(Dieser Text ist für Leute gedacht, die den Film schon kennen. Besonders unten, beim Szenenaufriss mit Längenangaben des gesamten Films, wird die Handlung in Stichworten nacherzählt.)

Ein Film, dessen erste Szene knapp 20 Minuten dauert, die vor allem mit zweisprachigem Dialog über leckere Milch und den Unterschied zwischen Falken und Ratten gefüllt werden? Dessen längste Szene diese Exposition sogar noch um fünf weitere Minuten übertrifft, aber am wenigsten von allen Szenen zum Fortgang der Handlung beiträgt? Ein Film, dessen titelgebende Charaktere ausgerechnet im kürzesten der fünf Kapitel im Mittelpunkt stehen?

Ja, das kann funktionieren, sehr gut sogar.

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Glenn Kenny hat Stendhals Die Kartause von Parma ins Spiel gebracht, um die mäandernde Erzählstruktur von Quentin Tarantinos Inglourious Basterds zu beschreiben, ein Vergleich, der sofort zündet: Bei der Lektüre des Buches fragt man sich, ähnlich wie bei diesem Film, warum einen das überhaupt fesselt, so wenig wie es sich um Handlungsaufbau und ordentliche Gewichtung kümmert. Stendhal lässt seinem Erzähldrang einfach freien Lauf, und auch Tarantino lässt sich nicht stoppen, auch dann nicht, wenn die Handlung jetzt aber mal langsam weitergehen müsste. (Einschränkend muss gesagt werden, dass Stendhal sein Buch, nach der jüngsten deutschen Ausgabe 650 Seiten lang, in gut 50 Tagen schrieb, während Tarantino mit seinem Film zehn Jahre lang schwanger gegangen sein soll.)

Es ist die (von einigen Kritikern als langweilig kritisierte) Struktur von Inglourious Basterds, die fesselt, weniger die heiß diskutierte Frage, ob jüdische Rachefilme koscher oder die Umschreibung der Geschichte erlaubt ist (eine komplett alberne Frage übrigens). Auch nicht der Kontrast zu Geschichtsfilmen wie Schindlers Liste oder Der Untergang ist interessant, denn das hier hat mit jenen so wenig gemein, dass ein Vergleich kaum lohnt.

Inglourious Basterds besteht aus ganzen fünfzehn Szenen (wenn man die beiden ersten Begegnungen von Daniel Brühl und Melanie Laurent jeweils einzeln zählt sind es sechzehn). Bei einer Laufzeit von mehr als 150 Minuten ist das lächerlich wenig. Tarantino stellt sich demonstrativ gegen die seit Jahrzehnten andauernde Entwicklung, die Szenen immer kürzer zu machen – und läuft mit Riesenschritten in die andere Richtung. Das geht über die Langsamkeit von, sagen wir, Jackie Brown (1997) noch einmal einen guten Schritt hinaus.

Von den 1930er bis 60er Jahren dauerten Szenen in amerikanischen Filmen durchschnittlich zwei bis vier Minuten, viele Szenen sogar noch länger. Heute sind Szenen von weniger als einer Minute durchaus üblich. David Bordwell zufolge weisen Drehbücher für Zwei-Stunden-Filme heute in der Regel vierzig bis sechzig Szenen auf. Inglourious Basterds, wie gesagt, großzügig gezählt, sechzehn. Bordwell schreibt in How Hollywood Tells It (University of California Press, 2006):

“Hawks and Hitchcock liked leisurely exposition, even when they employed dramatic curtain-raisers like the bar fight in Rio Bravo and the rooftop chase in Vertigo. The screenwriter for Family Plot (1976) objected to the rather large chunk of backstory laid out in the séance opening the movie, but Hitchcock stuck to it.”

Das Vergnügen, Tarantinos neuen Film zu sehen, liegt, so glaube ich, zu einem nicht unwesentlichen Teil darin begründet, dass sich hier jemand Zeit lässt und dem Zuschauer Gelegenheit gibt, sich in dem Film zu Hause zu fühlen. Wobei es etwas gibt, das Tarantinos Arbeitsweise von der z.B. Hitchcocks unterscheidet: Die Zeit, die er sich lässt, dient mitnichten der Darlegung von mehr oder weniger aufschlussreicher “backstory”, ja sie wird überhaupt nur zu einem äußerst geringen Teil verwendet, um Informationen zu transportieren. In dieser Exzessivität ist das bei keinem anderen Regisseur zu finden, aber auch z.B. der von Bordwell angeführte Rio Bravo von John Ford ist eher ein Film der Situationen, nicht der fortschreitenden Handlung. Ein Zustand eher als eine Entwicklung. In der Auflistung unten an diesem Artikel sieht man, dass die längste Szene von Inglourious Basterds, die großartigen 25 Minuten in der Kneipe, zugleich die mit der kürzesten Inhaltsbeschreibung ist: “Kneipenszene, die mit dem Tod aller außer von Frau von Hammersmark endet.” Eine solche Szene schreiben und drehen zu können, ohne die Geduld der Zuschauer auch nur eine Sekunde zu strapazieren, ist eine erstaunliche Gabe.

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(Bilder: Universal)

Natürlich gibt es noch andere Gründe, von diesem Film begeistert zu sein. Das schnappende Geräusch zum Beispiel, mit dem in der Aschenputtel-Szene zwischen Christoph Waltz und Diane Kruger der am Tatort gefundene Schuh den Fuß der Schauspielerin umschließt (was ihrem Todesurteil gleichkommt). Oder das Ernst-Lubitsch-Feeling, das sich einstellt, wenn man Michael Fassbender und August Diehl sich mit falscher Freundlichkeit anlachen sieht und hört. Das Lubitsch-Feeling auch bei den ganzen Spitznamen: Jew-Hunter, Bear-Jew, Aldo the Apache, The Little Man (“So they call me concentration camp Erhardt? Hahahahaha …”) Oder die elegante Kameraführung im letzten Kapitel, die den Premierengästen im Kinofoyer auf die Balustrade hinauf folgt und die Treppe herunter, und die sich – Fassbinder und Ballhaus lassen grüßen – um Landa und Bridget von Hammersmark dreht, als diese ihre blöde Erklärung für den Gipsfuß zum Besten gibt. Oder dass da mal nicht über Hamburger und Viertelpfünder oder irgendwelchen popkulturellen Kram geredet wird, sondern über G.W. Pabst, Leni Riefenstahl und die Weiße Hölle vom Piz Palü, und zwar so, dass es sich geschmeidig in die Handlung einfügt. Inglourious Basterds ist aus vielen Gründen ein herausragender Film, auch für jene, die – wie ich – ungern sehen wollen, wie Menschen skalpiert oder mit Baseballschlägern totgeschlagen werden.

In der ersten (ausverkauften) Vorstellung, die ich besuchte, gab es Applaus, als der Nachspann anfing. Tarantino hat also offenbar einen echten Publikumsbeglücker gedreht, indem er alle Regeln Hollywoods geflissentlich ignorierte.

Szenenaufriss und Längenangaben von Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009):

1. ONCE UPON A TIME IN NAZI-OCCUPIED FRANCE

19 Minuten

SS-Offizier Hans Landa (Christoph Waltz) verhört einen französischen Milchbauern in dessen Haus und lässt die unter dem Fußboden versteckten Juden erschießen. Ein Mädchen, Shosanna, entkommt.

2. INGLOURIOUS BASTERDS

16 Minuten

- Rekrutierung der Basterds durch Lt. Aldo Raine, also Brad Pitt (3 Minuten)

- Hitler beklagt sich über die Basterds (2 Minuten)

- Die Basterds in Aktion: erstes Bild zeigt Skalpierung, dann Verhör des Wehrmachtoffiziers (Richard Sammel) und dessen Ermordung mit dem Baseball-Schläger, dazwischen kurze Rückblende mit der Til-Schweiger-Episode (11 Minuten)

3. GERMAN NIGHT IN PARIS (4 years later)

26 Minuten

- Fredrick Zoller (Daniel Brühl) hofiert Shosanna, erst vor dem Kino, dann in einem Café (9 Minuten)

- Restaurant-Szene mit Goebbels, Brühl, Diehl, Shosanna und später Landa (die Apfelstrudel-Szene), zuvor wird kurz gezeigt, wie Shosanna von Diehl vor dem Kino abgeholt und zum Restaurant gebracht wird. (14 Minuten)

- kurze Szene im Kino, in der Shosanna und ihr schwarzer Geliebter beschließen, das Kino mit den Nazis abzubrennen, kurze Erklärung über Brennbarkeit der Filmkopien. (3 Minuten)

4. OPERATION KINO

42 Minuten

- Szene in England mit Michael Fassbender und Michael Myers, Operation Kino wird erläutert – Sprengung des Kinos mit den Nazis drin. Bridget von Hammersmark, deutscher Filmstar, als Kontakt und Doppelspionin wird erwähnt. (5 Minuten)

- Vorspiel zur Kneipenszene mit den Basterds und Fassbender, Sorge darüber, dass die Kneipe – der Treffpunkt mit Bridget von Hammersmark – in einem Keller liegt. (3 Minuten)

- Kneipenszene, die mit dem Tod aller außer von Frau von Hammersmark endet. (25 Minuten)

- Hammersmark verletzt im Lazarett, mit Aldo Raine. Leichte Umplanung für Operation Kino. Kurz dazwischengeschnitten: Hitler, der erklärt, bei der Filmpremiere dabei sein zu wollen. (7 Minuten)

- Landa am Tatort in der Kneipe (2 Minuten)

5. REVENGE OF THE GIANT FACE

44 Minuten

Der Premierenabend. Beginnt mit Schmink-Ritual Shosannas zu David Bowie, in Parallelmontage eine Rückblende zur Herstellung des Films mit dem “gigantischen Gesicht”. Weitere Parallelmontagen zwischen Kinofoyer, Kinosaal, Vorführraum, Raum hinter der Leinwand und zwei Verhörszenen, eine mit Landa und Hammersmark (“Aschenputtel-Szene”, endet mit ihrem Tod), eine mit Landa und Aldo Rain sowie einem weiteren Basterd (endet mit dem Deal zwischen Landa und der amerikanischen Heeresführung). Shosanna erschießt Fredrick Zoller, Fredrick Zoller erschießt Shosanna, zwei Basterds erschießen Hitler und Goebbels, der schwarze Filmvorführer steckt die Filmkopien an, das Kino brennt ab und explodiert. (40 Minuten)

- Der Epilog, die Übergabe im Wald: Aldo Raine erschießt Landas Fahrer und ritzt Landa ein Hakenkreuz in die Stirn. (4 Minuten)

(In einigen Szenen über den Film verteilt sind ultrakurze Momentaufnahmen zwischengeschnitten, z.B. Goebbels im Bett mit seiner Dolmetscherin oder die Basterds, die ein Nazi-Auto anhalten und die Insassen erschießen.)

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