10 Lieblings-Kritiker

24. Juli 2009

Anton Ego-1-1-1.jpgFilmkritiken zu lesen hat viel mit dem Vergnügen am Text zu tun, keineswegs hauptsächlich mit dem Interesse am Film. Deshalb geht es nicht so sehr darum, das Urteil des Autors zu teilen, sondern darum, seinem Duktus zu folgen. Bei den hier Aufgeführten tue ich das stets sehr gern (Bild: Ratatouille, Walt Disney DVD). Was Hintergrund, Geschmack, Theorie und Selbstverständnis angeht, so sind einige voneinander so unterschiedlich wie nur irgend denkbar (und der eine oder die andere könnten sich vielleicht sogar verbitten, mit manch anderem hier überhaupt zusammen in eine Liste gesperrt zu werden). Genannt sind hauptsächlich deutsche und ausschließlich heute aktive Kritiker (Reihenfolge alphabetisch). Vielleicht will der ein oder andere Blogger das Stöckchen aufnehmen?

Michael Althen (Frankfurter Allgemeine Zeitung):

„Es gibt nichts Schöneres als jenen Moment, wenn der Film die Augen aufschlägt, wenn er uns im Dunkeln zu fixieren scheint, als wolle er überprüfen, ob wir bereit sind, seine künstlichen Paradiese zu betreten. Und früher konnte man anhand des vorangehenden Studio-Signets tatsächlich noch Aussagen darüber treffen, was einen erwartet. (…) Die ersten Momente entscheiden, wie man dem Film begegnet. Was zeigen die ersten Bilder? Wollen sie locken oder verführen, sich verweigern oder schockieren? Oder fängt der Film einfach an, seine Geschichte abzuspulen, ohne weiter auf die Zuschauer einzugehen? Auf jeden Fall hat es ein Film, der sich nicht ordentlich vorstellt, schwerer, auf sich aufmerksam zu machen.“ (aus dem Buch: Warte, bis es dunkel ist, 2002)

Daniel Bickermann (Schnitt):

„Ausgerechnet ‘Shortbus’, der all diese Porno-Stil-Klischees überwindet, der den Mut zeigt, Sexualität auch mal als Durcheinander von Knien und Ellbogen zu zeigen, oder als pittoresk ausgeleuchtetes Hieronymus-Bosch-Zitat, oder auch nur als politischen Witz, muss sich für die unprätentiöse Darstellung seines Themas rechtfertigen, während bei allen anderen Filme die Nicht-Darstellung als gegeben akzeptiert wird oder die sensationalistische Darstellung als leider unausweichlich angesehen wird. Ein absurdes, trauriges Fazit. Ich habe gestern, nach der Lektüre unzähliger Verrisse, ‘Shortbus’ gesehen. Als der Film zu Ende war, haben sowohl ein homo- als auch ein heterosexuelles Pärchen glücklich knutschend den Saal verlassen. Ein größeres Kompliment kann man einem kleinen, feinen Film nicht machen.“ (für filmzentrale.com über Shortbus, USA 2006)

Manohla Dargis (New York Times):

„Like ‘Mulholland Drive’, which this new film resembles like an evil twin, ‘Inland Empire’ involves an attractive blond actress who tumbles down rabbit holes inside rabbit holes inside rabbit holes. In ‘Mulholland Drive’, the actress finally chokes on the acrid smoke that billows out of the dream factory, imagining herself in a starring role before gasping her last breath in what looks like a Nathanael West rooming house of horrors. They shoot actresses, don’t they? Yes, they do, and usually before the clincher. Mostly, though, actresses just fade away, undone by wrinkles and the industry’s lack of interest in anything female that doesn’t jiggle. By contrast, in his strange way, Mr. Lynch loves women, or at least their representations. And he gives them terribly tasty roles.“ (über Inland Empire, USA 2006)

„If directing bad movies were a sin to confess,
Bo Welch would say oops for making this mess.
Critics are paid to suffer bad art,
No matter how icky it is from the start.
So all we could do was to
„Sit!
„Sit!
„Sit!
„Sit!
And we did not like it.
Not one little bit.
With apologies to Theodor Geisel.“
(in der LA Times über The Cat in the Hat, USA 2003)

Rainer Gansera (Süddeutsche Zeitung):

„Männer sind Schattenwesen. Sie sind Unheilsfiguren im Hintergrund der Frauendramen. Wenn sie hervortreten, sehen sie aus wie der leibhaftige Tod. Männer sind Blinde, die ihre Kinder nicht erkennen. Sie sind todbringende Monster des Egoismus. Erst wenn sie selbst vom Tod gezeichnet sind, erinnern sie sich an ihre Vaterschaft. Erst dann kann man Nachsicht mit ihnen haben. Gute Männer sind solche, die Mütter werden wollen. Mütter sind Schutzengel.“ (über Alles über meine Mutter, Spanien 1999)

Tobias Kniebe (Süddeutsche Zeitung)

„Selbstverständlich gibt es Menschen Mitte dreißig, die dieser Film nicht berühren wird. Menschen, die in der Schule schon wussten, dass sie einmal die Baufirma des Vaters übernehmen und das Mädchen aus der Parallelklasse heiraten würden, was sie dann auch getan haben; die nach dem Abitur eine Banklehre machten, weil es ‘was Sicheres’ war; die viermal in „Dirty Dancing“ gegangen sind. Nennen wir sie die Unerschütterlichen. Jene unter ihnen, die sich im Jahr 1995 zufällig in den Film ‘Before Sunrise’ verirrt hatten, mussten ihre Freunde anschließend warnen: Vor einem Mädchen und einem Jungen, die sich im Zug treffen, offensichtlich toll finden, dann aber 105 Minuten durch Wien laufen und nur reden und reden, und nachts im Park vielleicht endlich Sex haben, vielleicht auch nicht. ‘Kann man sich sparen’, sagten die Unerschütterlichen. Und irgendwie waren sie auch zu beneiden: Für ihren Mangel an Selbstzweifeln, für ihre Fähigkeit, ihr Leben als gegeben hinzunehmen, für ihr knitterfreies Bewusstsein, es so schlecht nicht erwischt zu haben. Damit waren wir, der andere Teil dieser Generation, nie gesegnet. Jedenfalls haben wir es bisher nicht geschafft, eine ähnliche Gemütsruhe zu entwickeln. Was einerseits sicher ein Fluch ist, andererseits ein Geschenk. Wir konnten in ‘Before Sunrise’ gehen und plötzlich das Gefühl haben, uns selbst auf der Leinwand zu sehen – mit all unseren Träumen und Fragen, all unseren eingestandenen und uneingestandenen Problemen.“ (über Before Sunset, USA 2004)

Ekkehard Knörer (taz, Perlentaucher, Cargo):

„Wir sehen Ulrike Meinhof nackt am Strand von Sylt und Gudrun Ensslin nackt in der Wanne und alle miteinander nackt im palästinensischen Ausbildungslager: der Film will Arsch und Titten. Wir sehen, später in Stammheim, die Ensslin und die Meinhof im Zickenkrieg: der Film will die Vorabend-Soap. Außerdem will der Film: nichts auslassen, keinen überfordern, viel Geld einspielen, die Titelblätter erobern; er will zu Anne Will (wo er letzten Sonntag schon war) und den Oscar, den will er auch. Nur denken will er nicht; eine Haltung finden und Bilder, die nicht nur – dumm, aber teuer – nachplappern, was man kennt, das will er nicht.“ (über Der Baader-Meinhof-Komplex, Deutschland 2008)

Daniel Kothenschulte (Frankfurter Rundschau):

„Schwarzweißfilme sind inzwischen im Fernsehen so selten geworden, dass die Kinos hier eigentlich eine Chance wittern müssten. Gleichzeitig hat sich der Altersdurchschnitt in den deutschen Art-House-Kinos in den letzten Jahren um zehn Jahre erhöht, was vielleicht auch ganz gut passt. Nur ist dieser hinreißende Film seit 1946 keinen Tag älter geworden. Er stürzt uns in die herrlichste Verwirrung, weil wir der Krimihandlung selbst dann nicht mehr folgen wollten, wenn wir es könnten. Wie so oft lehrt Howard Hawks darin, dass Kino so viel mehr ist als das bloße Geschichtenerzählen. Hier entsteht das Wunder des Kinos aus dem Verhältnis zwischen dem unterkühlt-sexualisiertem Dialog und der ausladenden Glamourfotografie. Obwohl eine äußerst strenge Zensur darüber wachte, ist die Erotik so wenig aufzuhalten wie die Wirkung von Eis auf nackter Haut. Tote könnte man wecken mit der damals 21-jährigen Lauren Bacall.“ (über die Wiederaufführung von The Big Sleep, USA 1946)

Antony Lane (The New Yorker).

„Sith. What kind of a word is that? Sith. It sounds to me like the noise that emerges when you block one nostril and blow through the other, but to George Lucas it is a name that trumpets evil.“ (über Star Wars: Episode III – Revenge of the Sith, USA 2005)

Katja Nicodemus (Die Zeit):

„Kill Bill ist eine Jungsfantasie im Frauenkostüm, und doch bleibt Quentin Tarantino selbst in diesem vermeintlich zynischsten, abgebrühtesten Film seiner Karriere letztlich ein Moralist. Seine kalte Fingerübung im Spiegelkabinett des Action-Kinos wird zusammengehalten von der seelischen und körperlichen Verletzung der Heldin. In Kill Bill schwebt die erste Einstellung, Thurmans in Panik und Todesangst verzerrtes Gesicht, gewissermaßen als kursiv gedrucktes Motto über all den seriellen Metzeleien, die da kommen mögen. Die Seelenqual der von der eigenen Rache durch die B-Movie-Geschichte getriebenen Heldin wird bei Tarantino zum traumatischen Rest, zum Störfaktor inmitten all der Stilisierungen und filmischen Simulacren. In Interviews mag der Regisseur das kinoversessene, in virtuellen Welten schwebende Raubein markieren, aber sein Blick auf Thurman ist mitfühlend, ja liebevoll – man muss sich nur anschauen, mit welcher Zärtlichkeit er ihren großen Zeh filmt.“ (über Kill Bill: Vol. 1, USA 2003)

Stephanie Zacharek (Salon.com):

„Winslet zeigt nicht einfach nur ihren Körper; sie entblößt sich auch auf andere Weise. Was sie da tut, ist nicht leicht, besonders in einem Klima, in dem Schauspielerinnen äußerst vorsichtig damit umgehen, wie viel sie zurückhalten. Ich habe Winslet noch nie in einer Rolle gesehen, die lediglich als eine Karriere-Entscheidung daherkam. Alle Schauspieler müssen Geld verdienen, und sie wählen ihre Rollen aus verschiedenen persönlichen und finanziellen Gründen aus. Aber was auch immer Winslets Gründe sein mögen: Wenn sie eine Rolle annimmt, lässt sie tiefer blicken als die meisten Schauspielerinnen. Ihre Hanna ist eine Frau, die sich selbst verbietet, zärtlich zu sein, als würde sie eine selbst auferlegte Buße tun. Sie ist außerdem das Gegenteil von selbstmitleidig, sie ist sexuell fordernd und unsicher über ihre intellektuellen Fähigkeiten. Winslet wickelt all diese Eigenschaften in ihre Darstellung, ohne sie wie leuchtend bunte Fahnen herumschwenken zu müssen. Selbst die Art, wie sie geht – etwas schwerfällig, als wenn sie sich nicht sicher sei, dass sie es verdient, auf der Erde zu wandeln – ist eine subtile Wahl der Darstellung. Und wenn sie nackt auftritt, ist da nicht ein Fetzen Eitelkeit. Der Vorleser kommt daher wie ein Film, der sklavisch einem dummen, vorherbestimmten Text folgt. Es ist Winslet, die es wagt, zwischen den Zeilen zu lesen.“ (über Der Vorleser, USA 2008)

Brüno und die Blogger

25. Juni 2009

Der neue Film mit Sacha Baron Cohen, oder vielmehr die so fragwürdige wie heutzutage übliche Marketing-Strategie des Verleihs, bildet den Anlass für einige grundsätzliche Überlegungen zur Rolle der Filmkritik im Allgemeinen und in Blogs.

„Im Fall des Kinofilms Brüno setzt Universal unverhohlen eine Marketing-Strategie ein, die exemplarisch für eine aktuelle Tendenz steht und vor allem zwei Ziele verfolgen dürfte: Die Kontrolle über die Berichterstattung so lange wie möglich zu behalten und diese zeitlich zu steuern. Wenn alle Filmkritiken in der Woche des Starts erscheinen, so wird gemutmaßt, ergeben sich stärkere Werbeeffekte für den Film und negative Besprechungen verpuffen leichter, allein schon angesichts der vorher effektiv geführten PR-Aktionen. (…) Online-Medien spielen in dem Zusammenhang eine immer größere Rolle und verbreiten häufig nicht nur Fotos der Marketingabteilungen, sondern angesichts des Zeitdrucks auch fertige Werbetexte. Wir müssten uns – so die Argumentation eines Pressemitarbeiters – schon damit zufriedengeben, den Film erst zwei Tage vor Start synchronisiert zu sehen. Das wäre doch völlig normal und ausreichend. Ordentliche, gut recherchierte Filmkritiken, deren Redaktion und Publikation, brauchen aber ihre Zeit.“
Frédédric Jaeger, critic.de

„Marketingabteilungen überhäufen einen mit Exklusivbildchen und Snippets aus Werbevideos, die man doch bitte im Vorfeld des Filmstarts ins Blog oder in sein Magazin einbinden solle. (…) Gern gesehen wird es auch, wenn man vor allem Trailer, Trailer und nochmals Trailer ins Netz pumpt (als gäbe es die nicht schon längst an allen Ecken und Enden im Netz). (…) Für mich ist das ein Indiz in zweierlei Hinsicht: Erstens, die Presseleute vertrauen ihrem Film als eigentlichem Kernprodukt nicht im geringsten, und zweitens, die Presseleute halten ‘die Leser’ offenbar für so herausragend stumpfsinnig, dass diese an von PR-Bombardements unbeeindruckten Eindrücken anhand des konkreten Gegenstands keinerlei Interesse aufzeigen. Eifrig mit Speichelschleckerei befasste Helfershelfer solcher Spam-Maßnahmen unter dem viralen Deckmäntelchen sind die Mengen an ‘Blogs’ und ‘Magazinen’, die jedes noch so blödsinnige Snippet, Widget und Trailerfragment bereitwillig weiterleiten, in der Hoffnung, dadurch ein paar Clicks mehr einzuholen.“
Thomas Groh, filmtagebuch.blogger.de

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Ein Gesichtsausdruck sagt mehr als tausend Worte. Aber wie viele Worte braucht man, um einen Gesichtsausdruck zu beschreiben? Charlie Chaplin in der Schlussszene von Lichter der Großstadt. Bild: Warner Home Video

Neulich wurde mir von berufener Stelle aus einem Text über die Schauspielerin Cécile de France eine Klammer gestrichen, in der ich meiner Bewunderung für die junge Französin mit dem unschuldigen Adjektiv „wunderbar“ Ausdruck verleihen wollte. Das Argument für die Streichung, dem ich wenig entgegenzusetzen hatte, lautete im Wesentlichen: unspezifisch, nicht belegt. Am gleichen Tag fiel mir die aktuelle Ausgabe von Sight & Sound in die Hände und mein Auge auf die Kolumne „Mr Busy“ von Nick Roddick. Sie ist mit „Acting: the lost language“ überschrieben, und ein Auszug daraus folgt hier:

„Die Schauspielerei erhält die meiste Aufmerksamkeit von den Medien, aber sie ist zur selben Zeit der am wenigsten gründlich untersuchte Bereich der Filmerfahrung. Die ersten beiden Wellen der akademischen Filmbetrachtung mieden die Auseinandersetzung mit der Schauspielerei wegen ihrer Nähe zum Starkult der Illustrierten und weil es als zu schwierig galt, die Ursache mit der Wirkung zu verbinden. Wir haben unser kritisches Vokabular für jeden anderen Bereich des Geschäfts verfeinert, aber die Schauspielerei bleibt eine Sache des mit Adjektiven angereicherten Impressionismus. (…) Warum wird so viel über Schauspieler geschrieben, aber so wenig Ernsthaftes?“

Gute Frage. Die Antwort lautet möglicherweise, dass es einfacher ist, über eine beeindruckende Kamerafahrt oder einen geschickten Schnitt oder eine überraschende Drehbuchwendung zu schreiben als über die unermesslich reichhaltigen Möglichkeiten menschlicher Mimik. Kamera, Schnitt und Drehbuch sind zwar künstlerische Ausdrucksmittel, aber sie repräsentieren auch eine gewisse Technik, äquivalent vielleicht gegenüber stilistischen Mitteln in einem geschriebenen Text. Und einen solchen zu analysieren, und zugleich die selben Mittel selbst anzuwenden, das haben die meisten Kritiker ja auf der Schule oder spätestens auf der Uni gelernt. In jedem Fall handelt es sich um ein geschaffenes System, dem man sich durch den Intellekt nähert.

Der Schauspielerei gegenüber verhält sich der Betrachter dagegen in der Regel indifferent. Man sieht im eigenen Leben ständig Menschen lachen, weinen, schreien, flüstern, hinken, laufen, lächeln, streicheln, rauchen oder auf eine bestimmte Weise schauen. Die professionelle und stilisierte Darstellung auf der Leinwand wirkt deshalb nicht mittelbar wie eine Formung, sondern unmittelbar, allenfalls also gut oder schlecht. Wobei mit „schlecht“ in der Regel „unrealistisch“ und mit „gut“ „realistisch“ gemeint ist, halt „wie in echt“; oder „schön“, „begehrenswert“, „cool“, „bemitleidenswert“, oder halt auch – ich bekenne mich – „wunderbar“. Die Reaktion auf Menschen ist instinktiv, nicht reflektiert wie die Reaktion auf künstlerische Mittel, deren Zweck mehr oder weniger deutlich zu erkennen ist. Weitet man den Blick aufs Weltkino, stellt sich ohnehin die Frage, ob man als Westeuropäer die schauspielerische Leistung eines Chinesen angemessen beurteilen kann. Vergleicht man aber Film- mit Theater- und Opernkritiken, so fällt auf, das in Letzteren die Würdigung der Darbietung einen festen Platz hat. Und das wirft dann schon die Frage auf: Haben Theaterkritiker dafür einfach die bessere Vorbildung? Das bessere Vokabular?

Man könnte Unterschiede festmachen zwischen dem naturalistischen Spiel von Robert DeNiro in Raging Bull und dem abstrakten in einem Film von Robert Bresson, der nur mit Laien arbeitete und seine Schauspieler als „Puppen“ ansah, die er dirigierte. Oder, anderes Beispiel, die verkünstelt wirkenden Darbietungen bei Fassbinder, in denen Dialoge eher deklamiert als gesprochen werden. In solchen Fällen des „non-acting“ ist aber der Verzicht selbst der eigentliche Gegenstand der kritischen Beschreibung, die Beschreibung erfolgt meist als Gegensatz zur herkömmlichen Technik. Man versucht dann zu ergründen, ob die minimalistische Passivität der Schauspieler in Still Life von Jia Zhangke dem Thema angemessen oder einfach nur auf nervtötende Weise langweilig ist.

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Ein schönes Gesicht, aber was will es uns sagen? Kate Winslet in Der Vorleser. Bild: Senator

Wie aber nun geht man mit einer herausragenden schauspielerischen Leistung um? Zum Beispiel einer solchen wie der von Kate Winslet in Der Vorleser, die genau dafür einen Oscar bekommen hat und über die man immer wieder überall hören konnte, wie toll sie die Rolle der ehemaligen KZ-Wärterin Hanna Schmitz spielt? Ein Blick auf die Filmkritiken zu Der Vorleser zeigt, wie wenig Platz der Beurteilung des Schauspiels oft zugestanden wird. Alle im Folgenden zitierten Autoren analysieren den Film einfallsreich und hellsichtig auf allen möglichen Ebenen, aber nur die Hälfte von ihnen würdigen ausführlich das Schauspiel – obwohl doch gerade dieses das Besondere an Der Vorleser sein soll: Roger Ebert kommt darauf gar nicht zu sprechen. Auch Anthony Lane im New Yorker würdigt die Kunst der Winslet mit keiner Silbe, urteilt nur knapp über David Kross, dessen Spiel „am Rand der Schwerfälligkeit“ sei. Und der Kritiker des Film-Dienstes (Ausgabe 5/09), Ulrich Kriest, schmückt seinen Verriss mit der folgenden dürren Anmerkung: „Dass das Nachwuchstalent David Kross Kate Winslet schauspielerisch nichts entgegenzusetzen hat, ist nur ein weiteres, aber durchaus konsequentes Problem dieser Verfilmung, die nie über ein geschmackvoll drapiertes Rührstück hinaus gelangt.“

Von der ganzen DIN-A-4-Seite, die epd Film (Ausgabe 2/09) dem Vorleser zu Verfügung stellt, widmet der Rezensent Dietmar Kanthak einen einzigen Satz dem Schauspiel: „Kate Winslet leiht ihrer Figur ein widersprüchliches Gesicht, sie offenbart sich weder ihrem jungen Liebhaber noch dem Zuschauer ganz, bewahrt Geheimnisse.“

Überschwängliches Lob, aber ohne Begründung, ist von Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau zu lesen:

„Dass nun niemand das Wort Pornographie in Bezug auf die Verfilmung auf den Lippen führt, liegt an der Kultiviertheit des britischen Dramatikers David Hare, seines Landsmanns Stephen Daldry, der die Regie übernahm, und vor allem einer Hauptdarstellerin, die zu Recht für ihre Leistung einen Oscar erhielt. (…) Vorn an der Rampe stehen ein unterforderter Ralph Fiennes und eine stark geforderte Kate Winslet, die aber bei aller Ausstrahlung dann doch nicht vermitteln kann, wie eine allein in Ordnungssystemen denkende, fremdbestimmte Frau eine derartige sexuelle Aktivität entwickelt. Und doch ist sie über alle Kritik erhaben: Ihre Figur ist eben doch wie alles an dieser so bedeutungsvoll erdachten Geschichte von Papier. Lebendiger, als sie es mit ihrem körperlichen aber niemals äußerlichen Spiel erreicht hat, könnte die Sache niemals werden. (…) Dass ‘Der Vorleser’ sogar eine Oscar-Nominierung als bester Film erhielt, ist schwer verständlich. Als Probe hoher Schauspielkunst aber verdient er exakt die Aufmerksamkeit, die er am vergangenen Sonntag erhielt.“

Und von Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel:

„… den in jeder Hinsicht verdienten Oscar für Kate Winslet als Beste Hauptdarstellerin. (…) In seiner romantischen, von Kate Winslet und David Kross fantastisch verkörperten ersten Halbzeit geht es um Passion.“

Sowie von Elmar Krekeler in der Welt:

„(…) Was im Prinzip ja kein Schaden ist, weil Kate Winslet tatsächlich alle Oscars und Globes redlich verdient – sie hat Mut zu Nacktheit und Hässlichkeit, sie gibt Hanna bei aller Schönheit eine Härte, eine Kühle, eine Sturheit, die gerade noch verhindert, dass man mit ihr mitfühlt.“

Die Filmkritiken, die sich intensiver mit Kate Winslets Arbeit beschäftigen, tun das in der Regel deskriptiv-impressionistisch oder assoziativ. Vielleicht ist es einfach so, dass zur Beurteilung von Schauspielern eher eine gute Beobachtungsgabe als ein analytischer Verstand benötigt wird:

„Winslet ist fleischig, mit dunklen Brauen, und legt Michael gegenüber eine komplizierte Mischung aus Widerwillen, Sehnsucht und Resignation an den Tag. Ihre Wahrnehmung der moralischen Implikationen der Beziehung ist unklar, allerdings ist sie in den 50-er-Jahre-Szenen ständig dabei, sorgfältig zu schrubben und zu putzen, als wäre sie von einem schmutzigen Gewissen belastet. Ihr wiederkehrendes Interesse liegt in emotionalem Selbstschutz, nachempfunden in zerstückelten, kleinsten Gesten – ein Nicken, ein Kopfschütteln.“ (Sight & Sound, David Jays)

„Eigentlich geht es in ‘Der Vorleser’ um Sex mit einer KZ-Wärterin. Oscar-Gewinnerin Kate Winslet allerdings ist bemerkenswert uneitel – und darin besser als Nicole Kidman je hätte sein können. Zu der erstaunlichen Transformation, mit der Kate Winslet in diesem Film ihren Oscar erkämpft hat, gehört ihr Gang. Wie sie so im grauen Wintermantel durch die Straßen stapft, wirkt ihre ganze Erscheinung schwergängig, tiefergelegt, geländetauglich. Die Hüften scheinen mit jedem Schritt breiter zu werden. So laufen sonst nur Bäuerinnen im frühen sowjetischen Dokumentarfilm. Und wenn man sieht, wie energisch diese Frau ihre wuchtigen Halbschuhe an der Fußmatte wetzt, Ordnung muss sein, hört man fast schon die Hacken knallen. Dazu ihre durchweg unrunden Bewegungen, ihr kantiges, nicht kosmetisch geglättetes Gesicht, dessen Haarflaum im Gegenlicht leuchten darf, die oft dräuend gesenkten Augenbrauen – das alles ist eine bemerkenswerte, auch bemerkenswert uneitle physische Leistung. Kaum vorstellbar jedenfalls, dass etwa Nicole Kidman – die ursprünglich für die Rolle vorgesehen war – etwas annähernd Vergleichbares hinbekommen hätte.“ (Süddeutsche Zeitung, Tobias Kniebe)

„Winslet zeigt nicht einfach nur ihren Körper; sie entblößt sich auch auf andere Weise. Was sie da tut, ist nicht leicht, besonders in einem Klima, in dem Schauspielerinnen äußerst vorsichtig damit umgehen, wie viel sie zurückhalten. Ich habe Winslet noch nie in einer Rolle gesehen, die lediglich als eine Karriere-Entscheidung daherkam. Alle Schauspieler müssen Geld verdienen, und sie wählen ihre Rollen aus verschiedenen persönlichen und finanziellen Gründen aus. Aber was auch immer Winslets Gründe sein mögen: Wenn sie eine Rolle annimmt, lässt sie tiefer blicken als die meisten Schauspielerinnen. Ihre Hanna ist eine Frau, die sich selbst verbietet, zärtlich zu sein, als würde sie eine selbst auferlegte Buße tun. Sie ist außerdem das Gegenteil von selbstmitleidig, sie ist sexuell fordernd und unsicher über ihre intellektuellen Fähigkeiten. Winslet wickelt all diese Eigenschaften in ihre Darstellung, ohne sie wie leuchtend bunte Fahnen herumschwenken zu müssen. Selbst die Art, wie sie geht – etwas schwerfällig, als wenn sie sich nicht sicher sei, dass sie es verdient, auf der Erde zu wandeln – ist eine subtile Wahl der Darstellung. Und wenn sie nackt auftritt, ist da nicht ein Fetzen Eitelkeit. Der Vorleser kommt daher wie ein Film, der sklavisch einem dummen, vorherbestimmten Text folgt. Es ist Winslet, die es wagt, zwischen den Zeilen zu lesen.“ (Salon.com, Stephanie Zacharek)

„Frau Winslet sieht reizend aus, auch wenn sie in den letzten Szenen Falten und graues Haar trägt, aber sie spielt eine unmögliche Figur. Ihre strenge Miene, undeutliche Artikulation und ihre abrupten metronomischen Gesten sind unpassend für diese auf natürliche Weise reizvolle und offene Schauspielerin. Gelegentlich kippt die Darstellung sogar in die Näher der Komödie, wie in der Szene, in der Hanna mit einer Bürste wütend den in ihrer Badewanne sitzenden Michael schrubbt und für einen Moment zu einer sehr bösen Krankenschwester wird.“ (The New York Times, Manohla Dargis)

„Eine kleinere Schauspielerin als Kate Winslet hätte sich von diesen Räumen beherrschen lassen. Jeder zeitgeschichtliche Stoff, also auch dieser, hat eine Tendenz zum Ausstattungsstück, und jedes Kostüm, selbst die Kittelschürze der Adenauer-Ära, lädt dazu ein, das Drama einer Figur in ihm zu ersticken. Aber Winslet denkt gar nicht daran, ihre Schuld in die Schürze zu stecken. Sie ist von Anfang an geradezu erdrückend präsent, eine einesame, verhärtete, maßlos lebenshungrige Frau. Was Daldry und seine Kameramänner Chris Menges und Roger Deakins an filmischen Süßungsmitteln in die Liebesszenen gießen, treibt sie mit ihrer in Bitternis getränkten Sinnlichkeit wieder heraus. Nur wenn der Schüler Michael seine Bücher auspackt, wird ihr Gesicht weich. Sie zeigt ihr Geheimnis, ohne es zu verraten. (…) Das Böse ist bei ihr, anders als bei den Bösewichtern des Hollywoodfilms, keine ontologische Qualität, sondern ein Aspekt ihres Wesens, der durch die Umstände wachgerufen wird. Diesen Aspekt hat Hannah Arendt bei Eichmann in Jerusalem entdeckt, Bernhard Schlink verlieh ihn seiner wichtigsten Romanfigur, und Kate Winslet bringt ihn auf die Leinwand. Man kann sich gewiss bessere Verfilmungen des ‘Vorlesers’ vorstellen. Aber Hanna Schmitz trägt jetzt Kate Winslets Gesichts.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.2.09, Andreas Kilb)

„Winslet liefert eine bewegende Hülle dieser im Inneren dezimierten Frau, die womöglich kurzzeitig durch Sex vor ihrer Scham fliehen kann, aber für die es keine Vergangenheit gibt, der sie sich stellen und keine Zukunft, die sie erwarten könnte. Sie und Kross spielen die intimen Szenen mit einer beeindruckenden Feinfühligkeit und mit glaubwürdiger Leidenschaft. Der junge deutsche Schauspieler zeigt Selbstvertrauen und Potenzial.“ (Variety, Todd McCarthy)

„Kate Winslet wird langsam aber sicher zur Königin der knisternden Sexszenen. Ihre kühle Erotik und die Hintergründigkeit ihres präzisen, alles umfassenden Spiels verleihen ihr eine große Leinwandpräsenz. Spätestens seit Todd Fields fulminanter Vorstadtanalyse Little Children und der darin enthaltenen offensiven Liebesszene zwischen Winslet und Patrick Wilson auf dem Trockner, ist ihre erotische Präsenz augenscheinlich. Als Hanna, die Protagonistin des Schlinkschen Romans ‘Der Vorleser’, hat sie fast zuviel Ausstrahlung, um die KZ-Aufseherin zu mimen. Schön ist sie und in allem was sie tut ausgesprochen körperlich.“ (Schnitt, Susan Noll)