Ich bin ein Fan von Gedrucktem. Mit meinen Abonnements von zwei Tageszeitungen plus fast eines halben Dutzends verschiedener Zeitschriften (die gottseidank nicht alle wöchentlich erscheinen) bin ich schon für Leute meines Alters ein seltenes Exemplar; eine Version von mir zehn Jahre jünger gibt es wahrscheinlich gar nicht. Aber auch ich merke natürlich, dass meine Aufmerksamkeit und meine Lesezeit immer mehr vom Internet aufgesogen wird. Blogs und Onlinezeitschriften – meistens zum Thema Film – gehören mittlerweile zur täglichen Lektüre oder werden mindestens quergelesen. Das ist thematisch meistens eine große Bereicherung, formal jedoch eher nicht. Der weitaus größte Teil des Netzinhaltes ist schlichtes geschriebenes Wort. Filmkritiken handeln vielleicht häufiger von alten oder von (in Deutschland) nicht sehr bekannten Filmen, sind vielleicht länger als anderswo und – wenn es sich um ein Blog handelt – in einem individuelleren Stil geschrieben, aber eben weiterhin fast ausschließlich geschrieben. Man könnte es ausdrucken, und abgesehen von der Erhöhung des eigenen Papierverbrauches würde sich nichts ändern.

Geht das auch anders, interessanter? Auf der Tagung über Filmkritik im Internet, die vergangene Woche in Berlin stattfand und über die ich bereits ausführlich berichtet habe, war ein wenig auch davon die Rede, welche formalen Bereicherungen eine internetöse Filmkritik haben könnte. Multimedia und so. Bisher ist es ein bisschen so wie eine Radioreportage ohne Geräusche oder ein Fernsehfilm mit Schwarzbild. Sehen wir uns einmal an, was für Möglichkeiten es gibt.

Da wäre zum einen die Mimikry. Webseiten, die die Tugenden aufwändigen Magazinlayouts zum Ausgangspunkt nehmen, wie zum Beispiel dieses Stück, in dem das Set Design von Star Wars mit zeitgenössischer Architektur und Kunst verglichen wird. Das würde sich in einem hochwertigen Farbausdruck sehr gut machen. Auch die Neigung zu Fußnoten deutet auf Inspiration aus dem Print-Universum.

A New Heap

Ähnlich diese serviceartige Strecke des New York Magazines, das sich mit Voraussagen für den Academy Award befasst. Die Tabellenform ist eine Zeitschriftenerfindung (hier handelt es sich ohnehin nur um den Online-Ableger eines Printproduktes) und funktioniert im Internet ebenso gut. Aber eben auch nicht besser.

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Das Fotoessay wiederum bietet mehr Möglichkeiten. Die Reihe von Bildern in diesem zeigt zwar eine Bildreportage von der Grenze zwischen den USA und Mexiko, wäre aber auch zu einem filmspezifischen Thema denkbar. Ein Rollover mit der Maus lässt einen Text zum Bild erscheinen, mit den Pfeilen kommt man – wie bei einer Filmrolle – einen Schritt weiter. So ließen sich ganze Szenenfolgen darstellen und analysieren.

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Mit ähnlichem Anspruch, aber ungleich weniger technischem Aufwand, setzt Glenn Kenny in seinem Blog zahlreiche Screenshots ein (statt der sonst üblichen ein oder zwei Szenenbilder, die man aus herkömmlichen Medien kennt), um Motive und Komposition, Zusammenhänge und Entwicklungslinien von Filmbildern zu illustrieren. Zum Beispiel hier über F.W. Murnau und Frank Borzage. Ähnlich auch David Bordwell, der die in seinen Lehrbüchern bewährte Praxis, Erzählmuster anhand von ausführlichem Bildmaterial zu erläutern, auch in seinem Blog fortsetzt.

Dieser Artikel von Stefan Höltgen über filmische Visualisierungen von Computer-Hacker-Zeug lässt ebenfalls Screenshots sprechen, und auch ich habe Selbiges bereits versucht, indem ich sich gleichende Bilder aus verschiedenen Filmen zusammengestellt habe. Bei aktuellen Filmen funktioniert dieser Ansatz allerdings kaum, weil dann nur wenige Ausschnitte und Szenenbilder zur Verfügung stehen. Eine DVD ist da schon hilfreich, wenngleich die rechtliche Situation nicht ganz einfach ist. Es sieht jedoch so aus, als würde dergleichen von den Studios geduldet.

Bisher ging es nur um Text und Fotos, aber das Internet kann natürlich noch mehr. Die Einbindung von Video ermöglicht zum einen eine Wiederbelebung des in Deutschland toten Genres der Filmsendung im Fernsehen – bloß halt nicht im Fernsehen, sondern auf Youtube. Marcia und Lorenzo (beide über 80) genießen mit ihren Kinotipps unter dem Titel „Reel Geezers“ in diesem Bereich Kultstatus. Hier geht es um Burn after Reading von den Coen-Brüdern:

Auch die New York Times hat ihren Kritiker A. O. Scott vor eine Kamera gesetzt, wo er von Zeit zu Zeit Klassiker bespricht, ergänzt durch ein paar Filmausschnitte. Hier spricht er über die Nacht der lebenden Toten:

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Dabei bleibt der zweieinhalb Minuten kurze Clip aber weit hinter der analytischen Tiefe zurück, die in den geschriebenen Kritiken der New York Times zu finden ist. Somit kann man das Feature, das eher ein Gimmick ist, ein schlichter Filmtipp, kaum als Gewinn bezeichnen. Ebenfalls bei der New York Times gibt es mit Anatomy of a Scene Analysen von, der Name sagt es bereits, einzelnen Szenen – eine Form, die hin und wieder auch als Extra auf DVDs zu sehen ist.

Zu einem großen Evolutionssprung setzt das Onlinemagazin Slate an. Dieses Feature, das sich mit Actionszenen befasst, steht allerdings ziemlich einzigartig dar. In zehn Beispielen von der Übersichtlichkeit des morgendlichen Faustkampfs in Weites Land (1958) über die lehrbuchartigen Kung-Fu-Szenen eines Bruce Lee bis zum chaotischen Schnittgewitter in The Dark Knight wird eine kleine Geschichte des Schnitts von Kampfszenen erzählt. Und zwar sehr anschaulich, weil zu den Texten jeweils der entsprechende Filmausschnitt abrufbar ist:

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Auf The House Next Door gibt es Video-Essays, in denen Filme zueinender in Verhältnis gesetzt werden. Szenen werden gegeneinander geschnitten, von einem Audiokommentar sind dazu kluge Dinge zu hören. Das sind längere Stücke von zehn oder zwanzig Minuten, in denen es viel zu erzählen und zu zeigen gibt, etwa zu Parallelen zwischen John Ford und C. T. Dreyer.

Clever ist auch, was das neue Filmmagazin Cargo versucht. Ein Video-Interview mit dem philippinischen Regisseur Lav Diaz wird in mehrere thematische Segmente aufgeteilt, die einzeln abrufbar sind. So wird die Anschaulichkeit eines gefilmten Interviews verbunden mit der Übersichtlichkeit eines Textes, dessen interessante Stellen man sich wie in einem Inhaltsverzeichnis heraussuchen kann (es wäre allerdings hilfreich, wenn nicht so viele Nebengeräusche – Geschirrgeklapper, Stimmengemurmel – das Verständnis erschweren würden.).

Von einer umwerfenden archivarischen Leidenschaft zeugen Experimente wie dieser Clip von Alonzo Mosley. Darin werden in neuneinhalb Minuten 100 Filmausschnitte aneinandergereiht, in deren Dialog jedes Mal eine Zahl vorkommt – beginnend mit 100, von da an abwärts zählend. Sich das anzusehen, ist eine äußerst skurrile, aber auch unterhaltsame Erfahrung.

Ein Flash-Monstrum wie dieses über „70 Jahre Superman“ kann natürlich kein Blog stemmen. Dieses Beispiel wurde von der kanadischen Tageszeitung Ottawa Citizen produziert. Mit der Maus blättert man das Comicheft um, darin finden sich Bilder, in Comic-Sprechblasen aufpoppende Texte, alte Radioshows und Folgen alter Fernsehserien. Warum nicht etwas ähnliches über einzelne Filmgenres oder über einen Regisseur oder einen einzelnen Film?

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Filmstöckchen 1110

25. November 2008

Das Filmstöckchen ist wieder bei mir, nachdem ich Mr. Magoriums Wunderladen bei David gelöst habe. Wie schon bei meinem ersten Stöckchen geht es nicht um einen aktuellen Film, sondern um einen Klassiker. Hier das erste Bild des Rätsels, das zugleich das erste Bild des Films ist:

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Die Woche auf Zelluloid

24. November 2008

Die Finanzkrise wird zunehmend in der Filmindustrie spürbar. Wie Variety berichtet, entlässt die Weinstein Company elf Prozent seiner Mitarbeiter. Die Finanzkrise allein wird nicht schuld sein. Das Independentstudio hatte in den vergangenen Jahren keinen rechten Hit mehr; verschätzte sich in den Erfolgsaussichten des Tarantino/Rodriguez-Doublefeatures Grindhouse und konnte auch die Kevin-Smith-Komöde Zack and Miri Make a Porno nicht zu einem Erfolg machen.

Was nicht heißen soll, dass es keine Erfolge gibt. Nur halt nicht für die Weinsteins. Habe ich in der vergangenen Woche an dieser Stelle von dem unermesslichen Reibach erzählt, den der neue James-Bond-Films an der Kinokasse macht (und der in Deutschland in der dritten Woche die Charts anführt)? Vergessen Sie, was ich gesagt habe. Es gibt schon die nächste Sau, die man durchs Dorf jagen kann. Twilight, die Verfilmung des Teenager-Vampir-Romans von Stephanie Meyer, hat soeben 70,6 Millionen Dollar an seinem ersten Wochenende eingespielt (deutscher Start am 19. Januar). Haben wir da den neuen Harry Potter vor uns, mit einem gutaussehenden Vampir statt eines bebrillten Zauberers? Die Kritiken in den USA sind nicht sehr angetan, was bei einem Film, dessen Zielgruppe sechzehnjährige Mädchen sind, nicht allzu verwunderlich ist. Roger Ebert fasst die Handlung in einem Satz zusammen, und ich bin mir nicht sicher, ob die süffisante Zweideutigkeit beabsichtigt ist oder ob nur ich sie in seine Worte hineinlese:

„It’s about a teenage boy trying to practice abstinence, and how, in the heat of the moment, it’s really, really hard.“

Bleiben wir bei den Filmkritikern. Von wem könnte dieser Satz aus einem Text über Ein Quantum Trost stammen:

„Weniger Bond ist verändert als die Welt, die er rettet. Der Ost-West-Konflikt ist überwunden, in dem die Gefahren der Welt klar abgesteckt und überschaubar erschienen. Im Gegensatz zu den heutigen Herausforderungen waren für viele die Unsicherheiten des kalten Krieges geradezu verlässlich und kalkulierbar. Die globalisierte Welt dreht sich schneller. (…) Das beginnt bei der Finanzmarktkrise, die ihre Spuren hinterlässt, wenn Verbrecher auf Euro bestehen statt auf Dollar. Und das geht bis zur Frage unserer ökologischen Ressourcen, wenn Wasser als das kostbarste Gut der Zukunft in den Mittelpunkt gerückt wird.“

Nicht erraten? Gut, ein kleiner Tipp: Stellt man sich die Kritik gesprochen vor, müsste man viele „Ähs“ einbauen und auch einen komplizierteren Satzbau. Na, immer noch nicht? Es ist … Edmund Stoiber, der für das Magazin der Süddeutschen Zeitung unter die Filmkritiker gegangen ist.

Als Nachklapp zu der Tagung über Filmkritik und Internet vergangene Woche in Berlin hier noch das Transkript einer ähnlichen Veranstaltung in New York.

Und zum entspannenden Abschluss dieser Woche auf Zelluloid listet die Self Styled Siren zehn Gründe auf, alte Filme zu lieben, darunter die Kleider der Damen, spanische Wände, Züge mit Schlafwagen, Nachtclubs und Großaufnahmen von Zetteln oder Briefen mit wunderschöner Handschrift.