“It’s like going to church” – Cinephilie der Zukunft
14. März 2010
Unter dem Titel “Nobody Wants to Watch Your Film – Realities of Online Film Distribution” fand gestern auf dem SXSW-Festival in Austin, Texas, eine Diskussion mit Efe Cakarel (The Auteurs), Graham Leggat (San Francisco Film Society) Peter Becker (The Criterion Collection) und Sara Pollack (YouTube) statt.
Eine sehr ausführliche Zusammenfassung der Diskussion ist im Magnet Media Blog nachzulesen.
Es ging dabei, natürlich, vor allem ums Geld. Dass niemand die Filme online sehen will, stimmt ja nicht. Es zahlt nur kaum jemand dafür. Cakarel z.B., zeigt sich sehr enttäuscht darüber, wie wenig die auf theauteurs.com gegen ein okayes Entgelt in guter Qualität angebotenen Filme tatsächlich angeschaut werden. In der Diskussion wurden leider keine Zahlen genannt, aber die Teilnehmer widersprachen immerhin dem Pessimismus in der Titelzeile. Becker vom DVD-Label Criterion berichtet immerhin, dass die über eine Kooperation mit Hulu.com erzielten Einnahmen nicht unerheblich seien. Sara Pollack spricht ihrerseits über einigermaßen positive Erfahrungen mit dem Filmemacher-Kanal von Youtube. Nicht diskutiert wurde das aus europäischer Sicht leidigste Thema, dass nämlich wegen der komplizierten internationalen Rechtevergabe viele Filme dieses Kanals (und so ziemlich alles bei Hulu) hierzulande nicht zugänglich sind.
Die Distribution über das Internet wurde auf dem Panel vor allem als Ergänzung zu bisherigen Modellen betrachtet. Damit man nicht mehr ein halbes Jahr oder länger auf den Cannes-Gewinner warten muss, oder um in ländlichen Gegenden überhaupt wichtige Filme sehen zu können. Auf die Kinokultur soll sich das angeblich nicht auswirken, wie Graham Leggat meint:
“You could be making dinner every night, but you go to restaurants. You could be listening to your stereo but you still go to concerts. I don’t think – for cinephiles – that the theatre-going experience is going to change much. It’s like going to church.”
Belgisches Kino
15. April 2009
Bei einem Ausflug in die Eifel entdeckt: ein Kino mitten auf einem jahrzehntelang militärisch genutzten Gelände. Wo zu Nazizeiten die NS-„Ordensburg“ Vogelsang errichtet wurde, eine Art Kaderschmiede für Jugendliche, wurden nach dem Krieg belgische Soldaten stationiert. In den 50-er Jahren entstand dort ein Truppenkino mit mehr als 1.000 Plätzen. Es verfügt über einen Orchestergraben und ist eines der letzten fast vollständig erhaltenen Beispiele für die Kinoarchitektur jener Zeit; seit 2005 steht es unter Denkmalschutz. Leider ist kein Projektor mehr installiert. Das Kino liegt etwas versteckt in einer Senke und sieht von außen sehr unscheinbar aus. Nur zwei bescheidene Senkrecht-Schilder mit der Aufschrift “Cinema” erinnern an die frühere Nutzung. Läuft man einmal um das Gebäude herum, muss man sich fast ein wenig zwischen die Wände und die umgebenden Erdwälle zwängen. Der Haupteingang wirkt wie ein Hintereingang. Wir kamen nicht herein (nur mit Führung zu sehr bestimmten Zeiten), aber die Vogelsang-Webseite stellt ein Foto des Interieurs zur Verfügung, das ich unten anhänge.
Fotos: thfu (4), Vogelsang ip (1)
Der ägyptische Cliffhanger
1. Februar 2009
So etwas passiert am offensichtlichsten in Filmen wie Titanic. Alle, einfach alle, fangen an zu heulen, wenn Leonardo DiCaprio blau wird. Oder Thelma und Louise. Die Szene, in der ein Trucker Thelma vergewaltigen will und dann von Louise erschossen wird. Da kam es damals häufig vor, dass das Publikum klatschte. Und in The Dark Knight erhält der Joker regelmäßig Szenenapplaus und viele “Boah”-Rufe, wenn er das Krankenhaus in die Luft jagt.
Die direktesten, ehrlichsten, amüsantesten, begeistertsten, unglaublichsten und amüsantesten Reaktionen auf die Geschehnisse auf der Leinwand habe ich aber in Ägypten beobachtet. Anfang der 90er Jahre war ich für längere Zeit in Kairo. In die Zeit meines Aufenthalts fiel das 1993er Kairo Filmfestival, das damals international noch wenig beachtet wurde (mittlerweile gibt es durch mehrere neue Festivals in arabischen Ländern insgesamt mehr Aufmerksamkeit: Dubai fand jüngst erst zum fünften Mal statt, mit Hilfe von Robert de Niro wurde das Filmfestival von Doha in Katar gegründet und seit 2001 gibt es auch eins in Marrakesch.)
Wenn man längere Zeit in Kairo lebt, entwickelt man ganz automatisch einen riesigen Hunger nach Filmen. Natürlich gibt es dort jede Menge Kinos, die wir auch häufig besuchten. Aber die Programmauswahl an internationalen Filmen war sehr begrenzt. Ghost – Nachricht von Sam lief damals und die Bruce-Lee-Story, oder Stallones Demolition Man. Auch Jurassic Park, allerdings wurden einige blutige Szenen herausgeschnitten, was wegen der dadurch entstandenen Sprünge deutlich zu sehen war. Der Zensor sorgt selbstredend auch dafür, dass viele Filme mit anstößigem Inhalt erst gar nicht groß anlaufen. Ein unmoralisches Angebot, jener Film, in dem Demi Moore für eine Million Dollar mit Robert Redford schläft, sahen wir in einem kleinen Kulturzentrum in Garden City auf Video; das Publikum bestand aus knapp einem Dutzend Mitglieder dieses Filmclubs in einer der besseren Gegenden von Kairo.
Unsere ägyptischen Freunde damals hießen Ahmed und Ahmed. Ahmed und Ahmed studierten Deutsch mit der Karriereperspektive Fremdenführer und sahen uns als willkommene Objekte zur Vertiefung des Gelernten. Was bedeutete, dass sie uns mit grammatischen Fragen löcherten und, quasi zum Ausgleich, ausufernde Stichwort-Monologe über Geschichte und Sehenswürdigkeiten Ägyptens zum Besten gaben. Manchmal, wenn wir nicht zu Hause waren oder, noch erschöpft vom letzten Besuch einen Tag zuvor, nicht auf das Klingeln reagierten, hinterließen sie Zettel an unserer Tür, auf denen dann, lustigerweise auf englisch, Dinge standen wie “Friends for ever” (sic!).
Ahmed, der uns schon mehrmals um den Tausch von Playboy-Heften gebeten hatte und nicht glauben wollte, dass wir keine dabei hatten (womit er in der Tat Recht hatte; sagen wir, es war eine Notlüge unsererseits), Ahmed nun machte uns eines Tages auf das Kairoer Filmfestival aufmerksam. Also fuhren wir in diesem November, der auch in Ägypten schon empfindlich kalt werden kann, jeden Abend mit dem Taxi von Zamalek zur Talat-Harb-Straße und nahmen die Kinokarten, die wir kriegen konnten. Ähnlich wie in Berlin ist das Kairoer Filmfestival auch ein Fest für die Bevölkerung, die das Angebot ausführlich nutzt. Aus Gründen, die nicht immer mit der Liebe zur Cinephilie zu tun haben. Als wir aus unserer ersten Vorstellung kamen, hatte ich ein paar Fragen an unsere Freunde.
“Es ist so”, erklärte Ahmed, “dass bei diesem Festival der Zensor nichts zu sagen hat.”
“Warum?”
“Weil”, antwortete der andere Ahmed, “es sich um eine künstlerische Veranstaltung handelt. Und deshalb gibt es Szenen zu sehen, die man hier sonst nicht sieht.”
“Ich verstehe.”
Er grinste, während er zwei Stücke Zucker in seinen Chai plumpsen ließ und langsam umrührte. Ich grinste zurück. “Habt ihr noch ein paar mehr Filme ausgesucht?”
Ahmed, nun wieder der erste, fing auch an zu grinsen. Das hatten sie in der Tat.
Ägypten ist keine cinematographische Wüste. Das Land hat die größte Filmindustrie der arabischen Welt, hat einen Komiker wie Adel Imam und einen Regisseur wie Youssef Chahine und einen Schauspieler wie Omar Sharif hervorgebracht. Die halb aus ägyptischem Dialekt, halb aus Fusha bestehende Kunstsprache der ägyptischen Filme wird vom Maghreb bis nach Syrien verstanden. Aber natürlich unterliegt diese enorme Filmproduktion den Regeln der äußerst konservativen arabischen Gesellschaften. Es ist zum Beispiel zweifelhaft, ob jemals ein Film von Catherine Breillat auf das Filmfestival von Kairo eingeladen werden könnte. Was es dort aber durchaus gab, und was Ahmed und Ahmed genauso wie wir unbedingt sehen wollten, waren amerikanische Filme, die aber – und hier liegt die Crux – gar nicht so freizügig sind, wie man es sich erhofft, wenn man in Kairo lebt. Sondern die ja ihrerseits eine ganz eigene Erfahrung mit Zensur und Prüderie entwickelt haben, und deren Filmsprache auch Jahrzehnte nach dem Hays Code oftmals noch von diesem beeinflusst ist.
Mir sind vor allem zwei Vorführungen aus diesem Winter 1993 in Erinnerung geblieben. Nicht, weil die Filme besonders gut gewesen wären (das waren sie nicht), sondern wegen der bereits erwähnten Reaktion des Publikums. In The Hot Spot, einem Film mit Don Johnson als gefährlicher Loner, der eine Kleinstadt aufmischt und von der Frau seines Bosses manipuliert wird, sitzt Virginia Madsen auf dem Badewannenrand und rasiert sich die Beine. Wohaa, ein Raunen geht durch die Menge, neben mir raschelt jemand nervös mit seiner Pistazientüte.
Der zweite Film war Ruby, an den sich heute kaum noch jemand erinnert. Er erzählt die Geschichte des Nachtclubbesitzers Jack Ruby, der den Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald erschoss. Nachtclubbesitzer? Oh ja, viele Szenen spielen im Club der Hauptfigur, und in diesem Club – es sind die 60-er Jahre – gibt es Striptease-Tänzerinnen.
Nur leider zeigten die nichts, weil die Kameraposition so geschickt wie gemein gewählt war. Die (männlichen) Zuschauer stöhnten jedesmal auf, wenn an einer entscheidenden Stelle des Tanzes ein Schnitt oder ein Schwenk folgte, der die Einlösung eines gemachten Versprechens verhinderte. Manche saßen buchstäblich auf der Kante ihres Stuhls, wie ein westliches Publikum bei einem sehr, sehr gut gemachten Cliffhanger. Nur leider ohne die dazugehörige Erlösung. Oder wie man das als westdeutscher 14-Jähriger vielleicht getan hat, wenn im Fernsehen Das Gänseblümchen wird entblättert mit Brigitte Bardot lief. Während der gesamten Auszieh-Szenen war nichts, aber auch gar nichts zu sehen außer ein bisschen Bein und das Gesicht der Frau bis sehr knapp unter den Schultern.
Die alte, leider aussterbende Kunst des Striptease, die ja früher im Gegensatz zu heute mehr Tease als Strip war, hier kam sie noch einmal zu voller Wirkung. Und bei diesem Gedanken, als ich mit einer Zigarette der Marke “Kleopatra” in der Hand auf die von Motorknattern, dampfenden Fetten, Buchverkaufsständen, mit Mopeds, Autos und Fußgängern verstopfte Straße trat, beneidete ich die arabischen Männer ein wenig um ihre leichte Erregbarkeit. Aber nur ein wenig. Ahmed und Ahmed, die neben mir auf dem Bürgersteig standen und ebenfalls rauchten, hatten ihre Enttäuschung bereits überwunden und studierten erneut eifrig das Festivalprogramm.
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