100 Jahre Kurosawa
23. März 2010
Nur zwei Beispiele, eins aus der frühen, eins aus der späten Phase. Mit Stray Dog (1949) legt Kurosawa einen waschechten Film Noir vor:
In diesen spannungsgeladenen fünfeinhalb Minuten hat der Kommissar den Bösewicht in einem Hotel aufgespürt (aber, wie das ja oft ist, der Bösewicht kriegt das noch rechtzeitig spitz). Die Szene ist nahezu perfekt, gleichzeitig expressiv und realistisch und erzeugt einen starken atmosphärischen Sog – woran der für Kurosawa so typische, durch die gesamte Szene prasselnde Regen seinen Anteil hat (es gibt aus diesem Film noch eine andere großartige Szene, am Schluss, wenn Toshiru Mifune den Mörder stellt; eine Verfolgungsjagd mit Mozart-Klaviermusik, die aus einem Haus leise erklingt, ein Blutstropfen, der auf eine Blume fällt … solche Bilder sind mir noch in Erinnerung, ich habe aber keinen Zugriff auf den Film und muss nehmen, was Youtube bietet).
Das zweite Beispiel ist nur 80 Sekunden kurz, stammt aus dem Anfang von Kagemusha – Der Schatten des Kriegers (1980) und bringt auf den Punkt, was die Farbfilme Kurosawas ausmacht: eine hochentwickelte Künstlichkeit nämlich, eine gemalte Leinwand, eine auf die Spitze getriebene optische Orchestrierung (die es freilich bei ihm immer schon gab, Realist war er wohl nie). Ein Bote – wir befinden uns jetzt in einem Samurai-Film, dem Genre, für das der Regisseur im Westen vor allem bekannt ist – rennt durch die Gänge einer Burg, entlang in verschiedenen Farben gekleideter Soldaten, die ruhend am Rand des Weges liegen und parallel zur Vorwärtsbewegung des Boten wie in einem umgekehrten Dominospiel aufstehen:
Kurosawa-Retro Ende Mai auf dem Japanischen Filmfest Hamburg
Würdigung zum 100. Geburtstag in der Frankfurter Rundschau
Weitere Würdigungen in (nicht nur) deutschen Medien, gesammelt von der Filmkunst-Cinethek in Berlin-Friedrichshain.
Der Guardian mit Ausschnitten aus zehn essentiellen Kurosawa-Filmen.
“It’s like going to church” – Cinephilie der Zukunft
14. März 2010
Unter dem Titel “Nobody Wants to Watch Your Film – Realities of Online Film Distribution” fand gestern auf dem SXSW-Festival in Austin, Texas, eine Diskussion mit Efe Cakarel (The Auteurs), Graham Leggat (San Francisco Film Society) Peter Becker (The Criterion Collection) und Sara Pollack (YouTube) statt.
Eine sehr ausführliche Zusammenfassung der Diskussion ist im Magnet Media Blog nachzulesen.
Es ging dabei, natürlich, vor allem ums Geld. Dass niemand die Filme online sehen will, stimmt ja nicht. Es zahlt nur kaum jemand dafür. Cakarel z.B., zeigt sich sehr enttäuscht darüber, wie wenig die auf theauteurs.com gegen ein okayes Entgelt in guter Qualität angebotenen Filme tatsächlich angeschaut werden. In der Diskussion wurden leider keine Zahlen genannt, aber die Teilnehmer widersprachen immerhin dem Pessimismus in der Titelzeile. Becker vom DVD-Label Criterion berichtet immerhin, dass die über eine Kooperation mit Hulu.com erzielten Einnahmen nicht unerheblich seien. Sara Pollack spricht ihrerseits über einigermaßen positive Erfahrungen mit dem Filmemacher-Kanal von Youtube. Nicht diskutiert wurde das aus europäischer Sicht leidigste Thema, dass nämlich wegen der komplizierten internationalen Rechtevergabe viele Filme dieses Kanals (und so ziemlich alles bei Hulu) hierzulande nicht zugänglich sind.
Die Distribution über das Internet wurde auf dem Panel vor allem als Ergänzung zu bisherigen Modellen betrachtet. Damit man nicht mehr ein halbes Jahr oder länger auf den Cannes-Gewinner warten muss, oder um in ländlichen Gegenden überhaupt wichtige Filme sehen zu können. Auf die Kinokultur soll sich das angeblich nicht auswirken, wie Graham Leggat meint:
“You could be making dinner every night, but you go to restaurants. You could be listening to your stereo but you still go to concerts. I don’t think – for cinephiles – that the theatre-going experience is going to change much. It’s like going to church.”
Jemand möge bitte eine Statistik heraussuchen und untermauern, was ich jetzt schreibe: The Hurt Locker ist der kommerziell am wenigsten erfolgreiche Film, der jemals einen Academy Award in der Kategorie best motion picture gewonnen hat. In Deutschland hatte er rund 55.000 Zuschauer, in den USA lief es auch nicht viel besser. Weltweit spielte er etwas mehr als 21 Millionen Dollar ein, bei Produktionskosten von 15 Millionen. Vielleicht klingt das nicht in jedem Ohr so, aber das ist wirklich ziemlich wenig.
Selten zeigte sich die vielbeschworene Distanz zwischen Publikum und Kritikern so deutlich wie hier; für letztere war Tödliches Kommando (so der deutsche Verleihtitel, was Sie womöglich gar nicht wissen, weil der Film im vergangenen Herbst im Kino ziemlich unterging) schnell ein Liebling.
Das Publikum aber wurde nicht warm damit, und zwar, wie ich glaube, aus verschiedenen Gründen. Am vergangenen Wochenende habe ich einem Dutzend Freunde einige der nominierten Filme gezeigt, darunter auch Hurt Locker. Er war der von allen am wenigsten geliebte Teil des triple features. Ich bin sicher, dass das wenige wundern wird, und dabei habe ich noch gar nicht verraten, dass einer der drei Filme The Blind Side mit Sandra Bullock war (der dritte war Up, den natürlich jeder mag).
Wirklich interessant wird es, wenn man sich die Gründe für die Unbeliebtheit von The Hurt Locker ansieht und sie vergleicht mit der Würdigung seiner künstlerischen und technischen Verdienste. Einige meiner Gäste bemängelten, er lasse durch seine elliptische Erzählhaltung keine Beziehung zu den Protagonisten entstehen (und der Film gewann den Oscar für das beste Drehbuch), anderen war er viel zu laut (und der Film gewann beide Oscars für den besten Ton). Wieder andere mochten die ruckartige Inszenierung nicht (und der Film gewann den Oscar für den besten Schnitt).
Einige vermeinten sogar eine Art Rekrutierungsvideo für den Irak-Einsatz der USA zu erkennen, ein Gedanke, der mir selbst im Entferntesten nicht gekommen wäre. Dass Bigelow ihren Film in der Dankesrede den Frauen und Männern des US-Militärs im Irak, in Afghanistan “und in der ganzen Welt” widmete, die “täglich ihr Leben riskieren” und gesund nach Hause zurückkehren mögen – geschenkt. Gewiss, das klingt nicht wie Michael Moores “Shame on you, Mr. Bush”. Diesen über alle Maßen nüchternen Film aber patriotisch zu nennen, wäre sicher verfehlt.
Bewegt Hollywood sich also, wie zurzeit häufig zu lesen ist, weg vom Blockbuster–Bombast? Bedeutet dieser Ausgang – der kleine Hurt Locker gewinnt gegen den großen Avatar – dass Geld, wie die FAZ schreibt, nicht mehr alles ist? Dass eine moderne Interpretation klassischer Tugenden des Filmemachens en vogue ist? Ein Blick auf das Kinoprogramm schützt vor solchen Hoffnungen. Aber die Entscheidung “für den richtigen Film” steht in so auffälligem Kontrast zu der vom vergangenen Jahr, dass man doch geneigt ist, darin wenigstens ein ganz kleines bisschen herumzudeuten. 2009 gewann Slumdog Millionaire, der in seiner filmischen Form fast das genaue Gegenteil von The Hurt Locker ist. Die Zuschauer in meinem Wohnzimmer waren im vergangenen Jahr schon nach zehn Minuten Fans von Danny Boyles Film. Geld war bei Slumdog auch nicht alles, es handelte sich ebenfalls um eine verhältnismäßig kleine Produktion. Aber Geld war eben auch nicht ganz egal, denn an der Kasse war er ein Über-Hit. Ebenso wie übrigens Oliver Stones Platoon, der letzte zu Oscar-Ehren gekommene Film über einen amerikanischen Krieg, damals, 1987.
Die 82. Oscar-Verleihung markiert deshalb nicht so sehr eine Abkehr von Multimillionendollar-Produktionen, die hat schon Slumdog markiert. Mit dem Preis für The Hurt Locker kommt vielmehr nun noch das Selbstbewusstsein des Handwerks gegenüber den Buchhaltern der Industrie zum Tragen.
- Den Verlauf der Oscar-Nacht kann man als kollektiven Twitter-Bericht bei Peter Noster nachlesen. Ein Fazit der Verleihung ziehen Moviezkult, Equilibrium, Duzy Blazk, Thomas Hunziker und nochmal Peter Noster.
- Die Liste aller Gewinner und Nominierten bei oscars.org.
- Dankesreden der Gewinner (mit vorgeschalteter Werbung). Kathryn Bigelows Dankesrede. Sehr schön auch: Sandra Bullock als beste Hauptdarstellerin.