15. Filmfest Oldenburg

19. September 2008

Funke)

Drehte mit Robert Downey Jr., Neve Campbell, Claudia Schiffer, Heather Graham und Mike Tyson: James Toback auf dem Filmfest Oldenburg. Foto: thfu

Ich bin aus Oldenburg zurück, mit einer etwas mageren Ausbeute von nur 13 Filmen. Und von denen waren ein Drittel auch noch alt, nämlich aus der James-Toback-Retrospektive (für critic.de habe ich ein Interview mit ihm geführt, das, dank seiner exaltierten Persönlichkeit, enorm unterhaltsam geworden ist). Nicht unterbringen konnte ich zum Beispiel „Turn the River“ von Chris Eigeman, von dem ich viel Gutes, sowie „Die Möglichkeit einer Insel“ von Michel Houellebecq, von dem ich viel Schlechtes hörte. Auch „Friedliche Zeiten“, den Eröffnungsfilm von Neele Leana Vollmar, konnte ich nicht sehen. Ihr Debüt Urlaub vom Leben hatte mir vor drei Jahren gut gefallen.

Neben Toback, den ich vorher gar nicht kannte, habe ich vor allem eine Entdeckung gemacht: Die Schauspielerin Susanne Wolff, die einer der wenigen Gründe ist, „Die Glücklichen“ anzusehen, und die außerdem die Hauptrolle in „Das Fremde in Mir“ spielt, dem Gewinnerfilm des Oldenburger Festivals (ein Bericht zum Festival von mir ebenfalls bei critic.de). Susanne Wolff ist nicht nur bildschön (was in „Die Glücklichen“ mehrmals erwähnt wird), sondern zudem von einer Präsenz, die mich an Gena Rowlands erinnert hat. Die Borderline-Persönlichkeit, die sie in Die Glücklichen spielt, ist die interessanteste Figur des ganzen Films.

Mein Festival-Fazit:

Überragend:

Sehenswert:

  • Puffball (Nicolas Roeg, siehe Foto oben)
  • Tyson (James Toback)
  • Reach for Me (LeVar Burton)
  • Choke (Clark Cregg)

Fast gelungen:

  • Die Glücklichen (Jan Georg Schütte)
  • Big Heart City (Ben Rodkin)
  • On the Doll (Thomas Mignone)

Enttäuschend:

  • Love Live Long (Mike Figgis)

 

Kelly Reilly in Nicolas Roegs "Puffball"

Schwangere in saftigem Grün: Kelly Reilly in Nicolas Roegs "Puffball". Foto: FF Oldb

 Insbesondere an „Puffball“ waren die Erwartungen natürlich groß. Nicolas Roegs erster Kinofilm seit vielen Jahren ist auch in der Tat gut, aber nicht das Meisterwerk, das man von ihm insgeheim erhofft hat. Vieles ist ein Konglomerat aus Elementen seiner früheren Filme (Mädchen mit roter Kappe, Verlust eines Kindes, Restaurierung eines alten Gebäudes), auch ein wenig von Peckinpahs „Straw Dogs“ und von Polanskis „Rosemaries Baby“ klingt an. Kelly Reillys Brüste sind in einer Sexszene zu sehen, aber das Interessanteste sind vielleicht die in jeder Sexszene (insgesamt gibt es drei, wenn ich richtig mitgezählt habe) Mikroskopaufnahmen von Sperma im Uterus und von einem sich bewegenden Penis im Frauenleib.

 

Mit dem Filmesehen (Tage eins und zwei jeweils fünf, Tag drei das Toback-Interview und zwei Filme, einschließlich Abschlussgala) war ich vollauf beschäftigt. Gerne hätte ich mehr Zeit gefunden, schon vom Festival aus zu bloggen, oder mehr Interviews zu machen. Aber jeder verpasste Film ist wie ein kleiner Nadelstich, und wer will schon akupunktiert im Kino sitzen?

Der Baader-Meinhof-Komplex

18. September 2008

Es gibt ein Lied von Billy Joel namens „We Didn’t Start the Fire“, dessen Text aus nichts anderem besteht als der Aneinanderreihung von Namen und Begriffen aus der jüngeren Geschichte. Es fängt so an: „Harry Truman, Doris Day, Red China, Johnnie Ray“ und geht weiter über Joe McCarthy, Richard Nixon, Sugar Ray, Marilyn Monroe usw., wobei die Folge der Namen jeweils zu Reimen zusammengeführt wird. Dabei entsteht ein Stakkato von 4 Minuten und 50 Sekunden Länge, es ist ein super Song.

Der Baader-Meinhof-Komplex ist dieses Lied als Film, mit deutscher statt amerikanischer Geschichte. Würde man das Drehbuch auf 4 Minuten und 50 Sekunden bringen wollen und mit Musik unterlegen, könnte die erste Zeile ungefähr so klingen: „Rudi Dutschke, an die Wand, Prügelperser, Kaufhausbrand“ und die zweite „Untergrund, Bullenschwein, Rasterfahndung, Jugendheim“. Oder so ähnlich, das Prinzip dürfte klar sein. Was ich sagen will: Der Film ist eine zweieinhalb Stunden lange Liste von bekannten Vorkommnissen, die in zwar aufwändiger und bemerkenswerter Detailfreude nachgestellt werden, die aber auf Dauer sehr ermüdend sind. Dass noch die kleinste Rolle mit bekannten Schauspielern besetzt wurde, bringt den Zuschauer dazu, das ganze als Ratespiel zu verstehen: Habe ich jetzt auch alle erkannt? Um dieses Ziel zu erreichen, muss man aufpassen wie ein Luchs. Kaum ist Rudi Dutschke zum ersten Mal aufgetaucht, bei seiner großen Rede im Audimax der TU Berlin (am Originalschauplatz gedreht, wie die Macher nicht müde werden zu betonen), schon kommt in der nächsten Szene Tom Schilling um die Ecke gelaufen, um Dutschke zu erschießen. Also Schilling in seiner Rolle als Josef Bachmann natürlich, aber solche Dinge sind schwer zu trennen, da können die Mimen noch so gut spielen (und das tun sie).

Update: Über denselben Film habe ich mich noch einmal geäußert.