Kosten: drei Euro. Das ist weniger als ich in der hiesigen Filmkunstvideothek, der Kölner Traumathek, für eine Ausleihe über Nacht bezahlt hätte.
The Auteurs, eine ehrgeiziges Projekt, das Ende vergangenen Jahres online gegangen ist und wegen seiner Partnerschaft mit dem DVD-Label Criterion einiges Aufsehen erregt hat, ist nun ein paar Monate im Geschäft – ein näherer Blick sollte sich also lohnen. Beginnen wir mit der Selbstdarstellung der Firma:
„The Auteurs ist Berlin, Cannes, Toronto und Venedig – 365 Tage im Jahr. Ein Online-Kino, in dem man Filme sehen, entdecken und diskutieren kann. Verlieben Sie sich von Neuem in die Filme und treffen Sie Gleichgesinnte. Grossartige Filme, eigene redaktionelle Berichterstattung und eine Gemeinschaft der interessantesten und interessiertesten Filmfans weltweit – all das erwartet Sie. Stellen Sie sich eine virtuelle Cinemathek vor: sie verlassen das Dunkel des Vorführraums und finden sich unter Freunden wieder.“
Man kann also, wie beschrieben, Filme online sehen (per Flash) und in den Diskussionsforen mitreden (die Beiträge dort sind interessant und engagiert). Erste Stufe des Vorhabens war eine Abteilung namens The Auteurs Notebook, die eine Mischung aus Filmmagazin und Blog darstellt und für das viele bekannte US-Filmblogger schreiben. So weit, so gewöhnlich. Das Ganze ist aber weit mehr als das übliche Video-on-Demand-Geschäftsmodell, mit dem Videobuster und andere seit einiger Zeit auf technisch schrecklich komplizierte Weise ihr Glück versuchen. (Videobuster bietet VoD nur für Windows und nur für den Internet Explorer an.) Denn das Filmangebot gleicht nicht dem Laden um die Ecke, sondern orientiert sich an anspruchsvollen, cinephilen Kunden. Stellen Sie sich also vor, sie hätten den Bestand von Criterion und Celluloid Dreams jederzeit zur Verfügung. Internationale Klassiker und Festivalperlen, für die man nicht mehr mühevoll auf die Jagd gehen muss. Die Idee ist ambitioniert. Sie ist kühn.
Sie wird hoffentlich funktionieren.
Und sie ist erfreulicherweise nicht nur für US-Bürger gedacht. The Auteurs erwirbt systematisch auch internationale Filmrechte. In Deutschland sind bisher nach meiner Zählung 78 Filme zu sehen (Stand: 18. Februar 2009). Das ist nicht viel, aber es ist ein guter Anfang. Neben Panahi ist zum Beispiel Arnaud Desplechin dabei (How I Got Into An Argument… (My Sex Life)), außerdem Ozon (Un lever de rideau) und Hirokazu Kore-Eda (After Life). Hier die Liste. Die gesamte Datenbank umfasst derzeit 1.257 Titel, aber längst nicht alle davon stehen zum Ansehen zur Verfügung, auch in den USA nicht. Sie ist vielmehr als Diskussionsgrundlage für das Forum und als Ausblick in die Zukunft gedacht. Als Versprechen. Und natürlich ist es nicht das Ziel, zehntausende von Titeln in den Katalog aufzunehmen. Auf eine Anfrage an die Presseabteilung erhielt ich folgende Antwort:
„As of Monday, we have 71 films playing in the US, 79 playing in Germany, and 260 playing across all countries. We expect to have 500 films playing worldwide by the time of the Cannes film festival (Anm.: das wäre Mitte Mai 2009). As far as how many films we’ll have in 1 to 5 years, it is really up to our programmers. We are not a shop that offers any and every film, but a curated selection of the best auteur films.“
Wer hätte das gedacht? In Deutschland sind mehr Filme online zu sehen als in den USA (trotz des dortigen Deals mit Criterion). Am besten sind Großbritannien und Frankreich ausgestattet, aber für kein Land sind zurzeit mehr als 100 Filme im Angebot. Merke: Die Gesamtzahl von bis zu 500 bis Mai bedeutet nicht, dass alle Filme überall zu sehen wären. Dafür sind die internationalen Verleihrechte zu kompliziert. Nach Angaben von Cakarel werden bis Ende 2009 rund 1.000 Filme erwartet (wieviele davon in Deutschland zur Verfügung stünden, lässt sich nicht vorhersagen). Die maximale Größe des Angebot soll mit 2.000 Filmen erreicht sein, deren Bestand einem laufenden Austauschprozess unterläge. Allzu unpopuläre würden dann durch andere ersetzt.
Ein Film kostet fünf Euro (leider wird ein Dollar-Umrechnungskurs von eins zu eins angewendet), aber es gibt günstigere Abo-Preise. Ich habe mich für sechs Euro angemeldet, dafür kann ich pro Monat zwei Filme sehen. Die Bedienung ist kinderleicht, formschön und funktioniert mit Mac und Windows. Die Filme sind nach Darstellung von The Auteurs in HD. Die Qualität ist aber wohl unterschiedlich. Bei The Circle waren im Vollbildmodus ausgefranste Ränder zu sehen, und bei dunklen Flächen bildeten sich viele Artefakte. Mit einem Adapterkabel soll man den Computer auch an den Fernseher anschließen können, das habe ich aber nicht ausprobiert.
Problemlos konnte ich den Film auf meinem MacBook starten und später auf einem iMac beenden.
Man hat sieben (!) Tage Zeit, einen Film anzusehen. Auch mehrmals. Bei den Abo-Angeboten gibt es eine Art Flatrate: Für 18 Euro pro Monat hat man uneingeschränkten Zugang zur gesamten Bibliothek. Efe Cakarel und sein kleines Team sind dabei, mit attraktiven Bezahlmodellen, Bedienerfreundlichkeit, Übersichtlichkeit und einem Sinn für eine Marktlücke das Verleihgeschäft zu verändern. Es ist das erste Mal, dass ich im Konzept des Video on Demand einen Sinn sehe.
Sein ursprüngliches Ziel hat Cakarel freilich noch nicht erreicht: In The Mood For Love gibt es immer noch nicht online – ruft man den Film in der Auteurs-Datenbank auf, wird man von einem bedauernden „Not available to watch“ empfangen. Wie (noch) bei 1.000 anderen Titeln auch.
-Website
-Ein Interview mit The-Auteurs-Gründer Efe Cakarel im Magazin Film Comment.

