Berlinale – Nachtrag
15. Februar 2009
Deutschland 09: Der von Tom Tykwer angestoßene Omnibusfilm ist wie die meisten Filme seines Genres: sehr heterogen, was aber den grundsätzlichen Charme solcher Projekte ausmacht. Wenn ein Teil nicht gefällt, kann man sich beruhigt zurücklehnen, denn er dauert ja nicht lang. Es beginnt mit Angela Schanelec und einem atemberaubend schönen schlichten Bild: Einer Stadtansicht, die in einer langen, ruhigen Einstellung gezeigt wird. Es handelt sich vorhersehbar um Berlin, aber dennoch benötige ich einige Sekunden, um den Ort zu erkennen. Der Turm dort in der Mitte, der gehört zum Potsdamer Platz. Es folgen unter anderem ein Zug, der von rechts nach links durchs Bild fährt, ein Krankenhausflur, eine Autobahn mitten durchs Grün, etwas Nebel, ein telefonierendes Mädchen in einer Küche. Wenn ich mich recht erinnere auch noch eine Straßenkreuzung. Dann ist es schon vorbei. Applaus gibt es erst beim zweiten Film: Dani Levy, der eine Farce mit den Zutaten Psychiater, Deutschland-Klischees und Judentum gedreht hat. Ich sitze in der Wettbewerbswiederholung im Friedrichstadtpalast – also mit dem nicht-professionellen Publikum zusammen. Das freut sich an den Gags und am Tempo. Für Levys Film gilt, was für einen großen Teil der Beiträge gilt: Selbst wenn sie nicht fürchterlich originell sind, langweilen sie doch nie. Auch Wolfgang Beckers Krankenhaus-Parabel, von vielen Kritikern als zu platt gescholten, bekommt viel Applaus. Die sicher oft vordergründigen Scherze, die sich an Begriffen wie „sozialverträgliches Ableben“ und „Sozialinfarkt“ und „Lohnnebenhöhlen“ entlanghangeln, stören niemanden. Am Schluss singen alle Patienten und Ärzte im kranken Deutschland „Kein schöner Land“, und das ist doch recht hübsch. Das Publikum reagiert auch sehr positiv auf die politischen Agitationsstücke, die Fatih Akin und Hans Weingartner gedreht haben. Jener verfilmt sehr schlicht ein Interview des Magazins der Süddeutschen Zeitung mit Murat Kurnaz (zwei Männer in einem Raum, einer fragt, der andere antwortet). Dieser nimmt den Fall eines vqon der Polizei abgehörten und verhafteten Hochschuldozenten zur Grundlage für eine Warnung vor dem Überwachungsstaat. Geklatscht wird, weil das Richtige gesagt wird, nicht weil es gut gesagt würde.
Sofort noch einmal sehen möchte ich den Beitrag von Dominik Graf, der Aufnahmen von brach liegenden Grundstücken und leer stehenden Gebäuden aus der Nachkriegszeit in verschiedenen Städten zusammengeschnitten hat. Darüber wird ein essayistischer Text gesprochen, eine Zitatenmischung als Klage gegen moderne Architektur – aber nicht, wie sonst oft üblich, aus einer Sehnsucht nach kopierter Tradition heraus, sondern im Gegenteil als trauriger Hinweis auf die Macht des Kapitals über die Ästhetik. Thematisiert wird sogar das Filmmaterial selbst. Die Aufnahmen sind in Super 8mm gedreht, einem Material, das man, so heißt es im Film, hier vermutlich zum letzten Mal sieht.
Sehr schön auch Romuald Karmakar, der einen alternden persischen Puffbesitzer inmitten seines Plüsch-Reichs in einer westdeutschen Großstadt aus seinem Leben berichten lässt, dabei pikante und obszöne Details keineswegs aussparend und sehr stark vom Mutterwitz seines Protagonisten profitierend. Auf anregenden Umwegen wird da von Heimat, Emigration und Integration erzählt.
Sonst noch: Hans Steinbichler schickt einen Unternehmer auf zunächst amüsante, dann brutale Weise auf einen Rachefeldzug, weil die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Frakturschrift abgeschafft hat. Christoph Hochhäusler montiert Bilder und Stilleben mit einem kryptischen Text über Mondmenschen (ich musste mal wieder an Wall-E denken, wo ja auch die Menschen die Erde verlassen haben). Nicolette Krebitz bringt Susan Sontag und Ulrike Meinhof in einer Altbauwohnung zusammen. Kann man doof finden, aber man sollte auch bedenken, dass es sich dabei um die Fantasie eines 16-jährigen Mädchens handelt, das mit den beiden Vorbildern über seinen eigenen Lebensweg reden will. Und als solche funktioniert dieser Beitrag nicht ganz schlecht. Isabelle Stever lässt eine Schulklasse Konfliktlösung üben. Tykwer selbst begleitet einen Geschäftsmann auf seinen durch die immer gleichen globalisierten Hotels führenden Reisen: amüsant, aber es ist auch schon nach zwei Minuten klar, worauf er hinaus will. Und schließlich Sylke Enders mit einer Art Sozialreportage aus der Suppenküche, ziemlich durchsichtig, einschließlich Aha-Erlebnis für die besserverdienende Fernsehjournalistin. (Hintergründe zu den einzelnen Filmen stehen im Presseheft, das als PDF online ist.)
Am letzten Abend habe ich dann noch 2001 – Odyssee im Weltraum angesehen. Wenn man ihn schon kennt, und sich nicht mehr ständig fragen muss, was das alles hier bedeuten soll, kann man sich entspannt zurücklehnen und ins Schweben geraten. Und auf die unzähligen Details achten, die von der (in diesem Fall leider schon recht mitgenommenen) 70mm-Kopie offenbart werden. Ich freue mich jedes Mal an den „Grip Shoes“, die die Stewardess in der Schwerelosigkeit an den Boden fesseln. Und ich schaffe es nie, die lange Betriebsanleitung für die Weltraumtoilette zu lesen. Vor der Vorführung im Kino International spricht Jan Harlan, Schwager von Stanley Kubrick, ein paar Worte. Was den Film so speziell mache, sagt er, sei der „Respect for the Unknowable, for what we don’t know“. Vielen Zuschauern, die 2001 zum ersten Mal sehen, fällt es schwer, diesen Respekt zu würdigen. Stefan Höltgen hat im Berlinale-Blog von epd Film einen sehr schönen Bericht über eine Vorstellung des Films geschrieben, in der fast ausschließlich Schulklassen saßen. Und er war erfreut, wie beeindruckt viele der Schülerinnen und Schüler von dem Film waren: Mit Sarah in 2001.
Den Goldenen Bären hat The Milk Of Sorrow (La teta asustada) von Claudia Llosa gewonnen, den ich nicht so sehr mochte. Aber meine Favoriten Alles über Elly und Alle anderen sind auch nicht leer ausgegangen. Eine Liste aller Gewinner gibt es hier.
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Berlinale – das Ende
13. Februar 2009
30 31 Filme gesehen, im Durchschnitt fünfeinhalb Stunden Nachtruhe, drei ordentliche warme Mahlzeiten gegessen, einmal verschlafen, zweimal mit der BVG schwarzgefahren.
Entdeckt: Love Exposure, Alle Anderen, Alles über Elly, Beeswax, Hello Dolly
Verpasst: Cleopatra in der Retrospektive
(Wettbewerb: Deutschland 09, Tatarak, Milk of Sorrow, Katalin Varga, The International, Chéri, Alles über Elly, Alle anderen, Sturm, The Messenger, Gigante, Ricky
Forum: The Exploding Girl, Love Exposure, Beeswax, Beast Stalker
Panorama: Garapa, Shortcut to Hollywood, Die Gräfin, Milk, Blaubart, Human Zoo, Heute trage ich Rock
Retrospektive: Meuterei auf der Bounty, Lawrence von Arabien, West Side Story, Playtime, Hello Dolly, Flammende Jahre, 2001 – Odyssee im Weltraum
Berlinale Special: Effi Briest)
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Berlinale-Update: The Milk of Sorrow u.a.
13. Februar 2009
„Entschuldigen Sie, ist der Platz neben Ihnen noch frei?“
„Sie können sich doch auch woanders hinsetzen.“
Der Dialog zwischen den beiden Frauen mittleren Alters zwei Reihen vor mir ist mein erster Eindruck von der neuen Berlinale-Spielstätte Friedrichstadtpalast. Ich weiß nicht, was die Gründe für diese bahnbrechende Unfreundlichkeit waren, aber die Situation passte gut zum Druhmerum. Zum für ein Kino unwirtlich großen Friedrichstadtpalast selbst, zum Wetter, das hier in Berlin von Tag zu Tag harscher wird – und zu der Tatsache, dass das Festival sich seinem Ende nähert und bei manchem bereits Überdruss sich breit zu machen beginnt.
Die letzten Filme, die ich im Wettbewerb gesehen habe, tragen nicht gerade zur Stimmungsaufhellung bei. Katalin Varga von Peter Strickland erzählt von der Rache einer vergewaltigten Frau im ländlichen Rumänien; in The Milk of Sorrow von Claudia Llosa geht es um die Spätfolgen der Vergewaltigungen durch das Terrorregime in Peru. Beide Filme zeigen die jeweils lange zurückliegenden Taten nicht, sondern lassen sie in bemerkenswerter Ausführlichkeit von den Opfern erzählen (bzw. singen). Von der trockenen, wundgestoßenen Vagina ist die Rede und vom abgeschnittenen Penis des ermordeten Ehemanns. Während Katalin Varga dann einen ziemlich alttestamentarischen Weg des „Auge um Auge“ einschlägt und dabei weder psychologisch noch ästhetisch noch moralisch (?) schlüssig ist, stellt The Milk of Sorrow den Versuch dar, sich mit der gewalttätigen Vergangenheit auseinanderzusetzen, die über Generationen weitergereicht wird. Fausta (Magaly Solier) ist die Tochter einer entweder von Soldaten oder von Rebellen vergewaltigten Frau. Am Anfang des Films stirbt die Mutter im Krankenhaus, nachdem sie ein letztes Mal ihr Martyrium gesungen hat. Fausta hat die Angst von ihrer Mutter geerbt, die Menschen in Peru glauben: durch die Muttermilch aufgesogen. Sie traut sich nicht allein auf die Straße, bekommt häufig Nasenbluten und ist grundsätzlich ziemlich still. Zur Abschreckung von potenziellen Vergewaltigern hat sie sich eine Kartoffel in die Vagina gesteckt, die dort nun munter Keime treibt, und die sie hin und wieder abschneiden muss. Dann schaut die Kamera dezent von oben zwischen ihre Beine, und nach einem „Schnapp“-Geräusch fällt ein Stück Keim zu Boden.
Klingt wie die nötige Portion magischer Realismus, die einen Film abheben lassen kann. Aber die erdige Kartoffel lastet für meinen Geschmack schwer auf der Geschichte. Der Symbolismus ist zwar nicht so penetrant wie in Katalin Varga, wo ständig die Kamera in den Wald gehalten wird, aber dennoch. Die Bilder sind mit viel Gestaltungswillen kadriert, aber es bleiben bloß gut komponierte Bilder. So manches sieht außerdem zu sehr nach Standard Weltkino-Arthouse aus – der Lokalkolorit der immer wiederkehrenden farbenfrohen Hochzeitsgesellschaft etwa oder die ständige bedeutungsvolle Schweigsamkeit.
Vergewaltigung ist übrigens ein auffallend häufiges Thema auf dieser Berlinale, neben den beiden genannten Filmen z. B. noch in Sturm (Wettbewerb), Heute trage ich Rock und Human Zoo (beide Panorama). In Sturm geht es um die Vergewaltigungslager während des Jugoslawienkrieges; auch hier wird nichts gezeigt, die Handlung spielt Jahre später und dreht sich um die juristische Auseinandersetzung mit den Verbrechen. In dem Klassenraum-Drama Heute trage ich Rock wird die Darstellung verfremdet, indem man kurze Ausschnitte aus einem Handyfilmchen sieht, das die Täter aufgenommen haben. Nur Human Zoo geht den schlechtesten, den naturalistischen Weg und gibt dem Zuschauer das unangenehme Gefühl, mittendrin zu sein statt nur dabei. Da ist dann gar nichts mehr symbolisch.
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Außerdem gesehen: den schönen The Exploding Girl (Forum), den harschen Garapa, den nervigen Shortcut to Hollywood (Panorama) sowie Meuterei auf der Bounty und Lawrence von Arabien in der Retrospektive. Heute noch Wajdas Tatarak sehen und morgen Deutschland 09 (Wettbewerb) nachholen. Dann in den Zug nach Köln, ausschlafen, Blog- und Twitterfrequenz herunterschrauben.
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