Als Kulturstaatsminister Neumann ganz am Ende der Veranstaltung, als es um den letzten, wichtigsten Preis ging, den nämlich für den besten deutschen Film, als er da so hölzern wie voller Überzeugung erklärte, jetzt werde es spannend – da hatte Das weiße Band bereits neun Lolas gewonnen. Die Beantwortung der Frage, welcher Name nun, in Anwesenheit von Angela Merkel in einem irgendwie rot-orange-fleischfarbenen Jacket, aus dem Umschlag gezogen würde, war also ungefähr so spannend wie eine Doppelfolge Marienhof. Immerhin bekam man so einen Eindruck davon, was Neumann so im Allgemeinen aufregend findet. Abgesehen von Zahlen, also Einspielergebnissen, Marktanteilen, Arbeitsplätzen, Exportchancen, über die er ja sonst so gerne redet.
A propos reden: Barbara Schöneberger hatte ein so furchtbares Kleid an, dass sie unendlich lange über ihre Schwangerschaft parlieren musste, möglicherweise waren auch die Hormone daran Schuld. Wenn es in ihren Moderationen um Kino ging, dann in Form eines verunglückten Witzes über die Berliner Schule, der irgendwie darauf hinauslief, dass es in Filmen dieser Art keine Handlung gebe, was ja mal nun Quatsch ist.
Originell war der Auftritt von Jan Josef Liefers, der den Preis für das beste Maskenbild ansagte – verkleidet als Notarzt. Während der Ansprache ließ er die Maske fallen (man hatte ihn natürlich längst erkannt, aber es zählt die Idee). Burghart Klaußner (bester Schauspieler für Das weiße Band) reimte, und Sibel Kekilli, die als beste Schauspielerin für ihre Rolle in Die Fremde gewann, stürmte barfuß auf die Bühne, wo sie eine Stellenanzeige aufgab. Da war sie also, eine begabte, junge, attraktive Schauspielerin, mehrfach preisgekrönt, auf der Suche nach Beschäftigung. “Ich will arbeiten”, rief sie in den Saal, und dass sie gute Stoffe suche. Für einen Moment lugte da die Realität in den Glamour-Abend und man stellte sich die Frage, wie es Frau Kekilli in den sechs Jahren zwischen Gegen die Wand und Die Fremde ergangen ist, nach Porno-Outing und einigen kleineren Rollen.
Gute Stoffe, ja, die suchen alle. Hans-Christian Schmid hat für Sturm einen der interessantesten Stoffe des letzten Jahres gefunden und erhielt dafür die Lola in Silber. Er dankte mit einem schönen Karl-Valentin-Zitat: “Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.” Bernd Eichinger sucht auch gute Stoffe, natürlich, und macht sich auch viel Arbeit. Verwertbare Stoffe, massentauglich, aber was solls: Auch das ist Film (Herr Neumann lässt grüßen), und der Preis für das Lebenswerk, der Eichinger nach einer stellenweise geistreichen Doppel-Laudatio von Senta Berger und Günter Rohrbach überreicht wurde, geht mehr als in Ordnung.
Dass der von ihm produzierte Film Die Päpstin bei vier Nominierungen keinen einzigen Preis erhalten hat, wird der sonst in diesen Dingen empfindliche Eichinger an diesem Tag ausnahmsweise verschmerzt haben. Denn mit fast zweieinhalb Millionen Zuschauern war er allemal erfolgreicher als der große Gewinner des Abends. Das Weiße Band, der dann also – die Spannung sei hiermit aufgelöst – auch noch die zehnte Lola des Abends bekam, steht auf der Liste der Kassenerfolge des Jahres 2009 auf Platz 63, mit immerhin gut einer halben Million Zuschauer.
Der Durchmarsch für Michael Haneke führt leider dazu, dass manch anderer Film am Wege liegenbleibt. So großartig Das weiße Band auch sein mag, dass Maren Ades Alle Anderen (Platz 113 der Charts, genau 193.476 Zuschauer) völlig leer ausging, trotz drei Nominierungen, ist unverzeihlich. Und dass Birgit Minichmayr die Lola als beste Schauspielerin mindestens so verdient hätte wie Sibel Kekilli, sollte an dieser Stelle noch einmal erwähnt werden. Aber Alle Anderen ist dann doch bloß Berliner Schule, und da gibt es ja keine Handlung. Und Spannung schon gar nicht.
Seufz.
- Wegen seiner prophetischen Qualitäten. Zitat Johnny Case, gespielt von Cary Grant: “When I find myself in a position like this, I ask myself what would General Motors do? And then I do the opposite!”
- Wegen der Art, in der Katherine Hepburn, Zigarette im Mundwinkel, “Bis zum Hals!” sagt (“To the neck!”):
- Wegen dem “5th Avenue Anti Stuffed Shirt Club”
- Wegen Nick und Susan, den von Edward Everett Horton und Jean Dixon gespielten Freunden von Johnny, witzigen und wundervollen Menschen, ein herrlich nonkonformistisches Ehepaar.
- Weil Cary Grant endlich einmal zeigen konnte, dass er ein Akrobat ist.
- Weil ein Flic-Flac alle Sorgen vertreibt.
- Jemals auf einer schrecklichen Party gewesen und dann entdeckt, dass der Spaß bei den verfemten Rauchern auf dem Balkon oder bei den Zusammengewürfelten in der Küche stattfindet? Mindestens den halben Film lang geht es genau darum (die ersten fünf Minuten des Ausschnitts reichen. Bitte auch auf den Hitler-Subtext achten):
- Wegen Lew Ayres, den man in seiner Hauptrolle als Soldat Paul Bäumer in Im Westen nichts Neues (1931) kennt. Hier spielt er den vom Vater in seiner künstlerischen Natur unterdrückten, nihilistischen, alkoholkranken Bruder. In einer der schönsten Szenen lässt Katherine Hepburn sich von ihm erklären, wie man seinen Kummer in Champagner ertränkt.
- Wegen der aus heutiger Sicht schon fast an die Hippiezeit erinnernde Einstellung zum Leben, der hemmungslosen Regression in die Kindheit und dem “Play Room”:
- Wegen Katherine Hepburns atemberaubend vorgetragenem Liebesbekenntnis: “If he wants to come back and sell peanuts, how I’ll believe in those peanuts!”
(Screenshots: DVD von Sony Pictures Home Entertainment)
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Holiday in der Internet Movie Database
Frühere Folgen:
Une femme est une femme
Sunset Boulevard
Rio Bravo
Frohe Ostern
1. April 2010
Bing Crosby in Holiday Inn (Mark Sandrich, 1942). Song von Irving Berlin.

