Alles, was Sie über die Oscar-Kandidaten wissen müssen
28. Februar 2010
In der Nacht vom 7. auf den 8. März werden die Oscars verliehen. Im Folgenden kurze Betrachtungen zu den zehn in der Kategorie Bester Film Nominierten:
The Blind Side
Als Sandra Bullock für ihre Rolle als sozial engagierte bible-belt-Mutter kürzlich mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde, gab es ziemlich viel Häme. Ganz zu unrecht, denn sie macht ihre Sache wirklich gut. Die Haare blond, die Garderobe reich-republikanisch-geschmacklos, das Herz auf dem rechten Fleck, nimmt sie gegen alle Wahrscheinlichkeit einen schwarzen Jungen von der anderen Seite der Stadt (Memphis, Tennessee) in ihre Familie auf. Der schafft es dann vom Underdog zum Sportstar. Klingt wie ein Märchen, ist aber eine wahre Geschichte. Bullock gibt die erzkonservative Frau mit einer beeindruckenden Durchsetzungsfähigkeit, sozusagen als pitbull mit Lippenstift, und macht aus ihr eine positive Version von Sarah Palin. Der vollkommen konventionelle, aber auch sehr unterhaltsame Film spielt in einem Milieu, das sonst vom klassischerweise liberalen Hollywood eher als Feindbild genutzt wird – hier aber mag man diese Familie richtig gern. Oscar-Chancen: Gering, aber Sandra Bullock hat gute Aussichten, beste weibliche Hauptdarstellerin zu werden. (deutscher Start: 18. März)
Precious – Based on the Novel Push by Sapphire
Das Gegenstück zu The Blind Side. Wieder geht es um benachteiligte schwarze Jugend, wieder gibt es engagierte Erwachsene, die helfen. Aber wie weit weg ist dies hier von dem Hochglanz-Samaritertum des Sandra-Bullock-Vehikels! Debütantin Gabourey Sidibe spielt in einer spektakulären Vorstellung ein schrecklich dickes und schrecklich missbrauchtes 16-jähriges Mädchen namens Precious, das zum zweiten Mal von seinem Vater schwanger ist und von einer hasserfüllten Mutter (mit Mut zum Monströsen: Mo’Nique) gequält wird. Auch hier folgt eine Geschichte von Selbstbehauptung, aber strikt als Teil eines realistischen Dramas, rau und vollkommen ohne Sentimentalität. Oscar-Chancen: nur mittel, weil der Film eine für die Academy sehr untypische Wahl wäre. Mo’Nique könnte die beste weibliche Nebenrolle gewinnen. (deutscher Start: 25. März)
Up in the Air
Der George-Clooney-Film des Jahres. Sein verschmitztes Spiel und Jason Reitmans gewitzte Inszenierung sind hier die entscheidenden Kriterien, nicht so sehr die in der Geschichte angedeutete Kapitalismuskritik. Die ist zwar treffend und mit der semi-dokumentarischen Verwendung von tatsächlich gefeuerten Laienschauspielern auch interessant umgesetzt, gerät aber im Verlauf des Films immer weiter in den Hintergrund. Clooneys ultra-neoliberaler Job – er verdient sein Geld damit, Leute zu feuern – ist nicht viel mehr als eine Metapher für seinen Lebensstil: Bindungsunfähigkeit als Ideologie, die dem reality-check dann doch nicht standhält. Letzten Endes geht es in Up in the Air mehr um Familie und weniger um Finanzmärkte. Und trotz seines sexuellen Laissez-faire und seiner formalen Lockerheit ist der Film letztlich mindestens so konservativ wie The Blind Side (s.o.). Was nicht wirklich schlimm ist, denn als Publikumsbeglücker (ich habe in kaum einer Kinovorstellung dieses Jahr so viele Lacher gehört) mit Anspruch und Botschaft ist Up in the Air der richtige Film für einen netten Abend mit klugen Freunden. Oscar-Chancen: mittel. Beim Schauspieler-Oscar dürfte Clooney keine Chance gegen Jeff Bridges in Crazy Heart haben.
Inglourious Basterds
Ein in jeder Hinsicht großartiger Film: Noch ein Publikumsbeglücker, aber – anders als Up in the Air – einer, der nicht nur mit den Regeln Hollywoods souverän spielt, sondern der all diese Regeln geflissentlich ignoriert und eine 25 Minuten lange Szene enthält, die die Handlung keinen Deut weiterbringt, die aber zu den Höhepunkten der letzten Jahre zählt (natürlich die Kneipenszene). Es gibt noch andere Gründe, von diesem Film begeistert zu sein. Das schnappende Geräusch zum Beispiel, mit dem in der Aschenputtel-Szene zwischen Christoph Waltz und Diane Kruger der am Tatort gefundene Schuh den Fuß der Schauspielerin umschließt (was ihrem Todesurteil gleichkommt). Oder das Ernst-Lubitsch-Feeling, das sich einstellt, wenn man Michael Fassbender und August Diehl sich mit falscher Freundlichkeit anlachen sieht und hört. Oscar-Chancen: mittel bis gering. Wie schon damals bei Pulp Fiction, der 1994 gegen Forrest Gump verlor, ist Tarantino viel zu innovativ für die Academy. Christoph Waltz wird aber auf jeden Fall in der Kategorie Bester Nebendarsteller gewinnen. Oder der Himmel stürzt ein.
Oben
Ein ganz wunderbarer Film, und erst der zweite Trickfilm überhaupt, der in der Kategorie Best Picture nominiert worden ist (der andere war Beauty and the Beast, 1991). Die vier Minuten und vierzehn Sekunden dauernde Sequenz über das Eheleben von Carl und Ellie ist so ziemlich das Herzzerreißendste, das im vergangenen Jahr im Kino zu sehen war. Einen alten Mann zum Helden der Geschichte zu machen, ist für sich schon eine Heldentat. Pixar, man kann es nicht oft genug sagen, ist eine Wunder-Werkstatt. Kaum zu glauben, dass es immer noch Erwachsene gibt, die grundsätzlich keine Animationsfilme ansehen. Oscar-Chancen: gering, es ist dann doch nur ein Trickfilm, und für solche gibt es ja immer noch eine eigene Kategorie. In dieser dürfte Oben dann aber gewinnen und leider Coraline ausstechen, der mir – unter anderem wegen der handgemachten Stop-Motion-Technik – dann doch noch ein bisschen besser gefiel.
District 9
Wohl der Film, der hier am wenigsten zu suchen hat. Die quasi aus dem Nichts aufgetauchte südafrikanische Produktion über in einem Township eingesperrte Außerirdische klingt als Inhaltsangabe interessanter als in der dann ausgeführten Form. So lobenswert es ist, das Science-Fiction-Genre aufzumischen, indem man Themen wie die Apartheid aufgreift, mehr als ein interessantes B-Movie ist District 9 dann doch nicht. Und in der zweiten Hälfte ohnehin ganz herkömmliches Action-Kino. Oscar-Chancen: null
A Serious Man
Die Coen-Brüder haben den Oscar 2008 für No Country for Old Men gewonnen, ein Thriller und ein nahezu perfektes Genrestück. Für A Serious Man sind sie nun wieder nominiert. Die moderne Hiob-Geschichte treibt einen unbedarften jüdischen Physikprofessor von einem Schicksalsschlag in den nächsten und befasst sich dabei mit der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens. Wobei die Coens natürlich schon die Frage für absolut bescheuert halten, entsprechend mitleidlos und unbarmherzig blicken sie auf ihre Hauptfigur. Der Film ist an der Oberfläche eine originalgetreue Replikation jüdischen Lebens im Amerika der 60-er Jahre, was allein schon absolut sehenswert ist. Der nüchterne Blick auf die Existenz allerdings ist nicht jedermanns Sache, auch wenn das alles ziemlich lustig ist. In No Country for Old Men wurde die Geworfenheit der vom Schicksal gebeutelten Charaktere durch das Genregerüst aufgefangen, hier aber ist man der Unerbittlichkeit der Coens schutzlos ausgeliefert. Deshalb sind die Oscar-Chancen wohl eher gering.
The Hurt Locker
Kathryn Bigelows Irakkriegs-Drama über eine Truppe von Bombenentschärfern hatte in Deutschland lächerliche 55.000 Zuschauer. Das wird sich hoffentlich ändern, wenn der Film den Oscar gewinnt und er dann vielleicht noch einmal ins Kino gebracht wird (allerdings ist die DVD schon längst auf dem Markt). So intensiv und schweißtreibend hat man selten Männer bei der Arbeit gesehen wie in diesem workingplace-drama mit einem kriegsähnlichen Konflikt. Bigelow ist eine Action-Regisseurin, die hier so kühl inszeniert, dass man die Action fast gar nicht erkennt. Unvergesslich ist eine minutenlange Szene in der Wüste, während der die Soldaten in einen Hinterhalt geraten und sich in sengender Sonne gegen Scharfschützen wehren müssen. Stundenlanges Liegen und Starren durch ein Fernglas, hin und wieder ein Schuss und eine Leiche, und immer eine unsichtbare Bedrohung. Mit The Hurt Locker hat der Irakkrieg endlich einen adäquaten Film. Oscar-Chancen: hoch, zusammen mit Avatar hat er die meisten Nominierungen, insgesamt neun. Falls es mit dem Best-Picture-Preis nicht klappt, muss Bigelow wenigstens als beste Regisseurin gewinnen.
Avatar
Als ich aus einer der ersten Vorstellungen von Avatar in Köln kam, war mein Gedanke: Sehr beeindruckend, berührt mich aber überhaupt nicht. Das geht vielen Menschen anders, die erstaunlicherweise nicht so sehr die Technik bewundern, sondern den Naturverbundenheits-Mythos, der in James Camerons Film steckt wie in einer Stopfgans. Es bleibt aber auf jeden Fall festzuhalten, dass man solche Phantasie-Welten, auch noch in 3D, noch nie gesehen hat, und dass die gerade mal ein paar Jahre alten Herr-der-Ringe-Filme jetzt wirken wie auf einem Taschenrechner entworfen. Oscar-Chancen: sehr hoch.
An Education
Hochintelligentes, Cello spielendes Mädchen im England der 60-er Jahre leidet unter der Ignoranz ihrer Eltern, die Bildung nur als Vehikel fürs wirtschaftliche Vorwärtskommen betrachten. Dass Bildung aber auch mehr ist als der Weg zu ausschweifenden Partys, Existenzialisten-Attitüde und Reisen nach Paris, muss sie schmerzhaft lernen, als sie auf einen charmanten Hochstapler hereinfällt. Hauptdarstellerin Carey Mulligan ist eine Entdeckung, der Film der ehemaligen Dogma-Regisseurin Lone Scherf (“Italienisch für Anfänger”) gibt sich insgesamt zwar etwas arg nostalgisch, ist aber überzeugend inszeniert. Oscar-Chancen: angesichts der Konkurrenz eher gering; dass es außerdem noch eine Antisemitismus-Debatte über den Film gibt, dürfte auch nicht hilfreich sein.
Berlinale Nachlese 2010
24. Februar 2010
Gesehene Filme: 22
Davon Wettbewerb: 13
Herausgegangen aus: 2 (The Counting of the Damages, Forum; Welcome to the Rileys, Panorama)
Eingeschlafen in: 3 (Aisheen – Still Alive in Gaza, Forum; Mammuth, Wettbewerb; Der Tag des Spatzen, Forum)
Als herausragend in Erinnerung behalten: 4 Der Räuber (Heisenberg), Bal (Kaplanoglu), The Kids are Alright (Cholodenko), Im Schatten (Arslan), Metropolis (Lang)
Geärgert über: 2 (Submarino, Wettbewerb; Jud Süß – Film ohne Gewissen, Wettbewerb)
Für critic.de in Lang- oder Kurzform besprochen: 13
Oscars 2010: Was man noch sehen muss (und auch kann)
2. Februar 2010
Ein paar veränderte Regeln der US-Filmakademie – und wohl auch der Zufall – führen dazu, dass man dieses Jahr in Deutschland verhältnismäßig viele der nominierten Filme schon kennen kann.

In den USA auf Oscar-Kurs, in Deutschland noch völlig unbekannt: Precious: Based on the Novel Push by Sapphire
Von den zehn Filmen, deren Nominierung für den Academy Award als best picture heute bekanntgegeben wurden, sind acht bereits in Deutschland gelaufen oder laufen noch rechtzeitig vor der Verleihung an:
Avatar läuft schon längst und bricht auch hier den ein oder anderen Rekord.
The Hurt Locker lief tief verborgen im vergangenen Jahr mit leider nur knapp über 55.000 Besuchern. Die DVD/Blu-Ray ist erschienen und sei jedem ans Herz gelegt. Avatar und Hurt Locker (dt. Titel: Tödliches Kommando) liefern sich mit jeweils neun Nominierungen übrigens das spannendste Duell.)
Die Inglourious Basterds ziehen seit dem Sommer durch Deutschland und sind ebenfalls schon in die DVD-Verwertungskette eingetreten.
Das gleiche gilt für Oben, seit Beauty and the Beast (1991) erst der zweite Animationsfilm mit einer Nominierung als best picture
District 9 ist aus den Kinos bereits draußen und
A Serious Man ist gerade drin.
Up in the Air und An Education starten noch in diesem Monat (am 4. bzw. 18.2.)
Übrig bleiben nur The Blind Side mit Sandra Bullock, und Precious: Based on the Novel Push by Sapphire, die beide erst am 18. März nach Deutschland kommen, also gut zehn Tage nach der Oscar-Verleihung.
Nur zwanzig Prozent dieses Jahrgangs kann man also auf legalem Wege und ohne Flugticket oder Pressevorführung nicht kennen. Das ist recht erfreulich, denn gewohnt ist man anderes. Die Filme werden von den Produzenten oft erst spät ins Kino gebracht, damit sie zu Beginn der Awards Season noch gut im Gedächtnis sind; bis zum deutschen Starttermin dauert es dann oft zu lange. Hat die Erhöhung der Nominierungen von fünf auf zehn in diesem Jahr und der spätere Termin für die Oscar-Gala (März statt Februar) dazu beigetragen, dass man aus deutscher Sicht dieses Mal weniger ahnungslos zuschauen muss? Ja und nein.
Im vergangenen Jahr waren der Sieger Slumdog Millionaire und Der Vorleser erst nach der Verleihung zu sehen, Frost/Nixon, Milk und Benjamin Button kamen rechtzeitig ins Kino. Das sind 40 Prozent Unbekanntes, also doppelt so viel wie 2010. 2008 sah es noch schlimmer aus. Drei von fünf Filmen, darunter wieder der Sieger (No Country for Old Men), erzeugten hierzulande ahnungsloses Schulterzucken, das sind 60 Prozent. Anders als dieser Eindruck nahe legt, war das aber nicht die Regel. Nur ein Jahr zuvor, 2007, waren alle fünf Filme rechtzeitig angelaufen: The Departed, der Sieger, sogar fast drei Monate vor der Verleihung. 2006 war die Quote dann wieder zwei gegen drei. Und wenn man ganz weit zurückblicken will: 1976, als Einer flog über das Kuckucksnest zum besten Film gekürt wurde, musste das deutsche Publikum nur auf einen einzigen Konkurrenzfilm warten, auf den aber ein geschlagenes halbes Jahr: Stanley Kubricks Barry Lyndon.