- Wegen Anna Karina.
- Wegen der Jukebox-Szene, die, je nach Lesart, inmitten einer turbulenten Liebesbeziehung fast einer Beleidigung des Regisseurs für die Karina – seinen Star und seine spätere Ehefrau – gleichkommt. Sie sitzt mit Belmondo in einem Café, er wirft auf ihren Wunsch eine Münze in die Jukebox und spielt Charles Aznavour: Tu t’laisses aller (davon gab es auch eine deutsche Version unter dem Titel „Du lässt Dich gehen“). Darin beschimpft Aznavour seine Frau als biestig, dick, unattraktiv, desinteressiert und langweilig. Godard lässt das ganze Lied ausspielen (drei Minuten und vierzig Sekunden) und schneidet dazu immer wieder auf Karina, die ein Foto ansieht, auf dem ihr Mann mit einer anderen Frau zu sehen ist. Selten war eine Musikuntermalung ein so direkter Ausdruck des Seelenlebens. (Das Lied selbst ist übrigens auch toll.):
- Weil es ein absurdes Striptease-Lokal wie das, in dem Angela arbeitet, leider nicht mehr gibt: Eine knappe Handvoll gelangweilter Männer in einer länglichen Halle an Tischen mit karierten Decken, und dazwischen laufen die Mädchen auf und ab und singen ein Lied, während sie sich ausziehen. Und Angela nimmt diesen Job so ernst wie eine Künstlerin ihre Werke.
- Überhaupt diese Dekonstruktion des Striptease!
- Weil Godard die Regeln und Konventionen der geliebten Hollywood-Musicals durch den Schredder gedreht hat – zum Beispiel, indem er zwischendurch immer wieder die Musik einfach abdreht –, dennoch ständig auf sie anspielt und gleich mit dem nächsten Schnitt unverrichteter Dinge weiterzieht:
- Weil es hier noch richtig Spaß macht, einen Godard-Film zu gucken und man ihn auch problemlos Leuten vorführen kann, die sonst schnell „Hilfe, Filmkunst!“ schreien und fortrennen.
- Weil – bei aller gewollten Künstlichkeit – die Geschichte des Paares doch berührt.
- Die Szene, in der Anna Karina und Jean-Claude Brialy wegen eines Streits nicht mehr miteinander reden und sich mithilfe von Buchtiteln aus dem Regal Beleidigungen an den Kopf werfen.
- Die Art, wie Brialy auf dem Weg zum Bücherregal die Stehlampe schultert (und wie er im Wohnzimmer Fahrrad fährt).
- Wegen des Wortspiels am Schluss, das in der deutschen Synchronisation verloren geht: „Angela, tu es infâme!“ – „Non, je ne suis pas infâme, je suis une femme!“ („Angela, du bist infam!“ – „Nein, ich bin eine Frau!“)
- Weil es die einzige Geschichte ist, die man sogar einem Toten glaubt. Oder zumindest die erste war, die von einem Toten erzählt wurde. Und was für eine lebendige Geschichte das ist!
- Wegen der Dialoge: „Your’re Norma Desmond. You used to be in silent pictures. You used to be big!“ – „I am big. It’s the pictures that got small.“ Oder: „There’s nothing else. Just us, the cameras and all you wonderful people in the dark. And now, Mr DeMille, I’m ready for my close-up.“
- Weil es ein Film über die Liebe zum Film ist.
- Aber auch eine Abrechnung mit den Arbeitsbedingungen in Hollywood.
- Weil man am Gesicht von Gloria Swanson sehen kann, welch mimische Kunst mit der Erfindung des Tonfilms verloren gegangen ist:
- Die Art, wie Norma Desmond Zigaretten raucht. Nicht mit einer herkömmlichen Zigarettenspitze, oh nein. In einem Ring an ihrem Finger.
- Weil es heute Menschen gibt, die Norma Desmond für eine reale Person halten.
- Nancy Olsen als clevere und kreative Betty Schaefer, die sich – auch damals war Hollywood schon wahnsinnig – die Nase hat richten lassen, um Schauspielerin zu werden. Aus Betty wurde mit hübscher Nase eine Drehbuchautorin; Nancy Olsen verschwand leider bald im Fernsehen.
- Wegen der würdevollen Auftritte von Erich von Stroheim und Buster Keaton.
- Die Hasstirade auf den Tonfilm:
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Warum Rio Bravo (Howard Hawks, 1959) ein großartiger Film ist
3. Dezember 2008
- Wie Dean Martin als trunksüchtiger Hilfssherrif ein Glas Whisky in die Flasche zurückschüttet, natürlich ohne zu zittern.
- Die Männer-WG mit John Wayne als kaffetrinkendem Herbergsvater, der milde auf seine Schützlinge blickt.
- Walter Brennan als Stumpy
- Die Beine von Angie Dickinson in der letzten Szene und ganz grundsätzlich, wie sie die Hände auf ihre Hüften stützt.

You talkin' to me? Angie Dickinson lässt sich von John Wayne nichts vorschreiben. Bild: SZ-Cinemathek
- Angie Dickinson schüttelt bloß den Kopf, als John Wayne sie fragt ob sie bereut, angesichts all des Ärgers und der Gefahr, die Stadt nicht schon längst verlassen zu haben.
- Die Dialoge: „Ich dachte, du würdest es mir nie sagen.“ „Was sagen?“ „Dass du mich liebst.“ „Ich sagte, ich würde dich verhaften.“ „Oh, das ist dasselbe, und das weißt du.“
- Die Haltung, in der John Wayne die Hüfte vorbeugt und das Gewehr wie ein Baby im Arm hält.
- Weil es nicht um Handlung geht, sondern um einen Zustand.
- Weil es – trotz zweier weiblicher Rollen – der komplementäre Film zu George Cukors The Women ist.
- „My Rifle, My Pony and Me“:
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