Die Fünf-Minuten-Terrine aus Cannes
19. Mai 2009
Jetzt also doch: Auf der Webseite des Filmfestivals von Cannes kann man sich einen Tag nach der Premiere die ersten fünf Minuten von Ken Loachs Wettbewerbsbeitrag „Looking for Eric“ ansehen.
Loach ist der erste Regisseur, der diese Möglichkeit nutzt. Festivalpräsident Gilles Jacob hatte bei der Vorstellung des Programms vor über einem Monat angekündigt, den Filmemachern im Wettbewerb diese Plattform zu bieten – vor allem, um auch jüngere Leute zu interessieren:
„The idea is to present to the audience, and especially young audiences, the first 5 minutes of the film and not the usual typical trailer that extinguishes all desire. Was it Altman or Renoir, I forget, who said that the great artists are at their best in the first and last reel? Let’s hope that Internet users everywhere might drop their games and be tempted to rush to their nearest theatre to find out what happens next.“
(Dazu, lieber Monsieur Jacob, müssten die Filme natürlich auch ins Kino gebracht werden. Bei so manchem Werk könnten diese fünf Minuten alles sein, was man jemals davon zu Gesicht bekommt.) Offenbar trauen die Regisseure sich aber nicht so recht, oder vielleicht sind es auch die Studios, die davor zurückschrecken – das Internet mit seiner Umsonst-Kultur ist in diesen Kreisen immer noch der vierte Kreis der Hölle, mindestens. Und möglicherweise will man diesem Volk auch ein paar Minuten Film nicht kostenlos zum Fraß vorwerfen. Das ist schade. Erst der zehnte Wettbewerbsbeitrag, eben „Looking for Eric“, wagt sich nun hervor. Mögen seinem Beispiel noch so einige folgen.
Coraline
14. Mai 2009
(Bild: Universal)
In einem meiner alten Calvin-und-Hobbes-Comicbücher wird, wenn ich mich recht erinnere, lobend erwähnt, was für tolle Kommoden Bill Watterson zeichnen kann. Als Argument für die Großartigkeit von Calvin und Hobbes wirkt das erstmal merkwürdig, gibt es doch so viel offensichtlicheres – die überbordende Kleinejungs-Phantasie gepaart mit dem trockenen Witz der Erwachsenen zum Beispiel, oder dass dieser Sechsjährige über den Wortschatz eines College-Absolventen verfügt, aber nur auf eine angenehme, neugierige Weise altklug wirkt. Aber wie so oft bei großer Kunst: Wirklich groß ist sie nur, wenn sie auch im Kleinen funktioniert, wenn also nicht nur die Pointe gut gesetzt ist, sondern auch das kleine Schränkchen an der hinteren Wand von Calvins Zimmer überzeugend und originell aussieht. Das gilt natürlich auch für Dinge wie den Transmogrifier, der nur für ungeübte Augen aussieht wie ein simpler Pappkarton.
Und es gilt auch für pfeifende Teekessel.
Was mich zu Coraline bringt, einen der Filme aus der gerade aufkommenden 3-D-Welle. Regisseur Henry Selick, der Mann hinter dem legendären Stop-Motion-Meisterwerk Nightmare before Christmas, hat hier wieder eine Welt geschaffen, an der man sich nicht satt sehen kann. Wobei „3D“ nicht heißt, dass einem dauernd Dinge um die Ohren fliegen (wie zum Beispiel in dem durchaus vergnüglichen, aber auch sehr jahrmarkt-haften „Monsters vs. Aliens“). Es gibt nur einige wenige Momente, in denen die Welt auf der Leinwand aus sich heraustritt. Dafür sind einige Sequenzen von so ausgesuchter Schönheit, dass mir ihr 3D-Effekt auf den ersten Blick gar nicht auffiel. Die Szene etwa, in der das Mädchen Coraline (das ein wenig unter der mutwilligen Vokalvertauschung ihres Vornamens leidet) gelangweilt am Küchenfenster des alten Hauses steht, in das sie unfreiwillig mit ihren Eltern ziehen musste. Sie schaut hinaus in den Regen, und da die Kameraperspektive von außen zielt, schaut Coraline direkt ins Publikum. Dabei reiht sie kleine bunte Sammelbilder unten am Rahmen auf; zwischen ihr und uns ist die Glasscheibe mit Regentropfen drauf, die man bequem zählen und in ihrem abwärtigen Weg verfolgen kann, und dahinter öffnet sich der tiefe Raum der Küche. Die Einstellung ist atemberaubend, weil sie das Glas als Inbegriff des Flachen und die dreidimensionale Welt dahinter in einen Blick zwingt, und sie wird es umso mehr, weil man sich in dieser Räumlichkeit in aller Ruhe einrichten kann – ohne seine Reflexe gefordert zu sehen.
Coraline läuft am 30. Juli in Deutschland an, das ist immerhin zwei Monate vor Up, dem Eröffnungsfilm der gestern gestarteten Filmfestspiele von Cannes, ebenfalls in 3D. Nach dem zu urteilen, was über Up bisher zu lesen ist, gibt es nun insgesamt zwei sehenswerte 3D-Filme. Und beide zeichnen sich dadurch aus, dass sie auch in nur zwei Dimensionen funktionieren. Es geht um die einfachen Dinge, nicht um Überwältigung. Es geht um eine hübsche Kommode, einen durch Phantasie magisch gewordenen Pappkarton und um einen pfeifenden Teekessel.
Coraline in der Internet Movie Database
Ausführliches Interview mit Regisseur Henry Selick über die Stop-Motion-Technik
- Wegen Anna Karina.
- Wegen der Jukebox-Szene, die, je nach Lesart, inmitten einer turbulenten Liebesbeziehung fast einer Beleidigung des Regisseurs für die Karina – seinen Star und seine spätere Ehefrau – gleichkommt. Sie sitzt mit Belmondo in einem Café, er wirft auf ihren Wunsch eine Münze in die Jukebox und spielt Charles Aznavour: Tu t’laisses aller (davon gab es auch eine deutsche Version unter dem Titel „Du lässt Dich gehen“). Darin beschimpft Aznavour seine Frau als biestig, dick, unattraktiv, desinteressiert und langweilig. Godard lässt das ganze Lied ausspielen (drei Minuten und vierzig Sekunden) und schneidet dazu immer wieder auf Karina, die ein Foto ansieht, auf dem ihr Mann mit einer anderen Frau zu sehen ist. Selten war eine Musikuntermalung ein so direkter Ausdruck des Seelenlebens. (Das Lied selbst ist übrigens auch toll.):
- Weil es ein absurdes Striptease-Lokal wie das, in dem Angela arbeitet, leider nicht mehr gibt: Eine knappe Handvoll gelangweilter Männer in einer länglichen Halle an Tischen mit karierten Decken, und dazwischen laufen die Mädchen auf und ab und singen ein Lied, während sie sich ausziehen. Und Angela nimmt diesen Job so ernst wie eine Künstlerin ihre Werke.
- Überhaupt diese Dekonstruktion des Striptease!
- Weil Godard die Regeln und Konventionen der geliebten Hollywood-Musicals durch den Schredder gedreht hat – zum Beispiel, indem er zwischendurch immer wieder die Musik einfach abdreht –, dennoch ständig auf sie anspielt und gleich mit dem nächsten Schnitt unverrichteter Dinge weiterzieht:
- Weil es hier noch richtig Spaß macht, einen Godard-Film zu gucken und man ihn auch problemlos Leuten vorführen kann, die sonst schnell „Hilfe, Filmkunst!“ schreien und fortrennen.
- Weil – bei aller gewollten Künstlichkeit – die Geschichte des Paares doch berührt.
- Die Szene, in der Anna Karina und Jean-Claude Brialy wegen eines Streits nicht mehr miteinander reden und sich mithilfe von Buchtiteln aus dem Regal Beleidigungen an den Kopf werfen.
- Die Art, wie Brialy auf dem Weg zum Bücherregal die Stehlampe schultert (und wie er im Wohnzimmer Fahrrad fährt).
- Wegen des Wortspiels am Schluss, das in der deutschen Synchronisation verloren geht: „Angela, tu es infâme!“ – „Non, je ne suis pas infâme, je suis une femme!“ („Angela, du bist infam!“ – „Nein, ich bin eine Frau!“)


