Die Woche auf Zelluloid

29. Dezember 2008

Drüben bei critic.de werde ich in den Kommentaren zu Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen ausgeschimpft, weil ich die Verfilmung des Lieblingsbuchs von Millionen Mädchen verreiße. In den insgesamt vier Romanen von Stephenie Meyer geht es um die Liebe einer 17-Jährigen zu einem hübschen Vampir, der seinen Trieb überwindet und sie nicht anrührt (obwohl sie durchaus willig ist).  Die Vampirmetapher ist natürlich unterschwellig sexuell, wogegen ja auch nichts zu sagen ist, wohl aber gegen den gar nicht so unterschwelligen negativen Beiklang, den die Sexualität hier erhält. Und gegen eine so negative Kraft wie die Sexualität hilft natürlich nur die Abstinenz. (Ich habe die Bücher nicht gelesen, konnte aber in Erfahrung bringen, dass sie es in einem der späteren Bände doch noch tun werden.)
Jetzt bin ich aber etwas ins Grübeln gekommen: zum einen, weil just gerade, wo ich dies schreibe, eine E-Mail von einer Jugendliebe eintrudelt, die mir von ihrer begeisterten Lektüre von Bis(s) zum Morgengrauen berichtet und davon, dass sie ihren Mann gleich zum Buchladen geschickt hat, um den zweiten Teil zu holen. (Meine Jugenliebe ist natürlich schon lange kein Teenager mehr.) Und zum anderen, weil ich über diesen Artikel aus The Atlantic gestoßen bin, in dem die gegenwärtige Faszination junger Mädchen für Vampire untersucht wird. Den Sex und die Abstinenz sieht die Autorin auch, aber ganz anders als ich urteilt sie äußerst positiv über die Romane.  Offenbar ist es gerade das Altmodische, das den Girls von heute so gefällt:
„Stephenie Meyer has re-created the sort of middle-class American youth in which it was unheard-of for a nice girl to be a sexual aggressor, and when the only coin of the realm for a boy who wanted to get lucky was romance and a carefully waged campaign intended to convince the girl that he was consumed by love for her. (…) This is a vampire novel, so it is a novel about sex, but no writer, from Bram Stoker on, has captured so precisely what sex and longing really mean to a young girl. (…) The erotic relationship between Bella and Edward is what makes this book—and the series—so riveting to its female readers. There is no question about the exact nature of the physical act that looms over them. Nor is the act one that might result in an equal giving and receiving of pleasure. If Edward fails—even once—in his great exercise in restraint, he will do what the boys in the old pregnancy-scare books did to their girlfriends: he will ruin her. More exactly, he will destroy her, ripping her away from the world of the living and bringing her into the realm of the undead. If a novel of today were to sound these chords so explicitly but in a nonsupernatural context, it would be seen (rightly) as a book about abstinence, and it would be handed out with the tracts and bumper stickers at the kind of evangelical churches that advocate the practice as a reasonable solution to the age-old problem of horny young people. The attitude toward female sexuality—and toward the role of marriage and childbearing—expressed in these novels is entirely consistent with the teachings of that church. In the course of the four books, Bella will be repeatedly tempted—to have sex outside of marriage, to have an abortion as a young married woman, to abandon the responsibilities of a good and faithful mother—and each time, she makes the ‘right’ decision. (…) What is interesting is how deeply fascinated young girls, some of them extremely bright and ambitious, are by the questions the book poses, and by the solutions their heroine chooses.“
Bei The Atlantic gibt es auch ein Video, in dem eine 14-Jährige die Pressevorführung besucht und anschließend über den Film urteilt. Das ist ebenfalls erhellend und wirft die Frage auf, ob 40-Jährige Männer überhaupt schlaue Texte über weibliche Teenagerkultur schreiben sollten. Ich fand Grease 2 damals auch klasse. Und Michelle Pfeiffer sogar noch heute. Aber wo wir gerade bei Grease sind: Erinnert sich noch jemand an die Figur, die Stockard Channing im ersten Grease-Film von 1978 spielte? Ein kleines, sexuell selbstbewusstes Flittchen, das mit erhobenem Kopf „There Are Worse Things I Could Do“ singt? So weit waren wir schon mal, bevor die händchenhaltenden Vampire kamen.
In Deutschland startet Twilight am 15. Januar.

Die Woche auf Zelluloid

22. Dezember 2008

Krank sein verschafft auch cineastisch eine Atempause. Statt schnupfend und hustend ganze Kinosäle mit Bazillen zu versorgen, liege ich daheim auf der Couch und nehme Gelomyrthol, Olynth, Paracetamol, Lemoncin sowie große Mengen alter Filme ein. Dank verstopfter Nase häufig schlaflos, führt das zu schönen Begegnungen nachts um vier Uhr, etwa mit Eric Rohmers Claires Knie (1970) oder – in Krankheitsfällen zur Ablenkung vom eigenen Zustand wirklich zu empfehlen – mit schwarzweißem Hollywood mit Damen, die absurde Abendgarderobe tragen. Meine Jahresendspurtkinoliste gerät deshalb etwas in Vergessenheit, das ist aber weniger schlimm als gedacht.

Vor allem, wenn man, wie ich, in Köln wohnt. Von den am vergangenen Donnerstag angelaufenen Filmen läuft Til Schweigers Dingsbums-Ritter täglich in acht Vorstellungen; Little Paris dagegen, der einzige Film in dieser Woche, der mich interessiert, läuft gar nicht und wird vermutlich in vier bis sechs Wochen mal in der Filmpalette zu sehen sein. Und diese Stadt nennt sich Medienmetropole und beherbergt Unmengen an Filmhochschülern!

Auch die Nachrichtenlage macht nicht den Eindruck, als würde ich zwischen meinen zerwühlten Kissen und Mentholduftwolken viel verpassen. Es gibt zum Jahresabschluss noch ein paar mehr Best-Of-Listen und so langsam dürfte jede Kritikerorganisation ihre Preise (aka Oscartipps) vergeben haben (aktuell dazugekommen sind die Kritikerorganisationen von Austin, Florida, St. Louis, Las Vegas, Chicago, Dallas, Toronto und London.) Aufhorchen lässt immerhin die Meldung, dass Ari Folman, Regisseur von Waltz With Bashir, an der Verfilmung einer Geschichte von Stanislaw Lem arbeitet. „Der futurologische Kongress“ soll ein Mischfilm aus Animation und echten Schauspielern werden. Der Hollywood Reporter berichtet.

To Kill a Mockingbird (Wer die Nachtigall stört) mit Gregory Peck, 1962.

Schwarz und Weiß in Schwarzweiß: To Kill a Mockingbird (Wer die Nachtigall stört) mit Gregory Peck, 1962.

Und noch eine zweite Meldung, eine traurige. Robert Mulligan, Regisseur von To Kill a Mockingbird, ist tot. Das ist der Film nach dem Buch von der Freundin von Philip Seymour Hoffman in Capote (2005). Die LA Times ruft nach.

Mindestens einmal in diesem Jahr muss ich aber noch ins Kino. In die Buddenbrooks, wovon mich auch die sehr zahlreichen wirklich sehr, sehr  schlechten Kritiken nicht abhalten werden. Es interessiert mich, auf wie viele verschiedene Arten man diesen großartigen Stoff vergeigen kann. Denn vergeigt sind, seien wir ehrlich, die alten Filmversionen doch auch. Ich erinnere mich an ein Germanistik Hauptseminar an der FU Berlin über die Buddenbrooks, an dessen Ende wir einige Folgen aus der Fernsehserie angeschaut haben. Mit Volker Kraeft als Thomas; eine recht buchstabentreue Version. Wir, ironisch imprägniert und noch voll mit den Mannschen Sätzen und beeindruckt von den riesigen leitmotivischen Bögen, langweilten uns unendlich. Ich glaube nicht, dass opulente Kostüme und aufdringliche Musik diese Langeweile vertreiben können, aber ich will ganz sicher gehen.

Die Woche auf Zelluloid

15. Dezember 2008

Über Valkyrie ist bereits so viel geschrieben worden innerhalb der vergangenen eineinhalb, zwei Jahre, dass man jetzt, wo das Internet die ersten Kritiken aus den USA anschwemmt, kaum noch geneigt ist, etwas darüber zu lesen. Alle – bis auf wenige Ausnahmen – haben ohnehin schon beschlossen, dass der Film furchtbar ist, warum zum Donnerwetter also sollte man ihn sich auch noch ansehen?

UA

Auf einem Auge blind? Die ersten Kritiken zu Valkyrie sind besser als erwartet. Foto: UA

Umso überraschender ist es, wenn der so überzeugte potenzielle Nicht-Zuschauer mit zwei Sätzen wie 

„Tom Cruise is fine. The movie is fun.“

daran erinnert wird, dass man ja überhaupt keine Ahnung hat, nicht haben kann; und dass die Abneigung gegen die Wir-sind-wieder-wer-Rhetorik von Frank Schirrmacher oder Florian Henckel von Donnermarck noch keine Meinungsbildung darstellt. Aber auch Anne Thompson von Variety, von der die zitierten Sätze stammen, malt ein eher pessimistisches Bild über die Erfolgsaussichten des Films (was wiederum auch kein Urteil über dessen Qualität darstellt):

„In today’s marketplace, though, it becomes clear that it’s harder than ever to take the risk that an expensive period epic like this will work with audiences.“

Auch andere Kritiken sind eher positiv als negativ. „A coolly efficient, entertaining and straightforward tale“, schreibt der Hollywood Reporter. Aus „cool“ wird „cold“, womit wir auch noch eine deutlich negative Stimme zitieren wollen, erneut aus Variety, dieses Mal von Todd McCarthy: „A cold work lacking in the requisite tension and suspense“. Die New York Times fasst anlässlich des US-Starts am ersten Weihnachtsfeiertag noch einmal die schwierige, von Rückschlägen gezeichnete Produktionsgeschichte zusammen. Deutscher Starttermin ist der 22. Januar 2009.

Zurzeit schreibe ich an einer Kritik über Twilight – Biss zum Morgengrauen, das ist diese Verfilmung der Teenager-Vampir-Romane von Stephenie Meyer. Von dem enormen Erfolg des Films in den USA war an dieser Stelle bereits die Rede. Da ich weder 15 noch weiblich bin, in Wahrheit von beiden Indikatoren sogar denkbar weit entfernt, gehöre ich natürlich überhaupt nicht zur Zielgruppe. Ein Verriss von einem Gammelfleisch-Schreiberling mag also nicht wirklich zählen. Dennoch sei hier bereits die Empfehlung ausgesprochen, sich den Film nicht anzusehen und folglich nicht die unterschwellige Botschaft über Enthaltsamkeit und zu vermeidenden vorehelichen Sex zu inhalieren. Es reicht völlig, folgendes Video anzuklicken, in dem die gesamte Geschichte mit Puppen nachgespielt wird, was deutlich amüsanter ist als das Original:

Noch ein paar Links zum Abschied: Variety (schon wieder!) hat mit einigen Online-Filmkritikern gesprochen, darunter Karina Longworth von Spout, und macht sich Gedanken darüber, ob man mit so etwas Geld verdienen kann (nein, kann man eher nicht).

Das deutsche Blog The Wayward Cloud schreibt ausführlich und lesenswert über eine Filmreihe zu bizarrem Kino, billig hergestellte Filmtricks und den Charme von zigfach durchgenudelten Kopien, die in erbärmlichem Zustand sogar den Reflexionsgrad der Zuschauer erhöhen:

„Letztes Jahr bei einer Vorführung von Infra Superman hat das ausverkaufte Haus bei jedem der mitgezählten acht Filmrisse frenetisch applaudiert. Das hat viel mit dem gemeinschaftlichen Aspekt des Schauens im Kino zu tun, wo sich die Emotionen gegenseitig verstärken, vielleicht aber auch mit einer Wiederkehr der Magie des Kinos im Sinne von Bava, als Innewerden der Tatsache, dass nicht nur der Film von Händen geschaffen ist, sondern auch seine Vorführung, bei deren Unterbrechung der arme Kerl oben in seiner Kabine schnell eine Lösung finden muss, damit die Illusion nicht allzu lange unterbrochen wird. Brüche, Lücken, Schnitte zeichnen nicht nur viele Kopien bei Bizarre Cinema aus, sie sind auch ein wesentliches Kennzeichen der Filme, die im Rahmen der Reihe laufen.“

Mit den Nominierungen für die Golden Globes und den Preisen weiterer Kritikerorganisationen (nach dem National Board of Review und den Washingtoner Filmkritikern kamen in der vergangenen Woche noch die Kritikerorganisationen in Los Angeles und New York dazu, und jetzt noch ganz frisch das American Film Institute und die Bostoner Kritiker) ist das Oscar-Vorhersage-Geschäft mittlerweile in vollem Gange. Wie immer waren viele der Filme hierzulande noch nicht zu sehen, weswegen ich mir eine Interpretation der Auswahl schenken muss und stattdessen auf einen so ausführlichen wie informativen wie komplizierten Kristallkugel-Artikel im Time Magazin verweise. 

Und bei der Berlinale tut sich auch was, es sind nämlich die ersten Wettbewerbsfilme bekannt gegeben worden. Ich bin besonders gespannt auf den bisher einzigen deutschen Beitrag: Alle Anderen, das ist der zweite Film von Maren Ade (Der Wald vor lauter Bäumen).