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(Foto: ON Neue Musik Köln)

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Gesehen im Filmforum im Museum Ludwig, Köln, am 20. November 2009. Uraufführung der restaurierten Fassung (72 Minuten) mit der neu komponierten Musik von Yati Durant.

Wer „expressionistischer Film“ sagt, meint in der Regel Das Kabinett des Doktor Caligari (1919) von Robert Wiene. Es gibt noch andere bekannte Beispiele wie Murnaus Nosferatu, aber der ist eher stark vom Expressionismus beeinflusst, stellt aber keine Reinform mehr dar: jene Mischung aus Theater, Malerei und Film, zu deren wichtigsten Merkmalen nicht nur die langen Schatten zählen, die dann ja in der Tat weltweit ihren Weg in die Filmgeschichte fanden, sondern auch die gemalten Kulissen, das Theaterhafte unterstreichend. Beispiele für diese Reinform sind neben Caligari etwa Genuine und Raskolnikow, ebenfalls von Wiene. Ein weiteres Karl Heinz Martins Von morgens bis Mitternacht (1920), nach einem Bühnenstück von Georg Kaiser. Diesen Film kennt heute so gut wie niemand. Und dabei war das Fachpublikum, namentlich die Vereinigung Münchner Filmkritiker, damals zunächst durchaus begeistert:

„Als zweite Sondervorstellung für die Vereinigung sah man im Vorführungsprogramm der Regina-Lichtspiele den in Süddeutschland noch unbekannten Ilag-Film nach Kaisers ‘Von Morgen bis Mitternacht’. Damit nähert sich der Expressionismus den wesenhaften Möglichkeiten des Films schon viel mehr als im ‘Caligari’: dingliche und schauspielerische Darstellung gehen einheitlich zusammen, wobei freilich immer noch diesem Zusammengehen von außen her malerisch (mit aufgesetztem Weiß) nachgeholfen wird. Jedenfalls aber erscheint der photographische Naturalismus in diesem Regiewerk K.H. Martins glücklich überwunden und damit in der Entwicklung des Films aus seiner Reproduktionstechnik zu künstlerischer Formung ein weiterer Schritt getan. Welche Münchener Lichtspielleitung wird sich das Verdienst sichern, mit der öffentlichen Vorführung bahnbrechend voranzugehen?“,

fragte der Film-Kurier nach einer Pressevorführung in München 1922 (zitiert via). Die Antwort lautet: keine. Es fand sich kein Verleih, der den Film in die deutschen Kinos bringen wollte, und so wurde er schließlich nach Japan verkauft. Auch dort erhielt er positive Kritiken, wie im Restaurations-Vorspann erklärt wird. Wir in Deutschland aber, so führt der in Sachen Stummfilm in Köln umtriebige Filmkritiker Daniel Kothenschulte bei der Vorführung im Filmforum aus, wussten später nur noch von seiner Existenz, weil Rudolf Kurtz Von morgens bis Mitternacht in seinem Standardwerk Expressionismus und Film, erschienen 1926 und noch heute gern gelesen, erwähnt. Das Filmmuseum München hat den Film nun restauriert und um die in Japan herausgeschnittenen Zwischentitel ergänzt, eine DVD-Ausgabe in der Edition Filmmuseum wird gerade vorbereitet.

Es war also eine Entdeckung, die es zu machen hieß.

Und vielleicht auch die Frage zu beantworten, warum damals kein Verleih zu finden war, obwohl doch der Caligari kurz zuvor so gut beim Publikum angekommen war. Die Wahrheit ist wohl: Für die enorme Künstlichkeit der reinen expressionistischen Form war das Publikum weniger empfänglich als man aus heutiger Sicht denkt, besonders wenn die spannungsgeladenen Genre-Elemente aus dem Caligari fehlen. Von morgens bis Mitternacht ist eine recht simple Geschichte über einen Bankkassierer, der Geld unterschlägt, um ein Leben in Saus und Braus zu führen und erkennen muss, dass Reichtum nicht glücklich macht (für Spannung sorgt eher schon die neu komponierte und live aufgeführte Musik von Yati Durant, die sich eng an das Geschehen auf der Leinwand anlehnt und die Handlung mit einem reichen Spektrum an Klängen förmlich voranzutreiben scheint. „Wenn wir diesen statischen Film ohne die Musik vorgeführt hätten“, sagt Stefan Drößler vom Münchner Filmmuseum später in der Diskussion, „dann hätte es Gähnen im Publikum gegeben.“ ). Martin, der Kaisers Stück zuvor auch auf der Bühne inszeniert hatte, gewichtet in dem Dreiklang Theater-Malerei-Film letzteren am schwächsten, nur wenige exklusiv filmsprachliche Mittel werden eingesetzt, zum Beispiel eine mehrmals wiederholte Überblendung von einem hübschen Mädchengesicht in einen Totenkopf.

Die bemalten Pappkulissen wackeln zuweilen wie in einem Film von Ed Wood, sind aber zusammen mit den düster geschminkten Gesichtern der Schauspieler (darunter auch der damals berühmte Theaterstar Ernst Deutsch) äußerst faszinierend. In Erinnerung bleiben mir vor allem zwei Einstellungen. In der einen steht der Bankkassierer einsam in der Nacht an einer Straße, die nur durch eine in der Unendlichkeit sich verlaufende Zickzacklinie – die Expressionisten liebten Zickzack – angedeutet ist. Eine Lampe spendet einen engen Lichtkegel, der Rest der Leinwand ist schwarz. Dazu wird Schnee vom Rand ins Bild geschaufelt. Die zweite Einstellung zeigt die Informationsübermittlung der Polizei, nachdem der Diebstahl in der Bank bemerkt worden ist: ein gezeichneter Telegrafenmast, auf den einzelne Buchstaben im Stop-Motion-Verfahren zukriechen, sich zu Wörtern wie „Kassierer flüchtig“ zusammenraufen und dann wieder verkrümeln.


The Freshman (1925) mit Harold Lloyd

Wer, wie ich, sich der Cinephilie nicht auf akademischem Wege genähert hat, der hat die ein oder andere Bildungslücke zu füllen. Viel lesen und viel sehen ist gut, aber ein wenig Vorlesungssaalluft kann nicht schaden. An der ein oder anderen Stelle im Internet wird man fündig. Und das beste: Man braucht keinen Schein, äh, keine Punkte oder wie das heutzutage heißt:

  • Die Universität Kiel hat Videos einer Ringvorlesung von 2005/2006 ins Netz gestellt, in der verschiedene Dozenten ausführlich über Filmklassiker reden (von Zwölf Uhr Mittags über Terminator 2 bis zu Eisensteins Oktober).
  • Das MIT veranstaltete 2007 einen Kurs unter dem Titel „The Film Experience“, eine Art grundlegende Einführung und Überblicksvorlesung. Auf einer Webseite kann man einige der Vorlesungen als Video sehen, für andere gibt es die Skripte als pdf.
      
  • An der Columbia University gibt es eine Webseite namens Film Language Glossary, die leider nur für immatrikulierte Studenten zugänglich ist. Ein Video legt dar, wozu dieses Projekt taugt. Soweit man das von außen beurteilen kann, dürfte es sich um einen der ambitioniertesten Versuche handeln, Filmgeschichte, Filmwissenschaft und Filmtechnik mit modernen didaktischen Mitteln zu vermitteln. Man schlägt zum Beispiel einen Fachbegriff nach, meinetwegen „Parallelmontage“, bekommt ihn in einem Artikel erklärt und gleich Videoausschnitte mit den wichtigsten Beispielen dazu.
  • Die Universitäten von Berkeley, Yale und Standford haben zwar eigene Kanäle auf Youtube oder iTunes, allerdings – soweit ich das sehen kann – keine Vorlesungen über Film. Kommt vielleicht noch.

Inferno

16. Oktober 2009


Youtube-Link
Henri-Georges Clouzot’s Inferno, featuring eine 26-jährige Romy Schneider, ist eine Collage aus (Test)Material von Clouzots (Les Diaboliques, 1955) nie fertiggestelltem, wohl auch ziemlich größenwahnsinnigen, Projekt namens, nun ja, Inferno eben. Voller technischer Experimente und geprägt von der Suche nach einer neuen Filmsprache, stellten sich die Dreharbeiten als äußerst schwierig dar, es gab Ärger mit Schauspielern und Verzögerungen, schließlich beendete eine Herzattacke die Ambitionen des Regisseurs. Fast 50 Jahre später haben Serge Bromberg und Ruxandra Medrea Annonier das Material gesichtet und arrangiert, sowie Interviews mit den Beteiligten von damals geführt, und daraus einen Dokumentarfilm gemacht. Wenn man der aktuellen Sight & Sound glauben darf, ist das Ergebnis atemberaubend:

„It leaves its audience sorrowful for what might have been; but hungry, too, for more from the reservoir oft test material that Clouzot created.“

Slant hat eine ausführliche Rezension.